Lob und Kritik für geplantes Mahnmal gegen Rassismus in Aue

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Gemeinsam mit der Stadt Solingen plant die Große Kreisstadt eine Skulptur auf dem Altmarkt aufzustellen, die sich gegen Rassismus richtet. Bei den Fraktionen im Stadtrat löst die Ankündigung gemischte Reaktionen aus.

Aue-Bad Schlema.

Mit der Ankündigung, auf dem Auer Altmarkt ein großes Mahnmal gegen Rassismus und Diskriminierung errichten zu wollen, hat die Stadtverwaltung von Aue-Bad Schlema jüngst viele Menschen in der Region überrascht, darunter auch Stadträte. So erklärt Lars Bochmann (AfD), erst in der Presse von den Plänen erfahren zu haben: "Bis heute liegen uns weder Informationen des Oberbürgermeisters noch amtliche Unterlagen vor."

Die gut zwei Meter hohe Skulptur mit dem Namen "Handschlag der Kulturkreise" soll laut Stadtverwaltung zwei überdimensionale, ineinandergreifende Hände zeigen und künftig sowohl in der Brückenstadt als auch in Aues nordrhein-westfälischer Partnerstadt Solingen stehen. Doch zum Mahnmal und seinem geplanten Standort gibt es offenbar noch Gesprächsbedarf, wie eine Anfrage von "Freie Presse" bei mehreren Stadtrats-Fraktionen zum Thema ergeben hat.

Die Freien Wähler beispielsweise fühlen sich "etwas überfahren, wenn ein solches Mahnmal von außen in das Herzstück Altmarkt gesetzt werden soll", wie Beatrice Meichßner erklärt. Sie ist Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Stadtrat. "Das ist, als schenke einem jemand ein Bild für das Wohnzimmer, weil es doch eine gute Botschaft hätte." Zur Mahnmal-Idee als solcher sagt sie: Bei großen Teilen der Freien Wähler werde das Projekt "als aufgebauscht und aufgezwungen" empfunden. "Wir sind der Ansicht, ein Mahnmal sollte aus einer Stadt selbst erwachsen." Dabei hätten die Bürger ein Mitspracherecht.

Klar gegen die Skulptur-Idee bezieht die Fraktion "Wir sind Aue-Bad Schlema" (Wabs) Stellung. Die Menschen, erklären Steffen Barth und Yvonne Bochmann, wollten kein zusätzliches Mahnmal, weil Mahnmale nicht viel bewegten. In Aue oder Solingen sei es auch an der falschen Stelle. Es gehöre eher nach Berlin und Washington, wo es Personen ermahnen könnte, die etwa für Kriege die Hauptverantwortung tragen würden.

Nur ausweichend äußert sich wiederum die AfD. Grundsätzlich begrüße man Initiativen, die sich positiv auf das Zusammenleben und auf die Gestaltung der Stadt auswirken, so Lars Bochmann. "Veränderungen die politisch motiviert, tendenziös und nur einem privilegierten Teil der Bevölkerung dienlich sind, finden keine Zustimmung."

Klares Lob dagegen von der Fraktion aus Die Linke und SPD: "Dieses Mahnmal ist ein tolles Statement der Stadt und ein starkes Zeichen für Demokratie und Vielfalt", sagt Linken-Stadtrat Andreas Rössel. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus seien "leider auch in unserer Stadt nicht außen vor". Gesprächsbedarf sieht er aber beim Titel "Handschlag der Kulturkreise". Der sei nicht zeitgemäß, da der Begriff Kulturkreis vermittele, dass bestimmte Kulturen in eine bestimmte Region gehören. "Alle Religionen findet man jedoch heute in der ganzen Welt verstreut." Die Fraktion schlägt als Alternative die Bezeichnung "Handschlag der Kulturen" oder "Handschlag für Vielfalt" vor. Ebenso fordert Rössel, dass über die Errichtung des Mahnmals der gesamte Stadtrat diskutieren sollte. Das sieht auch Beatrice Meichßner von den Freien Wählern so.

Ebenfalls Zustimmung für das Mahnmal-Projekt kommt von den Christdemokraten. "Grundsätzlich bewerte ich eine solche Idee positiv, ist es doch ein Zeichen der Demokratie", sagt Hans Beck, der CDU-Fraktionsvorsitzende. Zur Frage, was ein Mahnmal gegen Rassismus mit Aue zu tun hat, erklärt er: "Auch in unserer Stadt gab es in der Vergangenheit solche Tendenzen. Aus diesem Grund sollten, besser müssen wir diesem in jeder Form wehren, genau das kann auch durch ein solches Mahnmal geschehen." Zudem zeige man damit Solidarität zu anderen Ereignissen, wie dem Anschlag eines Rechtsextremisten in Halle 2019 auf eine Synagoge.

Der Angriff auf die Synagoge war Anlass für die Idee einer Doppel-Skulptur für Aue und Solingen gewesen. Sie geht auf die Initiative von Markus Klein zurück. Der Solinger Diplomökonom betreibt in Aue und in der nordrhein-westfälischen Großstadt eine Steuerberatungs- und Wirtschaftskanzlei. Der Rotary-Club Solingen - in dem Klein Mitglied ist - hatte nach dem Anschlag in Halle einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, um Maßnahmen gegen Diskriminierung zu ergreifen. So entstand der Entwurf des "Handschlags der Kulturkreise".

Hetzerische und intolerante Entwicklungen kennzeichneten immer mehr die gesellschaftliche Situation, erklärt dazu die Stadtsprecherin von Aue-Bad Schlema, Jana Hecker. Das fordere eine Reaktion demokratischer Kräfte. "Das Mahnmal eignet sich als zentraler Anlaufpunkt, als Ort der Begegnung."

Doch wo genau die Skulptur eines Tages stehen könnte, auch dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Linke und SPD halten den Postplatz und den Altmarkt für einen möglichen Standort - letzterer, "weil dort in der jüngsten Vergangenheit fremdenfeindliche Demonstrationen abgehalten wurden." Die Freien Wähler wiederum sehen als würdigen Platz den Grünstreifen vor der Dürerschule oder den Stadtgarten - vorausgesetzt, das Mahnmal werde von den Bürgern gewünscht. Hans Beck (CDU) hält den Altmarkt für möglich, ebenso den Neumarkt. "Und zwar dort, wo die alte St.-Nicolaikirche stand", erklärt er. "Denkbar ist auch ein Standort inmitten des geplanten Kreisverkehres auf der Schiller-Straße."


"Handschlag der Kulturkreise": Was die Skulptur und die Symbole darauf bedeuten

Die Skulptur "Handschlag der Kulturreise" soll zwei einander fassende Hände zeigen, die farbig voneinander abgesetzt sind. So klinge die Vorstellung unterschiedlicher Hautfarben an, heißt es aus der Stadtverwaltung Aue-Bad Schlema. Gefertigt wird die Skulptur aus zwölf Millimeter dicken Platten aus Edelstahl und Corten-Stahl. In die Platten sind Ausschnitte mit insgesamt sieben Symbolen gearbeitet: das christliches Kreuz, der islamische Halbmond mit Stern, der Davidstern, die Silhouette der Türe der Synagoge in Halle, das hinduistische und buddhistische "Om", eine Faust für "Black Power" und "Black Lives Matter" sowie eine Friedenstaube.

Die Friedenstaube wird dabei bewusst ins Zentrum gestellt, um nach Angaben der Stadtverwaltung jede Interpretation hinsichtlich einer Rangfolge auszuschließen, die sich aus den einzelnen Religionssymbolen ergeben könnten.

Das Mahnmal soll als Anlaufstelle für Antidiskriminierungsvorhaben dienen. Durch die Zentrumsnähe sorge es für eine dauerhafte Auseinandersetzung mit der Thematik, so Stadtsprecherin Jana Hecker. Auch in den Unterricht an den Schulen könnte das Denkmal eingebunden werden. (juef)

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