Schulleiter: Ausgrenzung hat Tradition

Werner Peter, der in Aue geistig behinderte Kinder unterrichtet, bezweifelt die Inklusionswirksamkeit des künftigen Schulgesetzes

Die Brünlasbergschule in Aue feiert in diesem Monat ihr 25-jähriges Bestehen. Die Einrichtung für geistig Behinderte unterrichtet Kinder und Jugendliche, die zu DDR-Zeiten als bildungsunfähig galten. Vom künftigen Inklusionsauftrag im neuen Schulgesetz bleibt diese Art von Sonderschulen unberührt. Wie konsequent das Land Sachsen die UN-Behindertenrechtskonvention ab Sommer 2017 umsetzen will - darüber hat Susanne Kiwitter mit Schulleiter Dr. Werner Peter gesprochen.

"Freie Presse": Herr Peter, über Inklusion und Integration wird viel gesprochen - was ist der Unterschied?

Werner Peter: Ein Schüler, bei dem ein sonderpädagogischer Bedarf diagnostiziert wird und der mit diesem Befund eine Regelschule besucht, wird integriert. Inklusion heißt: Ich schaffe die Voraussetzungen, dass alle Kinder die gleiche Schule besuchen können, ohne dass eine Diagnose stattfindet.

Das heißt, der Selektions-Stempel fällt weg ...

Inklusion ist eine Frage der Norm. Was ist normal? Finnland, Norwegen und Holland fassen die Antwort weiter als wir. Dass Kinder mit irgendeiner Form von Behinderung ausgegrenzt werden, hat in Deutschland eine 200 Jahre alte Tradition.

Das Schulgesetz soll ab Sommer 2017 vorsehen, dass alle Kinder normal eingeschult werden. Die Diagnose, ob ein Sonderschulbedarf besteht, wird aber nicht abgeschafft, sondern nur verschoben: vom Vorschulalter in die Zeit nach der ersten Klasse. Hat das was mit Inklusion zu tun?

Das ist das Mindestmaß, das der Gesetzbegeber mit Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen muss. Indem die Förderschulpflicht abgeschafft wird, lässt er die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder in eine Regel- oder Förderschule gehen sollen. Doch so lange es die Unterteilung in Grund- und Oberschule sowie Gymnasium gibt, kann es meines Erachtens keine richtige Inklusion geben.

Wie würde die denn aussehen?

Eine Schule für alle bis zur neunten Klasse. Danach werden die Jugendlichen auf den Beruf vorbereitet: Indem sie Abitur machen, sie auf eine handwerkliche Ausbildung vorbereitet werden oder mit Handicap an eine Spezialberufsschule wechseln.

Vor allem Ihre Kollegen aus den Regelgrundschulen in der Region haben Zweifel, dass die Inklusion, wie sie angedacht ist, personell und fachlich zu stemmen ist. Sind die Bedenken berechtigt?

Als Schulleiter sind wir verpflichtet, das Gesetz umzusetzen. Das vorhandene Schulsystem zu erhalten und gleichzeitig Inklusion umsetzen zu wollen, ist Augenwischerei. Obwohl die Notwendigkeit seit 2009 bekannt ist, wurden die Voraussetzungen nicht geschaffen. Dazu gehört auch, dass die Lehrer momentan dafür nicht ausgebildet sind. Außerdem gibt es noch viele offene Fragen.

Die da wären ...

Vom neuen Gesetz betroffen sind Kinder, die heute eine Schule zur Lernförderung oder eine für Erziehungshilfe besuchen. Unsere Schulform, die für geistig Behinderte, ist nicht direkt tangiert. Aber: Was passiert mit den Grenzfällen? Und was passiert, wenn Kinder in Regelschulen verhaltensauffällig werden und dort über Tische und Bänke gehen? Werden wir dann zum Auffangbecken? Das weiß keiner. Aber es wird eine Reihe von Kindern geben, denen das neue Gesetz gut tut.

Wie gehen Sie an Ihrer Schule auf die besonderen Bedürfnisse Ihrer Schützlinge ein?

Wir unterrichten 57 Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren in sieben Klassen. Pro Klasse sind es sieben bis neun Kinder. In jeder Klasse arbeiten ein Lehrer und ein Erzieher, mitunter noch ein Fachlehrer. Es gibt keine Noten, die Entwicklung des Schülers wird ohne Soll gemessen.

Wie hoch ist die Quote derer, die es in eine Erwerbstätigkeit schaffen?

Die Mehrzahl der Absolventen arbeitet in geschützten Werkstätten für Behinderte. Es gelingt uns aber, immer mehr Jugendliche individuell in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

Und wie feiern Sie Ihr Schuljubiläum?

Ein Podium in Annaberg-Buchholz, bei dem Junge Menschen mit Handicap über ihren Weg zum Beruf berichteten, liegt hinter uns. Nächste Woche Samstag findet im Kulturhaus Aue, 15 Uhr eine Festveranstaltung gemeinsam mit der Schwarzenberger Brückenbergschule statt.


Förderschulpflicht wird abgeschafft - künftig entscheiden Eltern über die Art der Schule

Werner Peter, Jahrgang 1961, ist seit 1991 Leiter der Brünlasbergschule in Aue. Der gebürtige Auer war Lehrer für Geschichte und Sport. Nach der Promotion im Fach Sport bildete er sich in der Behindertenarbeit weiter.

Die Förderschule für geistig Behinderte in Aue ist eine von sechs solchen Einrichtungen im Erzgebirge, die vom Landkreis betrieben werden. Weitere befinden sich in Johann'stadt, Schwarzenberg, Oelsnitz, Annaberg und Marienberg. Diese Form der Schule entstand in Sachsen mit dem ersten Schulgesetz im Jahr 1991.

Laut neuem Schulgesetz, das jetzt erarbeitet wird, soll die Förderschulpflicht abgeschafft werden. Das heißt, das Angebot im Bereich Erziehungshilfe und Lernförderung besteht weiter, die Eltern entscheiden aber. Umgekehrt muss der Gesetzgeber die Voraussetzungen schaffen, dass alle Kinder an Grund- und Oberschulen unterrichtet werden können. Ob das auch für Gymnasien gilt und ob wirklich alle Schulen mit dem Know-how ausgestattet werden, ist offen. (suki)

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1Kommentare
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  • 1
    2
    vomdorf
    20.05.2016

    Weil Eltern ja auch einschätzen können, ob eine Inklusion ihres Kindes an einer Regelschule möglich ist oder gar gelingt. Es gibt weder mehr Lehrer für diese Aufgabe, noch bekommen die Schulen Geld für spezielle Lehrbücher. Was macht z.B.der Lehrer, wenn ein verhaltensauffälliges Kind die Schule ohne Erlaubnis verlässt, also einfach abhaut? Er darf die Klasse nicht allein lassen, müsste aber das Kind suchen.....
    Verhaltensauffällige Kinder stören den Unterricht enorm. Außerdem gibt es ein Reihe anderer Kinder, die sich nur zu gern von inspirieren Kassen. Wie soll dann denn ein normaler Unterricht möglich sein?
    Gar nicht, denn so lange die Bedingungen nicht da sind, ist Inklusion nur Mist, auch wenn es eine Forderung der EU ist.



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