Nach 178 Jahren: Goedsche Buchhandlung schließt für immer

Ende August ist Schluss: Ute Müller gibt den Laden am Markt in Schneeberg auf. Damit endet eine Ära. Für die 57-Jährige indes beginnt nun ein ganz neuer Lebensabschnitt.

Schneeberg.

Für einen Moment hält Ute Müller inne. Sie schluckt. Tränen steigen ihr in die Augen. Dann atmet sie tief durch und wirkt wieder gefasst. Doch der Gedanke an den Augenblick, wenn sie bald das letzte Mal den Schlüssel im Türschloss ihrer Buchhandlung umdreht, berührt sie sehr. Ende August soll unwiderruflich Schluss sein. Dann endet in Schneeberg eine 178-jährige Unternehmenstradition: die Goedsche Buchhandlung am Markt schließt.

"Es geht nicht mehr", erklärt Ute Müller den Schritt. Die 57-Jährige bedauert das. "Ich habe mir es nicht leicht gemacht", beteuert sie. Doch die Zahlen geben es nicht länger her. Noch zehn Jahre muss die in Lauter aufgewachsene Geschäftsfrau, die seit 1984 in Schneeberg lebt, Geld verdienen. In der Buchhandlung war das nicht möglich.


Nach 27 Jahren Selbstständigkeit wechselt sie deshalb jetzt auf die Seite der Angestellten in einen anderen Job. "Es wird was im Handel werden", sagt sie. Spruchreif sei noch nichts. Ohnehin fühle sich momentan alles unwirklich an. Nur die Nachfragen von Stammkunden, ob der Laden wirklich schließt, erinnern an den unvermeidlichen Termin. Achselzuckend steht Ute Müller dann da und sagt: "Es geht nicht mehr."

Für sie ist es ein mulmiges Gefühl. Zumal sie ein Traditionsunternehmen führt. Schon 1841 eröffnete Bruno Friedrich Goedsche die Verlags-, Kunst- und Musikalienhandlung in Schneeberg. In einer Anzeige, die damals im Leipziger Börsenblatt erschien, wirbt er mit Qualität, Zuverlässigkeit und Begeisterung fürs Fach. "Das ist bis heute so", sagt Ute Müller. Doch alle Geschäftstugenden bewahrten den Laden nicht vorm Aus. Für Goedsche lief es seinerzeit besser. Er eröffnete Filialen in Eibenstock, Schwarzenberg und Johanngeorgenstadt - sie gibt es längst nicht mehr. Nur sechs bis acht Tage betrug die Lieferzeit. "Für damals beachtlich", so Müller. Heute klappt der Versand bei ihr teils über Nacht. Nach Goedsches Tod übernahm seine Gattin Emilie 1875 die Geschäfte. Ihr folgte Karl Schmeil, der 1881 ins Unternehmen eintrat, Buchhändler lernte und 1891 - genau 50 Jahre nach Gründung - die Geschicke übernahm. "Ein engagierter Mann", weiß Müller. Schmeil war 25 Jahre Stadtabgeordneter und trug den Albrechtsorden, den einst der sächsische König stiftete. Seine Frau Clara führte die Geschäfte ab 1927. Gehilfe Gustav Gräßler stand ihr zur Seite und unterstützte nach Claras Tod deren Nichte Charlotte Leers im Laden, die ihn bis 1986 prägte. "Dann folgte meine Mutter", sagt Müller.

Der Laden - damals noch am Fürstenplatz 1 - zog 1994 um. Das im Volksmund als Schmeilhaus bekannte Gebäude war von der Schmidt-Bank erworben worden. "Mitbieten war bei der Summe unmöglich", erinnert sich Ute Müller. Die Buchhandlung nebst Schreibwarensortiment zog an ihren jetzigen Standort ins Haus Markt 4 um. Seither gehen Stammgäste, Einwohner und Touristen ein und aus. "1994 stieg ich ins Geschäft mit ein." Seit 2008 ist Ute Müller alleinige Chefin, organisierte Fahrten zur Buchmesse, Lesungen, ein Hoffest und auch die Einkaufsnacht maßgeblich mit. All das werde ihr fehlen, sagt sie - und atmet wieder tief durch.

Derzeit gibt es hohe Rabatte, um die Regale zu leeren. Gutscheine sind laut Müller noch bis 31. August einlösbar. Eine Fahrt zur Buchmesse Leipzig gibt es 2020 auch noch. Aber alles andere ist bald Geschichte. Der Trend zum Kauf via Internet, Großhändler mit Niedrigpreisen etwa bei Schreibwaren und die junge Generation unter 40, die eher elektronisch liest, seien das Paket, das die Bilanz zusehends schmälert. Von vormals zwei Angestellten ist noch ein Mitarbeiter da. Seit März geht es wirtschaftlich steil bergab. Zwar laufen laut Ute Müller Bücher und Zeitungen nach wie vor gut. Die Poststelle lockt zusätzlich Kunden herbei. "Aber die Gewinnspanne auf den Artikeln reicht nicht. Ich bräuchte das Drei- oder Vierfache."

Alle Ideen halfen nichts - kein breit gefächertes Lesesortiment mit Krimis, Romanen, Bildbänden, regionaler Literatur und Bildungslektüre, keine Post- und Glückwunschkarten. Die Schreibwaren werfen auch nichts mehr ab. Der ersehnte Aufschwung kam nicht. Das letzte Mal die Ladentür abschließen - das wird für Ute Müller ein schwerer Gang. "Aber ich muss die Reißleine ziehen, um mich nicht selbst zu ruinieren."

Wie sie erfuhr, soll es im Laden vielleicht mit Büchern weitergehen. Ein Mutter-Tochter-Gespann - so wie einst sie mit ihrer Mutter - will ab 1. November sein Glück mit einer reinen Buchhandlung versuchen. "Hut ab", sagt Ute Müller dazu. Das sei mutig.

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