Studentin webt Erinnerungen in Bücher

Eine Schwarzenbergerin hat für ihren Bachelorabschluss eine Arbeit vorgelegt. Sie könnte Demenzkranken helfen.

Schneeberg.

Es gibt Fragen, die kann jeder Mensch nur für sich selbst beantworten. Eine solche Frage ist die nach der schönsten Erinnerung. Für ihre Bachelorarbeit im Studienfach Textilkunst und -design an der Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg hat Theresa Weiß genau diese Frage an Menschen gestellt, die bald keine Antwort mehr darauf geben können, weil sie an Demenz leiden.

Erinnerungen, das sind mehr als bloße Bilder im Kopf: Charakter, Vorlieben, der Ablauf des gesamten Lebensalltags und sogar der persönliche Glaube ist im Gedächtnis verankert. Umso schwerwiegender wirkt ihr Verlust. Wie aber lassen sich bei einer Demenzerkrankung diese Erinnerungen greifbar machen, um sie halten oder wenigstens wieder hervorrufen zu können? Theresa Weiß hat einen Weg gefunden. Dafür hat die angehende Master-Studentin aus Schwarzenberg in den zurückliegenden Monaten intensiv mit Demenzerkrankten gesprochen; hat Angehörige getroffen und Fragebögen ausfüllen lassen.

"Mein Ziel war der Mensch, ich wollte so viel wie möglich über die Betroffenen erfahren", sagt Theresa Weiß. Die zum Teil sehr persönlichen Einzelheiten hat Weiß gesammelt und in individuellen Büchern ähnlich einem Fotoalbum zusammengefasst. Doch diese Bücher sind nicht nur für die Augen bestimmt, sondern sollen gleich mit mehreren Sinnen gelesen werden - denn sie sind gewebt. Hergestellt hat Weiß die Bücher an einem traditionellen Webstuhl. Gleich mehrere, zum Teil bis zu 200 Jahre alte Maschinen befinden sich im Textilhaus der Fakultät. Für die Herstellung eines Buches benötigte Weiß etwa vier Tage. "Allerdings brauchte ich etwas Übung. Der Knackpunkt kam dann beim Weben", erklärt die Schwarzenbergerin und zeigt auf mehrere rund zwei Meter lange Gewebebahnen in unterschiedlichen Mustern.

In den fertigen Büchern finden sich zum Beispiel Hosenträgerklemmen oder Rasierpinselhaare, befestigt an den Fäden des Doppelgewebes. Alles seh- und tastbar für einen Betroffenen, auf dessen Fragebogen unter Vorliebe vermerkt worden war: Hosenträger und Rasieren mit Messer und Pinsel. Durch Ansprechen von mehreren Reizen sollen verlorengegangene Erinnerungen hervorgerufen werden. Die verwendeten Gegenstände sind dabei nicht nur Einzelteile aus dem persönlichen Leben der Betroffenen, sondern auch der Spiegel des Lebensalltags einer ganzen Generation. "Für jede Generation würde das Buch anders aussehen", sagt Weiß, die für Abschlussarbeit durch Kerstin Klöppel von der Arbeiterwohlfahrt Erzgebirge (AWO) unterstützt wurde.

Klöppel beklagt: "Demenzerkrankungen werden immer noch gesellschaftliches tabuisiert." Sie leitet das Projekt "Lokale Allianz für Menschen mit Demenz". Seit zweieinhalb Jahren kooperiert die AWO mit der Fakultät für Angewandte Kunst. "Und das mit Erfolg", sagt Studiendekan Jörg Steinbach. Als Professor für Textilkunst und -design betreute er die Arbeit von Theresa Weiß. "Zunächst war ich skeptisch, jetzt finde ich die Arbeit und den therapeutischen Ansatz wegweisend", sagt Steinbach. Unbegründet ist diese Einschätzung nicht. Laut Bundesministerium für Gesundheit leiden 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz. Tendenz: plus 40.000 pro Jahr.


Initiative gegen Demenz

Das Projekt "Lokale Allianz für Menschen mit Demenz" ist eine durch das Familienministerium des Bundes geförderte Initiative. In Schneeberg bilden die Fakultät für Angewandte Kunst der Westsächsische Hochschule Zwickau und die Arbeiterwohlfahrt Erzgebirge seit zweieinhalb eine Kooperation. Studenten können sich in besonderen Vorlesungen mit dem Thema auseinandersetzten. Bisher entstanden zwei Bachlorarbeiten im Rahmen dieser Kooperation. (jwen)

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