Schneeberg und Aue feiern eine bedeutende Frauenpersönlichkeit

Vor 400 Jahren wurde Rosina Schnorr geboren. Sie war als Unternehmerin in einer von Männern dominierten Welt erfolgreich.

Schneeberg/Aue.

Im Stadtmuseum von Aue wird morgen ein besonderer Geburtstag gefeiert. Es ist der 400. Geburtstag von Rosina Schnorr, der Unternehmerin, die im 17. Jahrhundert in Schneeberg lebte und in Aue ihre Wirkungsstätten hatte.

Bereits am Donnerstag wurde in Schneeberg am Haus Schulgasse 9, einem Gebäude der Stadtverwaltung, ihr zu Ehren eine Tafel enthüllt. Damit würdigt der Landesfrauenrat Sachsen das Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Frau. Den Antrag dafür hatte Silke Riedel gestellt. Die Stadtchronistin und Stadtführerin ist etwa vor einem Jahr eher zufällig darauf gestoßen, dass der 400. Geburtstag von Rosina Schnorr bevorsteht. Seitdem hat sie versucht, etwas über die Frau in Erfahrung zu bringen. Das ist nicht so einfach, denn es gibt keine Selbstzeugnisse der Unternehmerin. Das Haus, in dem die Familie Schnorr lebte, ist beim großen Stadtbrand 1719 ein Opfer der Flammen geworden und damit wohl auch Dokumente, die den Chronisten heute fehlen, um Aussagen zu Rosina Schnorr treffen zu können. In einem sind sich die Geschichtsschreiber allerdings einig: Rosina Schnorr muss eine clevere Geschäftsfrau gewesen sein, denn sie hat das Unternehmen ihres Mannes nicht nur weitergeführt, sondern den Reichtum der Familie gemehrt. Und das, obwohl sie einen Haushalt mit fünf Kindern zu führen hatte und später noch Waisenkinder aufnahm.

Rosina Schnorr lebte von 1618 bis 1679. Sie war die Tochter eines Schneeberger Fleischers und heiratete mit 18 Jahren den Kaufmann Veit Hans Schnorr, der seit 1635 das Blaufarbenwerk Niederpfannenstiel und ab 1644 gemeinsam mit Sebastian Schöppel den Auerhammer besaß. Spektakulär und mysteriös wird die Geschichte der Familie 1648, als Veit Hans Schnorr entführt und verschleppt wurde. Er soll zwangsweise in den Dienst des russischen Zaren gestellt worden sein. Er wurde jahrelang in dem Land festgehalten, um dem primitiven russischen Montanwesen auf die Sprünge zu helfen. Nachdem er frei kam und eine abenteuerliche Heimreise antrat, verstarb er 1664 in Wien. Seine Frau Rosina führte somit das Schnorrsche Imperium über 30 Jahre lang. Dazu gehörten neben dem Blaufarbenwerk und dem Auerhammer auch mehrere Kobaltgruben. Das unternehmerische Geschick, das sie bewies, rief Neider auf den Plan. Es gab Beschwerden über sie beim Kurfürsten. In einer wird ein "Schelmenstück der Schnorrin" vermutet. Sie hätte "mehr geld alß der Churfürst, man müsste sie nur straff strafen". Unter anderem kaufte sie Anfang 1653 "so viel sie haben kann" Pottasche auf - viel mehr, als sie in ihrem eigenen Blaufarbenwerk benötigte. Sie betrieb damit eine Preissteigerung und schaltete ihre Konkurrenten aus.

Schicksalsschläge entmutigten sie nicht. Nachdem 1661 ein Hochwasser den Auerhammer zerstört und einen Schaden von 2000 Gulden angerichtet hatte, ließ sie ihn wieder aufbauen. 1677 spendete sie der Stadt Schneeberg 2000 Gulden für die Errichtung eines Waisenhauses. Im gleichen Jahr, da war Rosina Schnorr 59 Jahre alt, übertrug sie das Unternehmen auf ihren zweiten Sohn Veit Hans Schnorr d. J. Dieser hatte 1677 an der Wilzsch im oberen Erzgebirge ein Hammerwerk errichten lassen, an dem sich schnell eine Siedlung entwickelte, das spätere Carlsfeld. Er wurde 1687 in den erblichen Adel erhoben und durfte sich fortan "Schnorr von Carolsfeld" nennen. Diesen Titel tragen seine Nachkommen noch heute.

Einer davon ist Hartmut Schnorr von Carolsfeld. Der fast 80-Jährige lebt in Köln. Nach der Wende hat er sich auf Spurensuche in die Heimat seiner Vorfahren begeben. Oft war er in Schneeberg und Aue zu Gast. Den Inhabern des Hotels "Blauer Engel" schenkte er eine Replik des Gemäldes von Rosina Schnorr. Es ist das einzige Bildnis der Frau und zeigt sie im Alter von etwa 50 Jahren. Hartmut Schnorr von Carolsfeld freut sich über die jetzt in Schneeberg erfolgte Würdigung seiner Vorfahrin. Mit dem Ort, wo die Tafel angebracht wird, kann er sich allerdings nicht recht anfreunden. "Was hat die ehemalige Lateinschule mit Rosina Schnorr zu tun?", fragt er. In Absprache mit dem Schneeberger Pfarrer Frank Meinel hätte er sich lieber eine Stele zwischen Schnorrscher Pforte an der St.-Wolfgangs-Kirche und dem Grundstück, wo einst das Haus der Familie stand, gewünscht.

Eine Feier zum 400. Geburtstag von Rosina Schnorr findet morgen ab 14 Uhr im Stadtmuseum Aue statt. Stadtpressesprecherin Jana Hecker schlüpft in die Rolle der "Schnorrin", Museumsleiterin Sarah Becher ordnet deren Leben in den historischen Rahmen des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) ein.


Leute gefragt: Was fasziniert an Rosina Schnorr?

Aues Stadtsprecherin Jana Hecker: "Sie hat sich in einer Männerwelt durchgesetzt. Man könnte behaupten, sie gehört zu den bedeutendsten Frauenpersönlichkeiten der sächsischen Geschichte. Ich lege ihr mein Herz zu Füßen."

Sarah Becher, Leiterin des Stadtmuseums Aue: "Sie teilt das Schicksal vieler Frauen in der Geschichtsschreibung, sie wurden nicht erwähnt. Klar ist, dass sie das Familienunternehmen mit fester Hand geleitet hat."

Heinz Poller, Stadtchronist von Aue: "Man kann Rosina Schnorr mit der Frau von Martin Luther vergleichen. Sie bewies kaufmännisches Geschick. In das Imperium ihres Mannes ist sie sicher schon hineingewachsen, bevor er verschollen war."

Silke Riedel, Stadtführerin und Chronistin in Schneeberg: "Ich werde noch gut zehn Jahre zu tun haben, um zum Leben von Rosina Schnorr zu recherchieren."

Nachfahre Hartmut Schnorr von Carolsfeld: "Sie hat die Geschäfte ihres Mannes nicht nur weitergeführt, sondern weiterentwickelt und sich dabei manchmal fast um Kopf und Kragen gebracht."

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