Porno-Vorwurf: Familie soll Strafe zahlen

Erzgebirger erhalten einen unerfreulichen Brief: Über ihre Internetleitung sei ein obszöner Film verbreitet worden. Ein Anwalt verlangt daher 650 Euro und macht den Betroffenen Druck. Diese sind erschüttert - und können sich den Vorwurf nicht erklären.

Gefährlicher Klick: Der Zugang zu einer Porno-Seite im Internet kann Folgen haben. Der eigene Internetanschluss sollte daher stets gut gesichert sein.

Von Sven Wagner

Post vom Anwalt ist selten gut. Und manchmal gibt es Fälle, die es richtig in sich haben. Eine Familie aus dem Erzgebirge muss gerade diese Erfahrung machen: Es geht um einen Pornofilm, eine Schadenersatzforderung über 650 Euro und Drohungen, die die Betroffenen verunsichern.

Was war passiert? Wenn es nach der Frau geht, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, eigentlich gar nichts. Sie betreibt zusammen mit ihrem Mann eine Pension, in der Urlauber die ländliche Idylle der Region genießen können - fernab der Großstadt. Doch ausgerechnet von dort kam ein Schreiben, das der Familie einen großen Schreck bereitete. Eine Hamburger Anwaltskanzlei erhebt darin den Vorwurf, dass über den Internetanschluss der Erzgebirger ein Pornofilm online verbreitet wurde, Titel: "Teenagers Dream 79". Im Auftrag des Filmherstellers rechnet die Kanzlei vor, dass Schaden in Höhe von 837,54 Euro entstanden sei und schlägt der Familie vor, pauschal 650 Euro Schadenersatz zu zahlen.

Den Vorwurf findet die Frau, Adressatin des Schreibens, ungeheuerlich. "Wir haben nichts verbreitet; schon gar keinen Porno", sagt sie und will das Thema offensiv angehen, auch um andere zu warnen. Ja, es gebe W-Lan bei ihr zu Hause. Doch der Anschluss sei geschützt, weder Gäste noch sonst jemand von außerhalb habe Zugriff. Zudem sei ein Programm installiert, das den Familienlaptop vor Computerviren schütze und unbemerktes Hoch- oder Herunterladen von Dateien ins und vom Internet verhindere.

Dennoch hat die Familie Grund, besorgt zu sein. Denn das Anwaltsschreiben ist alles andere als freundlich. In abstraktem Juristendeutsch werden die Vorwürfe erhoben und ein Drohszenario aufgebaut: Von weiteren rechtlichen Schritten und erheblichen Mehrkosten ist die Rede. Zudem wird eine enge Frist gesetzt: Innerhalb von zwei Wochen soll gezahlt und zudem eine Unterlassungserklärung unterzeichnet werden. Das wollen die Erzgebirger nicht machen und beteuern, nichts mit jenem Film zu tun zu haben. Sie hätten gehört, dass im Ort schon einmal jemand ein ähnliches Schreiben bekommen hat, und fragen sich nun, ob die Post eine bewusste Masche ist, um Geld zu ergaunern.

Die Verbraucherzentrale Sachsen rät, ein solches Schreiben zunächst ernst zu nehmen - unabhängig davon, ob etwas an den Vorwürfen dran sein könnte, oder nicht. "Der Brief sollte nicht achtlos in den Papierkorb geworfen werden", erklärt Stefanie Siegert, die am Sitz in Leipzig als Referentin für den Bereich Recht und Digitales arbeitet. Im Zweifel bestehe die Gefahr, tatsächlich verklagt zu werden, mit hohen Kosten in der Folge.

Das Problem: Kann sich der Betroffene wirklich zu 100 Prozent sicher sein, dass nicht doch etwas an den Vorwürfen dran ist? Die Verbraucherschützerin verweist auf die sogenannte Täterhaftung, nach der sich derjenige schuldig macht, auf den der Anschluss läuft. Und der weiß mitunter nicht immer, wer über sein Netz auf welchen Seiten unterwegs war. Haben nicht doch vielleicht die Kinder oder ein Nachbar in der Vergangenheit mal Zugang zum Netzwerk gehabt?

Siegert empfiehlt daher, grundsätzlich juristischen Rat einzuholen, sich aber zunächst nicht unter Druck setzen zu lassen. "Betroffene sollten weder unüberlegt Geld zahlen, noch vorgedruckte Dokumente - etwa Unterlassungserklärungen, die einem Schreiben beiliegen - unterzeichnen und zurücksenden." Stattdessen: eine Rechtsberatung einholen, die viele Rechtsschutzversicherungen bieten. Eine erste Selbstrecherche im Internet sei auch okay, aber nicht verlässlich. Der Rechtsberater könne stattdessen eine profunde Einschätzung für den individuellen Fall geben und eine Reaktion empfehlen - oder auch keine. Die Verbraucherberaterin spielt damit auf die Tatsache an, dass derlei Anwaltspost auch ein "Fake" sein kann - also der Versuch, über fingierte Institutionen Geld von Leuten zu ergaunern. Das ist der Vergangenheit schon häufig und mitunter systematisch vorgekommen.

Im Fall der Familie aus dem Erzgebirge ist das ausgeschlossen. Die Hamburger Kanzlei gibt es tatsächlich - und im Internet finden sich viele Foren, in denen über den Anwalt diskutiert wird. Der Mann ist offenbar umtriebig, was Abmahnungen angeht. Es lässt sich aber kaum sagen, ob an all diesen Fällen tatsächlich etwas dran ist. Immerhin: Ende 2017 hatte die Sächsische Verbraucherzentrale einen ähnlichen Fall eben jenes Anwalts auf dem Tisch: Abmahnung, Geldforderung, knappe Frist. Der Betroffene hielt den Vorwurf ebenfalls für haltlos und antwortete auf das Schreiben; passiert ist bislang nichts.

Die Erzgebirger wollen nicht auf das Schreiben reagieren und abwarten. So wird das Thema die Familie zwar weiter beschäftigen. Doch der Rechtsberater habe dazu geraten, erklärt die Frau. Denn: "Wir sind uns schließlich keiner Schuld bewusst."

Ausgenutztes Schamgefühl und der richtige Schutz

Seit Anfang 2017 hat die Sächsische Verbraucherzentrale etwa 170 Urheberrechtsberatungen durchgeführt. Zumeist ging es um Abmahnungen wegen der Verbreitung von Filmen, Musik und anderen Inhalten im Internet. Darunter seien auch Betrugsfälle, bei denen über fingierte Kanzleien Geld von Verbrauchern abgezockt werden sollte.

Häufiges Thema in dem Fall: Pornos. Betrüger setzten darauf, dass Leute aus Scham schnell zahlen, um das Thema nicht in der Familie diskutieren zu müssen. Mancher zahle auch grundlos aus schlechtem Gewissen, weil er tatsächlich auf Pornoseiten unterwegs war. Zum Schutz der Internetverbindung empfiehlt die Verbraucherberatung: Das W-Lan-Passwort komplex zu gestalten, es regelmäßig zu ändern und nie unbedarft weiterzugeben. (svw)

0Kommentare Kommentar schreiben