Lößnitzer einig: Hände hoch für unser Bronzeglockenspiel

Der Vorschlag des Bürgermeisters trifft auf breite Zustimmung: Die Glocken sollen bleiben, wie sie sind. Die umstrittenen Nazi-Inschriften werden erklärt. Das letzte Wort hat der Stadtrat.

Lößnitz.

Wenn es nicht gerade um einen exzellenten Philharmoniker geht, tut man sich als Autor in unseren Breiten schwer damit, zu schreiben, dass jemandem lang anhaltender stürmischer Beifall zuteilwurde. Erstens sind Erzgebirger selten so überschwänglich. Zweitens denkt man an Zeiten, die 30 Jahre zurückliegen und in denen die Offiziellen ständig mit Beifallsbekundungen überschüttet wurden. In diesem Fall aber kommt man nicht daran vorbei, will man die Atmosphäre beschreiben, die Dienstagabend in der Erzgebirgshalle Lößnitz herrschte.

Also: Bürgermeister Alexander Troll (CDU) erntete anhaltenden stürmischen Beifall für seine Vorschläge zur Zukunft des Lößnitzer Bronzeglockenspiels. Die belasteten Glocken sollen weder ausgetauscht noch verändert und schon gar nicht zum Schweigen gebracht werden. Informationstafeln, die unter geschichtswissenschaftlicher Begleitung entstehen, sollen die Inschriften erklären und das Instrument zu einem Mahnmal machen. Dieser Vorschlag steht nächsten Mittwoch im Stadtrat zur Abstimmung.

Das Carillon, das als ältestes seiner Art gilt, ist in die Kritik geraten, weil vier der 23 Glocken Inschriften aus der Nazizeit tragen. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten forderte die Stilllegung. In Internet-Veröffentlichungen wurde satirisch-böse die Nazikeule gegen Lößnitz geschwungen. Was das in vielen Bürgern ausgelöst hat, beschrieb Karina Kartach, eine Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, so: "Es wird Hass geschürt. Die Leute, die so etwas verbreiten, sollten sich überlegen, was sie dem Ruf der Stadt antun."

Die Diskussion war Teil der Veranstaltungsreihe zum 80-jährigen Jubiläum des Glockenspiels, das 1938 gegossen und 1939 zum Klingen gebracht wurde. Ohne die Erregung im Vorfeld hätte vielleicht ein Heimatforscher einen Abriss gegeben, nun hielt der Bürgermeister einen anderthalbstündigen Vortrag und der Abend wirkte wie ein Referendum über das Schicksal der im Kirchturm eingebauten Glocken.

Zu einer Art Abstimmung kam es dann auch, als ein Teilnehmer die Anwesenden aufforderte, die Hand zu heben, wenn sie für die Erhaltung des Glockenspiels seien. Fast alle Arme gingen nach oben. Die, die unten blieben, waren nicht sichtbar, sie gingen in der Masse unter. Eine Gegenprobe gab es nicht.

Das Ergebnis überrascht nicht. Tatsächlich lebt in Lößnitz wohl niemand, der das Glockenspiel schleifen will. Der Vorschlag des Bürgermeisters deckt sich mit dem, was die Stadtratsfraktion der Linken vorgeschlagen hat, wohlwissend, was politisch durchsetzbar ist.

Der Ortsverband der Linken sähe es lieber, wenn die belasteten Glocken ausgetauscht würden. Ortschef Nikolai Hager merkte kritisch an, dass es zu der Zeit, als die Glockeninschriften entstanden, bereits Konzentrationslager und 60.000 Inhaftierte gegeben habe. Bürgermeister Troll hatte die Inschriften zuvor mit der Euphorie des Jahres 1938 erklärt, als Österreich und das Sudetenland ans Deutsche Reich angegliedert wurden, was auf enorme Zustimmung in der Bevölkerung gestoßen war. Das Münchner Abkommen zwischen Hitler und dem britischen Premier Chamberlain, Frankreich und Italien hätten die Menschen als Rettung des Friedens angesehen. Trolls Vortrag ist im Detail auf der Internetseite der Stadt nachzulesen.

Hager äußerte Kritik an der Stifterin der Glocken, Clara Pfauter: "Seit 1933 war sie Fördermitglied der SS - bis zum totalen Zusammenbruch. Der SS, die unseren Bürgermeister Rudolf Weber erschossen hat." Bürgermeister Troll verwies nochmals auf den damaligen Zeitgeist: "Sind wir heute in der Lage, über Einzelne den Stab zu brechen?"

Hager bekam die Empörung der Lößnitzer zu spüren, konnte nicht weiterreden. Ähnlich ging es aber auch einem Teilnehmer aus Aue, der sich in reichsbürgerhaften Andeutungen erging und AfD-Stadtrat Matthias Henke, der Hager angriff.

Der Glockensachverständige Gerd Schlesinger aus Schwarzenberg fand hingegen volle Zustimmung: "Inschriften spielen für das Glockenspiel keine Rolle. Weil mit ihm Lieder gespielt werden. Nur liturgisch geweihte Glocken verkünden das, was ihre Inschrift sagt."

Weitere Veranstaltungen zum Glockenspieljubiläum. Mittwoch, 2. Oktober: 18 bis 22 Uhr Besichtigung des Carillons in der St. Johanniskirche. Sonntag, 6. Oktober: 19 Uhr Konzert in der Johanniskirche mit dem Bergmannsblasorchester Schlema, Orgel (Martin Schulze) und Glockenspiel (Wido Hertzsch).


Die umstrittenen Inschriften des Glockenspiels im Turm der St. Johanniskirche

Die zweitgrößte Glocke zeigt das damalige Hoheitszeichen, Adler mit Hakenkreuz, dazu die Worte: "Im Jahre 1938 als unter Adolf Hitlers Führung Oesterreich die Ostmark Großdeutschlands wurde und Sudetenland heimkehrte ins Reich, gegossen von Franz Schilling Söhne in Apolda".

Auf Glocke drei steht: "Ein Volk". Sie ist mit einem Mäanderband verziert.

Auf Glocke vier steht: "Ein Reich". Sie trägt einen Hakenkreuzfries.

Auf Glocke fünf steht: "Ein Führer", dazu ein Hitler-Zitat: "Wir danken in dieser Stunde dem Allmächtigen, daß er uns auf dem Wege in der Vergangenheit gesegnet hat und bitten Ihn, daß er auch in Zukunft unseren Weg zum Guten geleiten möge. Adolf Hitler Eger 3.10.1938." (In vielen Veröffentlichungen steht das Datum 23.10.1938. Dieses ist falsch.)

11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 10
    8
    Malleo
    26.09.2019

    Einspruch
    Köstlich, dazu ein kleiner Ausflug in die Baugeschichte.
    Das Gebäude des RLM wurde 1935 bis 1936 errichtet.
    Hausherr war bekanntlich Göring, heute sitzt wohl nach Schäuble der Minister Scholz als Finanzminister im "belasteten" Bau.
    Wie wäre es mit einem Neubau?
    Oder doch nicht, ob der beispiellosen Kompetenz der Berliner Bauherrschaft?

  • 11
    9
    Einspruch
    26.09.2019

    Nehmen wir mal das unmögliche an. Heutzutage würde eine Glocke neu gegossen und ein Geflüchteter würde wegen seiner Verdienste in der Integration auf der der Glocke verewigt.
    Später stellt sich heraus, er war ein gesuchter Verbrecher und Folterer, vielleicht von Käpt’n Rackete hergebracht. Würde Distelblüte das Einschmelzen der Glocken verlangen? Die Antwort kann sie wohl nur selbst geben.

  • 6
    15
    Distelblüte
    26.09.2019

    @Freigeist14: Zum einen: diese Glocken gehören nicht der Kirche, sondern der Stadt. Deshalb wurde auch vom Bürgermeister, dem Stadtrat und in dieser Weise entschieden.
    Zum anderen: es stimmt, dass sich beide Volkskirchen im 3. Reich dem Zeitgeist angepasst haben. In der breiten Masse sind die Deutschen Christen brav hinter dem Führer und seinen kleinen Ortsvorstehern hergetrottet, ohne Fragen zu stellen.
    Aber: es gab auch die Christen, die den Werten der Bekennenden Kirche gefolgt sind; namhafte und bekannte Vertreter sind Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller. Dietrich Bonhoeffer und andere bezahlten für ihre Glaubensüberzeugungen mit dem Leben. In ihrem Erbe steht die Evangelische Kirche heute, und es gilt das Stuttgarter Schuldbekenntnis, nachzulesen hier: https://www.ekd.de/Stuttgarter-Schulderklarung-11298.htm
    Auszugsweise heißt es darin:

    "...als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer grossen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit grossem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."
    Zuletzt noch ein Zitat von Karel Stojka, Häftling in #Auschwitz: "Nicht Hitler, Göring, Goebbels, Himmler oder wie die alle hießen, haben mich verschleppt und geschlagen. Nein, es war der Schuster, der Nachbar, der Milchmann, der eine Uniform bekommen hat (...) und dann waren sie die Herrenrasse".

  • 12
    4
    Malleo
    26.09.2019

    Nun liebe Moderatoren, ein weiterer Versuch meine Eindrücke zu schildern.
    Ich habe jetzt mal keinen Bezug zu einer omnipräsenten Pflanze genommen...., denn sie verdient keine Aufmerksamkeit.

    Als Zwickauer habe ich an der Veranstaltung teilgenommen.
    Dem Bürgermeister gebührt Dank für den hervorragenden Beitrag, der die Entstehung des Glockenspiels bis ins Detail in den historischen Kontext stellt.
    Eine Vorgehensweise, die in der Gegenwart selten bei vergleichbarer Thematik praktiziert wird.
    Jedem Zuhörer konnte deshalb, unabhängig vom eigenen "Vorwissen", eine Grundlage für eine Meinungsbildung gegeben werden.
    Die nachfolgenden Diskussionen würdigten auch diese frei von ideologischen Barrieren geprägte Herangehensweise.
    Unter Hinweis auf Reden von Weizsäcker, Elias und v. Dohnanyi, die genau diese Einordnung scheinbar "belasteter" Gegenstände fordern, ist festzustellen, dass keiner so blind ist wie der, der nicht sehen will, zumal, wenn er oder sie durch eine ideologische Barriere behindert oder gar ausgebremst wird.
    Anderen Einordnungen muss man vorhalten, dass sie nur mit ausgesprochener intellektueller Schläfrigkeit und/oder Unwissen zu begründen sind.
    R. v. Weizsäcker.
    "Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht.
    Schuld ist wie Unschuld nicht kollektiv sondern persönlich"
    In die Diskussion konnte ich zwei vergleichbare Vorgänge mit je unterschiedlichen Ausgang einbringen.
    1.Antrag auf Entfernung der Statue "Judensau" an der Stadtkirche in Wittenberg.
    Ergebnis: Die Statue bleibt.
    Hinweis- sonst hätte man gleichwohl den Reformator Luther landesweit vom Sockel ob seiner "Türkenbriefe" und antisemitischer Äußerungen stoßen müssen!
    2. Antrag auf Entfernung einer vom Rotary Club gestifteten Gedenktafel für Carl Hahn sen. in Chemnitz unter Hinweis der Beschäftigung von Zwangsarbeitern in Chemnitzer Betrieben.
    Unter Bezugnahme auf Einschätzungen "linker Historiker" fiel Frau Ludwig, OB in Chemnitz um.
    Carl Hahn jun. traf ich kurz nach dem Affront in Ingolstadt rein zufällig und wir tauschten uns darüber aus. Seinen Kommentar behalte ich für mich.

    Dem Bürgermeister der Stadt Lößnitz mit seinen selbstbewussten Bürgern gilt zu danken, dass sie nicht dem selbstgerechten linken und vermeintlich antifaschistischen Zeitenstrom folgten.
    Möge deshalb das Glockenspiel noch lang Einwohner und Gäste erfreuen.

  • 20
    4
    ralf66
    26.09.2019

    Das ist doch ganz einfach jeder Staat hat seine Staatsinsignien und diese werden und wurden gerne einmal auf Dingen verewigt, wie zum Beispiel bei Glocken, jetzt wurden die Glocken nun einmal in der Zeit des 3. Reiches mit Hakenkreuz gegossen und das lässt sich nun mal nicht ändern, man sollte schon wegen des Denkmalschutzes nichts an den Glocken verändern.

  • 22
    3
    KTreppil
    26.09.2019

    Man sollte die Kirche im Dorf, die Glocken am Turm und die Lößnitzer endlich mal wieder in Ruhe lassen! Jeder, der das Glockenspiel wenigstens einmal gehört hat, weiß warum sich die Bürger dafür aussprechen. Die Symbole auf diesen einzelnen Glocken waren pure Propaganda wie es in dieser Zeit typisch war, dennoch sind die Glocken nicht verantwortlich für die Verbrechen der Nazizeit, die auch kein vernünftiger Bürger, auch kein Lößnitzer verharmlosen würde. Was aber teilweise in diesem Forum hinein interpretiert wird ist ebenfalls pure Propaganda. Akzeptiert die Entscheidung der Bürger und würde ich noch in Lößnitz wohnen, hätte ich ebenso meine Hand erhoben. Es gibt in Lößnitz bestimmt auch nicht mehr oder weniger Rechtes Gedankengut als in anderen Orten Sachsens und Deutschlands. Diese Tatsache soll nicht in Abrede gestellt werden. Am Glockenspiel liegt das jedenfalls ganz bestimmt nicht. Aber wer weiß, vielleicht geht es noch hysterischer und alle Glocken Deutschlands werden auf ihre Gesinnung überprüft?
    Ich jedenfalls freue mich über die Entscheidung für das Glockenspiel, hoffe der Stadtrat schließt sich dem an und ich kann auch bei einem nächsten Besuch in meiner alten Heimatstadt die Glocken läuten hören.

  • 25
    4
    Freigeist14
    26.09.2019

    Ihren Übereifer, Distelblüte@ der Andere , kann man nicht nachvollziehen . Von "Naziglocken" zu schreiben ,verkennt völlig die Aufgabe des Schlagwerkes . Eine erklärende Tafel kann der Nachwelt viel besser vermitteln ,wie sich die evangelische Kirche in den Dienst der Nazi - Diktatur stellte und mitschuldig machte. Herausgefräste Rückstände an den Glocken geben der Nachwelt auch Klärungsbedarf und verbessern dabei nichts .

  • 5
    38
    Distelblüte
    26.09.2019

    Das Verhalten der Lößnitzer und ihres Bürgermeisters ist einer Weltkulturerberegion würdig. Ironie off.

  • 7
    40
    Distelblüte
    26.09.2019

    Es wird befürchtet, dass die Diskussionen im Vorfeld dem Ruf der Stadt Lößnitz schaden. - Das denke ich nicht.
    Wenn es allerdings stürmischen Beifall dafür gibt, die Naziglocken zu lassen, wie sie sind ( ergänzt mit einer Infotafel), zeigt das vor allem, dass die überwiegende Mehrheit zu den Inschriften steht oder zumindest geschichtsvergessen ihre Bedeutung relativiert.
    Und an Herrn Bürgermeister Troll: eine Kollektivschuld entsteht aus den Taten und vor allem den Unterlassungen vieler einzelner Menschen. Dabei von Zeitgeist zu sprechen, dem halt alle gefolgt sind, ist der Gipfel der Ignoranz. Darüber breche ich den Stab. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

  • 8
    39
    mathausmike
    26.09.2019

    Unglaublich,dass diese Glocken mit Naziinschriften unversehrt bewahrt und sogar in Betrieb bleiben!
    Sind doch nur Glocken :-)
    Der Nazisumpf muß total trocken gelegt werden und nich noch mit Tafeln versehen!

  • 28
    3
    Urlaub2020
    26.09.2019

    Das mit der Tafel finden wir gut.



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