Stacheldraht und Weihnachtsbaum

Kunst soll anregen - auch zum (Nach-)Denken, zum Diskutieren. Dem Werk, das die Jury von Art figura 2019 mit Platz 1 bedacht hat, gelingt das - sagt die langjährige Kuratorin des Kunstpreis-Wettbewerbs in einem Gastbeitrag für die "Freie Presse".

Schwarzenberg.

"Stacheldraht" - dafür gibt es den 1. Platz bei der nunmehr 8. Art figura in Schwarzenberg. Dieses Werk ist schon eine merkwürdige Mischung von Gegebenheiten, fast möchte ich sagen "Zufälligkeiten". Doch es ist gar kein Zufall. Es sind klar formulierte Gedanken des Künstlers in der Sprache des Künstlers mit dem Gegebenen. Ein Zwiegespräch? Dieses Zwiegespräch könnte Abende füllen.

Als Kinder haben wir aus den Astgabeln, wenn der Christbaum abgebaut wurde, Quirle geschnitzt. Und im Museum Schloss Schwarzenberg - oder wie es jetzt heißt "Perla castrum" - gibt es eine ganze Abteilung mit gebauten Ideen vom Schmidt-Harry (1927-2003), dem Schnitzer aus Bermsgrün, der aus dem Tannenbaum kurioseste Wesen schuf.


In der modernen Kunst gibt es kaum "Tannenbäume".

Der Maler Georg Höhlig (1879-1960) aus Bermsgrün malte sehr gute Tannenbäume, eigentlich Fichten. Derzeit ist eine schöne Ausstellung im Schloss Schlettau zu sehen. Giuseppe Penone, geboren 1947, bedeutender Künstler aus Piemont/Italien, hat sich viel mit Bäumen, auch mit "Tannenbäumen", beschäftigt. Er hat das Innere der Bäume freigelegt, sogar den "Penone Baum" entwickelt. Aber die Idee "vom Weihnachtsbaum zur Dornenkrone", die hatte er nicht. Das wird ihn fürchterlich ärgern. Zumal ja das Problem "von der Dornenkrone zum Stacheldraht" Weltgeschichte ist.

Die Quirl-Idee wurde in Amerika 1873 auch zur Idee des alten Glidden, die "Kaffeemaschine" quasi verkehrt herum laufen zu lassen: Er verseilte zwei Spanndrähte miteinander und setzte im regelmäßigen Abstand kleine Stahlspitzen, Stachel - halt Quirle - ein. Dafür bekam er das US-Patent Nr. 157.124. Dieses Patent machte ihn und alle seine Nachfolger zu Millionären und verwickelte in den folgenden 150 Jahren die ganze Welt mit Stacheldraht. Dafür starben aber die Cowboys aus, die ehemals die Herden zusammenzuhalten hatten. Im gleichen Atemzug allerdings eroberte der ehemals heidnische, schöne, grüne Tannenbaum das christliche Abendland. Seit 1982 darf er zu Weihnachten sogar auf dem Petersplatz in Rom stehen. Das ist schon eine Verzwirbelung!

"Stacheldraht", nun also in Holz im Schwarzenberger Schloss. Es ist wirklich ein nach allen Seiten hin nicht nur denkbares, auch sichtbares, begreifbares, nachdenklich machendes Kunstwerk, was da jetzt Art-figura-preisgekrönt ist.

Man muss sich Rainer Jacobs www.bildhauer-rainer-jacob.de ansehen, um ihn mit und in all seinen Werken zu begreifen. Es ist eine konzeptionelle Arbeit. Geschnitzt, gefräst, geschält - das spielt eigentlich keine Rolle. Ich wünsche Rainer Jacob, dem Künstler aus Leipzig, auf seinem Weg gute Begleiter. Stolpersteine gibt es überall. Vielleicht könnte er bei gutem Winter mal eines seiner "Eiswerke" in Schwarzenberg platzieren. Wenigstens sollte der "Stacheldraht" in Schwarzenberg bleiben. Ich freue mich jedenfalls, dass Schwarzenberg Rainer Jacob als zukünftiges Jurymitglied für die Art figura "eingefangen" hat.


Zur Person

Anna Franziska Schwarzbach, eine Tochter des Schwarzenberger Formgestalters, Bildhauers und Kunstprofessors Hans Brockhage (1925-2009), studierte an der Kunsthochschule in Berlin Architektur und Porträtplastik. Die 1949 Geborene ist seit 1977 freiberufliche Bildhauerin. Den von ihrem Vater und von Hartmut Rademann angeregten Schwarzenberger Kunstwettbewerb Art figura begleitete sie bis zur 7. Auflage als Kuratorin. (stl)

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