Schüler entdecken mit VR-Brille erstmals virtuell die Berufswelt

Eine Schneeberger Firma produziert für das Kultusministerium 360-Grad- Filme. Jugendliche aus der Bergstadt durften das Ergebnis testen - mit einem klaren Ergebnis.

Schneeberg.

So haben Schüler noch nie einen Beruf kennengelernt: Derzeit tauchen die Gymnasiasten des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums Schneeberg in die Virtuelle Realität (VR) ab, um zu sehen, was unter anderem Dachdecker, Altenpfleger und Notfallsanitäter täglich leisten. In diesem Umfang und in dieser Qualität ist das Angebot deutschlandweit einmalig. Möglich wurde es durch das Schneeberger Medienunternehmen Diginetmedia, das im Auftrag des Sächsischen Kultusministeriums 15 Filme für VR-Brillen produziert hat.

"Es ist eine völlig neue Art, einen Beruf kennenzulernen. So viele Praktika können die Schüler gar nicht machen", sagt Diginetmedia-Chef Andreas Weigel den Schneeberger Gymnasiasten. Gespannt hören die Neuntklässler zu. Die meisten von Ihnen dürfen zum ersten Mal eine VR-Brille aufsetzen. Dann sollen sie anhand eines Fragebogens darstellen, was bei ihnen gut und was weniger gut ankam.

"Das hat mir sehr gut gefallen", sagt Julia. Die 15-Jährige hat gerade einen rund dreiminütigen Film über den Beruf des Zahntechnikers angeschaut. Wobei "angeschaut" es nicht ganz trifft und ein bisschen untertrieben ist. Denn wer die Brille aufsetzt, taucht in eine andere Welt ein. Startpunkt ist das Foyer des Kreuzfahrtschiffs Aida. Wenn man sich mit dem Kopf in die richtige Richtung dreht, erscheinen mehrere Bilder, die die verschiedenen Berufe zeigen. Wenn man eines kurze Zeit mit den Augen anvisiert, startet der Film. "Man ist direkt mit im Geschehen, als würde man daneben stehen", beschreibt Julia.

Die notwendigen Informationen hört man über einen Sprecher. Immer wieder ändern sich Szenen und Perspektiven. Beim Porträt des Rettungssanitäters dürfen die Schüler virtuell erst die Ausrüstung im Rettungswagen checken und danach wie ein Adler von oben den Unfallort betrachten. Wie im richtigen Leben ermöglichen die VR-Brillen einen 360-Grad-Blick. Daher ist man sofort mitten im Geschehen und hat die Umgebung - in diesem Fall das Klassenzimmer - völlig vergessen. Von dieser Form der Berufsberatung ist auch Jonas begeistert und bringt es auf den Punkt: "Cool!" Diesen Kommentar hören Andreas Weigel und die Projektleiterin Katja Haß öfters. "Die Schüler sind meist sprachlos und begeistert", sagt Haß, die den Jugendlichen die Handhabung der Brillen erklärt und feststellt: "Die Schüler kommen schnell zurecht."

Wie viel Spaß die Jugendlichen dabei haben und welches Potenzial in dieser Form des Unterrichts steckt, wird klar, als ein Schüler sagt: "So ein Film in Geschichte, das wäre toll." Und wohl jeder würde an diesem kühlen November jetzt nicht gern an den Pyramiden in Ägypten stehen. Doch zurück in die Bergstadt, bei dem ein Schüler gerade selbst im Straßenbau tätig war: "So habe ich das noch nie gesehen", kommentiert er begeistert.

Doch wie kommen eigentlich die Filme in die Brillen? "Wir haben einen Computer dabei. Mit diesem können wir ein drahtloses Netzwerk aufbauen. Wir benötigen nichts weiter als eine Steckdose", sagt Andreas Weigel. Vor 19 Jahren hat er seine Firma Diginetmedia gegründet und beschäftigt sich seitdem mit der 360-Grad-Visualisierung. "Am Anfang haben wir 360-Grad-Fotos für die Tourismusbranche erstellt. Damit konnten die Kunden bereits virtuell ihr Hotel oder Kreuzfahrtschiff erkunden." Inzwischen haben die Schneeberger sechs Reedereien und mehr als 8000 Reisebüros auf ihrem Portal im Internet und sind damit der größte VR-Anbieter in diesem Bereich in Europa.

Ein Zufall führte das Unternehmen mit sechs festen Mitarbeitern vom virtuellen Urlaubserlebnis zur Berufsberatung. "Ein Freund sprach mich an, ob es nicht möglich sei für Besucher des Wasserwerkes Schwarzenberg eine virtuelle Darstellung der Vorgänge zu produzieren, da nicht alle Bereiche zugänglich sind", erinnert sich Weigel. Dieser Beitrag kam nicht nur gut an, er sprach sich auch bis ins Kultusministerium nach Dresden herum. "Dort fand man die Idee sehr gut, auf diese Weise Berufe vorzustellen."

Bei der Suche nach den Akteuren seiner Filme setzt Andreas Weigel unter anderem auf die Firmen aus der Region: "Wer seinen Beruf täglich ausführt, kann am besten zeigen, worauf es ankommt." Daher wirkten die Filme auch nicht gestellt, sondern sind so praxisnah wie nur möglich. Und auch der Schneeberger lernt noch hinzu: "Die Dreharbeiten in einem Reinraum bei einem Mikrotechnologe waren spannend. Und einmal stand das Team sogar im Mist." Da wurde bei einem Tierwirt gedreht. "Es gibt sehr viele interessante Berufe, deshalb hoffe ich, dass wir weitere vorstellen können", sagt Andreas Weigel.

"Die VR-Brillen werden als Leihtechnik den Schulen in Sachsen zur Verfügung gestellt", bestätigte eine Sprecherin des Sächsischen Kultusministeriums. Diese unterstützen schulische Messen zur Berufsorientierung sowie alle Beratungsformate zur beruflichen Orientierung der Schüler sowie deren Eltern. "Der Dreh weiterer Filme ist vorstellbar und richtet sich nach der Nutzungsfrequenz und den Rückmeldungen von Schulen, dem Bedarf und den verfügbaren Haushaltsmitteln." Für das aktuelle Projekt sind 120.000 Euro vorgesehen.

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