Unfallflucht als Alltagsdelikt? Polizei zählt jeden Tag vier Fälle

Ein Kratzer am Auto, doch vom Verursacher fehlt jede Spur - im Kreis sind solche Fälle keine Ausnahme. Ein Richter kennt die Ausreden dafür.

Aue/Schwarzenberg.

Wenn Gunther Kath ganz genau hinsieht, kann er sie immer noch erahnen: die Kratzer und Dellen an seinem Auto. Ein Unbekannter hatte sein Fahrzeug vor ein paar Wochen touchiert, als es für wenige Minuten an der Pestalozzistraße in Aue stand, fuhr dann aber einfach weiter. Obwohl Gunther Kath den Schaden mit einem Spachtel und etwas Farbe inzwischen selbst ausgebessert hat, ist der Frust über den Parkplatzrempler immer noch groß. "Dass sich der Verursacher einfach so verdrückt, ist ärgerlich", schimpft der Erzgebirger. "Es ist ein Verfall der guten Sitten. Und ich habe das Gefühl, das greift immer mehr um sich."

Unfallflucht als Alltagsdelikt? Für die Polizei sind solche und ähnliche Straftaten zumindest kein Einzelfall. So registrierten die Ermittler in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Erzgebirgskreis insgesamt 822 Verkehrsunfälle, bei denen sich einer der Beteiligten unerlaubt vom Unfallort entfernt hat. Im gesamten Vorjahr waren es 1541 Verkehrsunfallfluchten, wie Sprecherin Daniela Koenig sagt. Statistisch macht das jeden Tag mehr als vier Fälle.


Zu den von der Polizei registrierten Unfallfluchten kommen noch solche, die nicht angezeigt werden. Die absolute Anzahl dürfte deshalb weit höher liegen. Auch Gunther Kath hat auf eine Anzeige bei der Polizei verzichtet. "Das ist ja wieder mit Arbeit und Lauferei verbunden", sagt er. Die Chancen, dass die Ermittler den Verursacher finden, seien zudem gering. Tatsächlich konnte die Polizei aber im Jahr 2018 fast jede zweite Flucht aufklären, konkret 711 der 1541 Fälle. Die Aufklärungsquote liegt bei exakt 46,1 Prozent.

Ist der Verursacher geschnappt, landen nicht wenige Fälle vor den Gerichten in der Region, angeklagt als unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. "Rein gefühlsmäßig kann ich sagen, dass das zu den häufigeren Straftaten zählt", sagt Hartmut Meyer-Frey, Sprecher des Amtsgerichts Aue-Bad Schlema mit der Zweigstelle Stollberg. Konkrete Zahlen kann er zwar nicht nennen, weil die Gerichtsstatistik nur zwischen Verkehrsstraftaten mit und ohne tödlichem Ausgang unterscheidet. Er sagt aber: "Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine derartige Verhandlung stattfindet." Ähnlich äußert sich der Sprecher des Amtsgerichts Marienberg, das auch für Zschopau und Annaberg zuständig ist: "Solche Fälle gibt es extrem häufig", sagt Strafrichter Toralf Kliemt. "Und leider stehen viele Leute nicht dazu." So würde häufig als Ausrede erklärt, man habe den Unfall nicht bemerkt. "Nicht glaubhaft", bezeichnet das Kliemt. "Es bekommt fast jeder mit." Wenn ein Auto ein anderes rammt, sei das entweder zu sehen, zu hören oder zu spüren. "Wenn man den Angeklagten dann mit einem Gutachten droht, das untersucht, ob der Unfall wahrzunehmen war oder nicht, sind die meisten Leute geständig."

Für Gunther Kath ist es laut eigener Aussage bereits das dritte Mal innerhalb von zwei Jahren gewesen, dass sein abgestelltes Auto von einem Unbekannten beschädigt wurde. "Einmal hat es mich bei einem Ausflug auf die Insel Poel erwischt", erzählt er. Ob er deswegen frustriert ist? Vor allem enttäuscht, erklärt er. "Die Wertvorstellung hat sich geändert. Leider sind einige heute nicht mehr bereit, für das einzustehen, was sie verursacht haben."

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