Türkischer Wirt: "Aue ist mei Haamit"

Murat Bektas eröffnete das erste türkische Restaurant in Sachsen. Zwar fühlt er sich hier zuhause, doch er spürt wachsende Vorurteile.

Aue.

Zuhause ist dort, wo das Herz schlägt - sagt der Volksmund. Und Murat Bektas, der aus dem türkischen Sivas stammt, hat sein Herz an und in Aue verloren. Dabei war es nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick.

Als Murat Bektas 1991 nach Deutschland kam, war seine erste Station Stuttgart. 1992 ging es für ihn nach Hof und 1994 nach Aue. "Aue war nicht mein Traum", erinnert er sich und muss lächeln: "Als ich das erste Mal hier war, war alles noch grau und dunkel. Die Häuser waren noch nicht renoviert. Ich war überhaupt nicht begeistert" Doch Bektas blieb, auch weil sein damaliger Chef ihm hier Arbeit bot. Heute sagt Bektas in erzgebirgischer Mundart: "Aue ist mei Haamit." Er könne sich nicht mehr vorstellen, von hier wegzugehen. "Ich habe hier ganz viele Freunde gefunden", sagt der 48-Jährige, der insgesamt sechs Geschwister hat, fünf Schwestern und einen Bruder. Murat Bektas ist das älteste Kind der Familie, die ihn muslimisch geprägt hat. "Wir sind Aleviten. Aber sind ganz locker aufgewachsen." Daher wisse er zwar, dass es in der Bahnhofsstraße in Aue einen Gebetsraum gibt, er war aber noch nie dort.


Mit Stolz schaut seine Familie, die in der Türkei geblieben ist, zu ihm auf. Denn Murat Bektas hat viel erreicht. Er hat das einzige türkische Restaurant im Erzgebirge, war einst sogar das einzige türkische Restaurant in Sachsen. "Das hat sich geändert. Mittlerweile gibt es weitere." Denn in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich viel entwickelt. "Ich habe am Anfang in einem Döner-Laden in der Wettiner Straße gearbeitet." Dort habe er 1998 auch sein erstes Restaurant eröffnet. Vier Jahre später wollte er dazu beitragen, dass Aue noch ein bisschen schöner wird. Er kaufte sich ein bereits saniertes Haus an der Ernst-Bauch-Straße, und eröffnete dort 2003 das Restaurant Topkapi. "Genauso heißt ein großer Palast in Istanbul." Dieser ist ein beliebtes Foto- und Postkartenmotiv.

Natürlich falle es seiner Familie schwer, auf ihn zu verzichten. Gerade jetzt, da die Eltern immer älter werden. "Doch wir haben jeden Tag Kontakt." Dank der modernen Technik sei es ja auch möglich, sich regelmäßig zu sehen. Sein Bruder wagte vor ein paar Jahren auch den Schritt nach Deutschland, studierte hier, fasste aber nie richtig Fuß. "Er hat sich nicht wohlgefühlt und ist in die Türkei zurück."

Seit der Flüchtlingskrise hat sich auch für Murat Bektas einiges verändert. "Die Leute sind ängstlicher geworden. Haben manchmal sogar bestellte Tische abgesagt, weil sie Angst hatten, am Abend durch Aue zu laufen." Der Türke schüttelt den Kopf, denn verstehen kann er es nicht. "Viele haben Vorurteile, das merke ich, wenn ich durch Zwickau oder Chemnitz gehe." Dort werde er schon einmal komisch angeschaut. "In Großstädten, wie Dresden, Berlin oder Frankfurt, ist das ganz anders. Dort sind die Leute aufgeschlossener." Er selbst sei gut damit gefahren, niemanden in eine Schublade zu stecken, sondern ihn erst einmal kennenzulernen. So herrscht in seiner Küche zwar Deutsch-Pflicht, doch die Nationalitäten seiner Mitarbeiter sind ganz verschieden. "Momentan sind es fünf Nationen: Libyer, Pakistani, Syrer, Türken und Deutsche", zählt Murat Bektas auf. Probleme habe es bisher nicht gegeben.

Er hat für jeden, der vor Krieg und Verfolgung flüchtet, Verständnis. Deutschland ist für ihn der Inbegriff von Demokratie. Er schätzt das behördliche System, liebt die Sauberkeit, das Gesundheits- und Bildungssystem. "Die Menschen sind gut ausgebildet und pflichtbewusst. Die Kinder werden gut erzogen."

Zum zwanzigjährigen Bestehen seines Restaurants wollte er deshalb ein bisschen was zurück geben. Murat Bektas verzichtete auf Geschenke und Blumen, hatte lieber um Geldspenden für den Verein Sonnenstrahl gebeten. 900 Euro sind dafür zusammengekommen. Die weiteren 800 Euro will er an ein oder zwei andere Vereine spenden.

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