Streit um Nazi-Symbole auf Glockenspiel: Bürgermeister für offene Debatte

Der Lößnitzer Stadtchef Alexander Troll über die Nazi-Symbole auf dem Carillon und wie die Stadtverwaltung damit umgehen will.

Lößnitz.

Das bekannte Glockenspiel in der Lößnitzer St.-Johannis- Kirche steht derzeit im Mittelpunkt einer emotionalen Debatte. Der Grund sind vier Glocken des Carillons, die die Inschriften "Ein Volk", "Ein Reich", "Ein Führer" sowie ein Zitat Adolf Hitlers tragen. Wie soll die Stadt als Eigentümerin mit dem schwierigen Erbe umgehen? Darüber hat sich Redakteur Jürgen Freitag mit dem Bürgermeister Alexander Troll (CDU) unterhalten.

"Freie Presse": Die Nazi-Symbole auf dem Glockenspiel beschäftigen derzeit viele Menschen in der Region. Welche Reaktionen haben Sie in den vergangenen Tagen erreicht?


Alexander Troll: Nach den jüngsten Berichten hat es mehrere Anfragen und Reaktionen im Rathaus gegeben. Die Zuschriften, die ich erhielt, sprechen sich aber ausnahmslos dafür aus, das Glockenspiel weiter klingen zu lassen.

Hat Sie das Echo und die Intensität der Debatte dennoch überrascht? Dass vier der 23 Glocken nationalsozialistische Widmungen tragen, hat die Stadt nicht geheim gehalten.

Es verwundert mich nicht, wenn man sich den Verlauf der Debatte anschaut. Es ist bundesweit darüber diskutiert worden, wie man mit solchen Glocken umgehen soll. Von Bundesland zu Bundesland ist geschaut worden, wo es solche Glocken noch gibt. Und in diesem Zuge rückte auch unser Glockenspiel in den Fokus. Was ich schade finde, ist, dass einige Leute sich vorschnell ein Urteil gebildet haben, ohne dass sie die Gesamtgeschichte kennen.

Sie spielen sicher auf die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten" an, die vor Kurzem erklärt hatte, dass Glocken, egal ob sie nun liturgisch erklingen oder anderweitig, immer etwas verkünden würden. Im Fall der vier belasteten Lößnitzer Glocken also eine Nazi-Botschaft.

Meine Meinung dazu ist: Es gibt einen Unterschied, ob es eine liturgisch genutzte Kirchenglocke ist oder wie in unserem Fall ein welt liches Musikinstrument im Eigentum der Stadt. Experten haben eingeschätzt, dass das Glockenspiel eines der besten in ganz Deutschland ist. Dazu kommt, dass es die Nationalsozialisten selbst waren, die versucht haben, die Glocken für Kriegszwecke einzuschmelzen. Dass das verhindert werden konnte, ist ein ganz wichtiger Teil der Geschichte des Carillons. Wir wollen es deshalb weiter erklingen lassen. Ein Instrument verkündet vor allem die Botschaft der Lieder, die auf ihm gespielt werden.

Neben der Forderung, die Glocken schweigen zu lassen, gibt es auch die Idee, die nationalsozialistischen Symbole mit einer Art Spray zu übermalen. Eine andere lautet: Die Stadt solle die vier Glocken ein- und umschmelzen lassen. Was sagen Sie dazu?

Diese Ideen zeigen mir, dass man sich weiter mit dem Thema auseinandersetzen muss. Das Glockenspiel ist 80 Jahre alt und steht unter Denkmalschutz. Die Glockengießerei, die es hergestellt hat, gibt es inzwischen nicht mehr. Es wäre also nicht so einfach, Veränderungen am Klangkörper vorzunehmen. Ob ein Besprühen mit einem Spray die Kritiker überzeugt, weiß ich nicht. Darüber könnte man nachdenken.

Auswirkungen auf den Klang befürchten Sie nicht?

Die Glocken hängen im Freien und sind sowieso Witterungseinflüssen ausgesetzt. Ich denke, ein Spray hätte vermutlich keinen Einfluss auf den Klang. Für eine bessere Idee halte ich es aber, die Botschaft der Glocken zu ändern.

Was schwebt Ihnen genau vor?

Wir wollen die Glocken weiternutzen, sie aber mit einer Botschaft des Mahnens verbinden. Die Zeit des Nationalsozialismus ist eines der dunkelsten Kapitel in unserer Geschichte. Sie steht für ein menschenverachtendes, ein totalitäres System. Wir distanzieren uns natürlich ganz klar von dieser Zeit. Das Glockenspiel soll daran erinnern, dass das nie wieder passieren darf.

Und wie soll das gelingen?

Im Herbst steht das Jubiläum zum 80. Jahrestag der Einweihung an. Die Kirchgemeinde, der Glockenspielverein und wir als Stadtverwaltung werden dieses nutzen, um ganz klar Stellung zu beziehen. Das wird der erste Schritt sein. Wir denken aber auch darüber nach, zusätzliche Informationstafeln zur Geschichte der Glocken aufzustellen und weitere Informationen im Internet zu veröffentlichen.

Sie haben die vier belasteten Glocken vor Kurzem sogar als Friedenssymbol bezeichnet. Das kam nicht bei allen Leuten gut an.

Ich halte den Begriff nach wie vor für richtig. Es geht um die Geschichte der Glocken, die vor den Nationalsozialisten gerettet wurden und so für friedliche Zwecke erhalten geblieben sind. Man muss sich fragen: Was wäre passiert, wenn sich die Bürger, der Bürgermeister und die Kirchenvertreter damals eben nicht durchgesetzt hätten? Dann wären die Glocken für Kriegszwecke verwertet worden.

Seit wann wussten Sie eigentlich von den Nazi-Symbolen?

Ich bin in der Stadt aufgewachsen und weiß schon viele Jahre, dass diese Symbole auf dem Glockenspiel vorhanden sind. Was mir nicht bewusst war, sind die Details gewesen, also welche Widmungen genau auf welchen Glocken stehen.

Der Schneeberger Pfarrer Frank Meinel hat angeregt, jetzt mit den Bürgern über die Glocken zu diskutieren. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Wir haben während des Glockenspiel-Jubiläums vor, einen Vortrag unter Einbeziehung der aktuell aufgeworfenen Fragen zu gestalten. Und wir überlegen, ein öffentliches Diskussionsforum in diesem Zuge zu organisieren. Wir werden uns dem also nicht versperren. Im Stadtrat haben wir das Thema auch schon behandelt. Er steht komplett hinter unserer Stellungnahme, die wir als Stadt auf unserer Internetseite veröffentlicht haben.

Sie sagen, der Stadtrat hat sich schon mit dem Glockenspiel beschäftigt. Allerdings fanden diese Sitzungen alle nicht öffentlich statt. Warum?

Wir beraten im Rat immer nicht öffentlich vor, in der Regel in den Ausschüssen. Wir wollten erst mal eine ausführliche Debatte ermöglichen, in der sich die einzelnen Fraktionen positionieren können. Jetzt besteht im Zuge des Jubiläums die Gelegenheit, die Debatte auf eine breitere Basis zu stellen.

Leserbriefe zum Lößnitzer Glockenspiel finden Sie auf Seite 10 .

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