OB-Kandidat Müller: "Ich weiß, wo Leuten der Schuh drückt"

WAHLEN 2019: Jens Müller, früher Ortschef in Bad Schlema, will Oberbürgermeister der Einheitsstadt werden. Er verspricht Bürgernähe, steht aber in Kritik, weil er einen Bürgerentscheid zur Fusion verhindert hat.

Aue-Bad Schlema.

Unter Kommunalpolitikern in Aue geht die Mär, dass der alte Oberbürgermeister Heinrich Kohl (CDU), der bei der Wahl am 26. Mai neuer Ortschef von Aue-Bad Schlema werden will, bei seinen Fahrten durch die Stadt die Plakate zähle. Sollte deren Anzahl den Ausgang der Wahl entscheiden, muss Kohl sich keine Sorgen machen. Seine Präsenz liegt über der seines Bad Schlemaer Herausforderers Jens Müller (51, Freie Wähler).

Wie viel Gewicht aber bringt ein Kultauto auf die Waage der Wählergunst? Jens Müller fährt bei Wahlkampfterminen im Trabi vor. Alles Originalteile, versichert er und vermarktet sich als "Ostprodukt", während sein Kontrahent Kohl aus Hessen stammt. "Ich komme aus der Region, ich weiß, wo den Leuten der Schuh drückt", sagt Müller. Den Trabi haben ihm Freunde zum 50. Geburtstag geschenkt, weil er manchmal seinem alten Trabant nachtrauerte. "Ich dachte, den nutze ich zur Wahl, man will ja was Besonderes haben, und der Trabi hilft, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen."


Mit den Menschen reden - das ist eines der Wahlversprechen von Jens Müller. Als Oberbürgermeister will er einen Expertenrat aus Bürgern aller Ortsteile bilden, um ihre Vorstellungen für die Zukunft der Stadt zu hören. Bürger sollen bei der Neuausrichtung des Auer Raachermannelmarktes - der das nötig hat - und bei der Ausgestaltung des Tags der Sachsen im kommenden Jahr mitreden. Müller will öffentliche Diskussionsrunden zu wichtigen kommunalpolitischen Entscheidungen ansetzen.

Es ist das Versprechen von Bürgernähe von einem, dem seine Kritiker vorwerfen, ausgerechnet bei der wichtigsten Entscheidung für seinen Heimatort Bad Schlema die Nähe zum Bürger gescheut zu haben. Schlemas Altbürgermeister Konrad Barth, der Jens Müller vor 16 Jahren als Nachfolger aufgebaut hatte, geht mit dem Jüngeren hart ins Gericht: "Er hat alle Bürgerbegehren mithilfe von Nichtigkeiten abgeschmettert." Dass die Entscheidung über den Zusammenschluss von Aue und Bad Schlema nicht durch einen Bürgerentscheid getroffen wurde, hat Barth so erzürnt, dass er mit 79 Jahren in die Kommunalpolitik zurückehren will und für den Stadtrat kandidiert.

Jens Müller indessen sieht sich nicht als Verhinderer eines Bürgerentscheides. "Nicht ich, sondern der Gemeinderat war dagegen", sagt er. "Die Fusion war wichtig für beide Orte, nur gemeinsam haben wir eine Chance. Wir wollten irgendwann mal zum Ziel kommen."

Aue und Bad Schlema bilden seiner Meinung nach eine starke Kombination: "Aue als Wirtschafts- und Sportstandort, Bad Schlema als Erholungsstandort ergänzen sich ideal." Das Ziel, Lößnitz und Schneeberg in eine große Einheitsstadt einzubeziehen, habe er ebenfalls nicht aufgegeben. Die Fusion mit Leben zu erfüllen und auf Augenhöhe auszugestalten, gibt Müller als einen der Gründe an, warum er OB werden will. "Mit knapp 52 Jahren habe ich die Kraft, noch zehn Jahre richtig zu powern. Ich will meine Erfahrungen und Kontakte in die Waagschale werfen, um die Stadt voranzubringen", sagt er. "Ob ich mit 60 kandidiert hätte? Ich glaube nicht."

Eine Spitze gegen seinen Mitbewerber, den zehn Jahre älteren Kohl? Nein, sagt Müller, Wahlkampf sollte nicht an Personen, sondern an der Sache festgemacht werden. Heinrich Kohl schätze er für dessen Verwaltungskompetenz.

Sachpolitik will Müller auch für die Wirtschaft machen. Wirtschaftsförderung soll Chefsache werden. Und die Wirtschaft scheint dem Kandidaten einiges zuzutrauen. Für eine Wahlanzeige ließen sich mehrere Vertreter namhafter Firmen für Fotos mit Jens Müller ablichten - eine Geste, die manches Wahlplakat aufwiegt. Es wurde kolportiert, Müller werde von Auer Unternehmen mit 50.000 Euro im Wahlkampf unterstützt. Er dementiert das. Sein Gesamtbudget betrage einen Bruchteil davon. Der "Freien Presse" nannte er eine Summe, bat aber darum, diese nicht zu veröffentlichen. Nur so viel: Die Zahl klingt plausibel.

Dann sollte Müller spontan eine Maßnahme nennen, die er als OB als Erste durchsetzen will. Er entschied sich für ein Stück Bürgernähe: "Bad Schlema soll das versprochene qualifizierte Bürgerbüro bekommen, in dem alle Behördengänge wie im Auer Rathaus erledigt werden können."


Aus dem Wahlprogramm

Fusion auf Augenhöhe: Der Zusammenschluss der beiden Kommunen muss auf Grundlage des Fusionsvertrages auf Augenhöhe erfolgen, fordert Jens Müller.

Wirtschaft: Der Politiker will dafür sorgen, dass die Wirtschaft in der Stadt auch in Zukunft gute Rahmenbedingungen bekommt, zum Beispiel durch eine intakte Infrastruktur.

Großprojekte: Die begonnenen Großprojekte werden beendet und mit Leben erfüllt, verspricht der Kandidat. Zum Beispiel die Wellner-Brache, das Sport- und Freizeitzentrum am Bahnhof, das Feuerwehrdepot Alberoda, die Modernisierung und Erhöhung der Attraktivität des Kurmittelhauses in Bad Schlema und die Sanierung der Wildbacher Hauptstraße.

Ärzte: Die ärztliche Versorgung kann gesichert werden, indem die Kommune den Ärzten Bürokratie und Verwaltungsarbeit abnimmt, sagt Müller.

Innenstadt: Der Politiker möchte für eine attraktive und sichere Innenstadt sorgen. Die Händler will er mit kosten-losen Parkplätzen und einer Internetplattform unterstützen, auf der sich einheimischen Firmen vermarkten.


Zur Person

Geboren 1967 hat Jens Müller an der TU Chemnitz studiert und einen Abschluss als Diplomlehrer gemacht. Er war Lehrer an einer Auer Mittelschule und absolvierte ein Zusatzstudium angewandte Informatik im Lehramt.

2004 wurde er Bürgermeister von Bad Schlema. Nebenher machte er ein Abendstudium an der Sächsischen Ver-waltungs- und Wirtschaftsakademie zum Diplom-Verwaltungsbetriebswirt.

Der Politiker ist verheiratet, hat zwei Töchter. Sein Hobby ist Backen. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des Backhaus-Vereins Bad Schlema.

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