Urlaubs-Zugfahrt blieb im Schnee stecken

"Wisst Ihr noch, damals?" Die "Freie Presse" greift Außergewöhnliches und Rekordverdächtiges aus vergangenen Wintern auf. Heute ein Abenteuer, das Familie Neef aus Schneeberg vor 40 Jahren erlebte.

Schneeberg.

Auf diese Ferienreise mit ihren zwei Söhnen hatten sich Annerose und Frieder Neef lange gefreut. Über den Gewerkschaftsbund organisiert, wartete in Sellin auf Rügen ein Urlaubsquartier auf die Familie aus Schneeberg. Am 2. Januar 1979 sollte es losgehen. "Kurz vorher kam ein Anruf: Absage!", blickt der heute 75-jährige Frieder Neef zurück. Im Norden der DDR ging zu der Zeit quasi nichts mehr - Katastrophenwinter. "Ende Januar hieß es dann: Nun geht's. Anreise im Quartier am 12. Februar." Der Vater überlegte noch, mit dem Trabi zu fahren. Doch die Mutter hatte irgendwie eine Ahnung und sagte: "Ach nein. Wir fahren mit der Eisenbahn."

Was zum Abenteuer werden sollte, begann am 11. Februar harmlos. Die Familie stieg abends in Aue - da lag kein Krümel Schnee - in den Zug. Über Leipzig und Berlin ging's nach Norden. Die Gegend wurde zunehmend winterlich, aber nach Katastrophe sah das (noch) nicht aus. Es war längst Nacht, als der überfüllte Zug - es fehlte ein Wagen, für den Platzkarten verkauft worden waren - zum Stehen kam. "Eine Stunde später ging's nach Züssow. Und da war Endstation", so der Familienvater. "Nach Stunden kam die Nachricht: Vor uns steckt ein Zug im Schnee fest, blockiert die Strecke."

Keiner durfte aussteigen. Einige, die nach Usedom wollten, kümmerte das nicht. Die meisten aber blieben, warteten, schliefen. Im Mitropa-Wagen gab's längst nichts mehr zu kaufen, dafür waren die Toiletten voll. "Aus Kofferradios hörten wir gegen Mittag, dass es Probleme gab und alles wieder in Ordnung sei", so Frieder Neef. "Wir aber standen, und der Schneesturm tobte." Der Tag verging. Die Frauen öffneten ihre "Notpakete", verteilten Stollen. Es wurde schon wieder dunkel, als ein Polizist und zwei Zivilisten im Zug fragten: "Wer hat große Probleme? Was ist mit den Kleinkindern, den Babys?" Nachts kam wieder so eine Kommission. Nun hieß es: "Alle Familien mit Kindern raus!" Bei zehn Grad minus, tiefem Schnee und starkem Sturm verließen die Angesprochenen die schon zugewehten Wagen. "Einheimische führten uns. Wir bildeten eine Kette, jeder mit Kontakt nach vorn und hinten, und kämpften uns zu einem Haus durch, das sich als Verwaltungsgebäude eines Agrochemischen Zentrums herausstellte", berichtet Neef. "Ich dachte damals: So ähnlich muss es 1945 für Flüchtlinge aus Ostpreußen gewesen sein."

Später hörten die Neefs, dass etwa 1500 Reisende in Züssow gestrandet waren und verteilt wurden. "Natürlich war der Ort auf so etwas nicht vorbereitet. Aber jeder von uns hatte ein Dach überm Kopf, fand irgendwo eine Ecke zum Schlafen, und es gab was zu essen. Am Morgen wurde im Agrochemischen Zentrum eine Sau geschlachtet und Essen gekocht, ein Eintopf, der allen geschmeckt hat. Kein Wunder, die Leute waren ja schon fast zwei Tage unterwegs", erinnert sich Frieder Neef. Mehrfach half er mit anderen Männern beim Freischaufeln von Wegen, so zur eigentlich geschlossenen Kaufhalle, die nach kurzer Absprache Lebensmittel bereitstellte. "Zusammenhalt und Improvisationstalent haben in der Situation damals sehr geholfen."

Familie Neef hat noch eine ganz besondere Erinnerung an jene Zeit vor 40 Jahren. "Die Köchin im Agrochemischen Zentrum hörte, dass meine Frau mit dem dritten Kind schwanger ist. Da bestand sie darauf, dass wir fünf zu ihrer Familie nach Hause kommen. Die Leute haben uns in ihrem Wohnzimmer einquartiert, das macht nicht jeder", so Frieder Neef. "Daraus ist eine langjährige Freundschaft mit mehreren gegenseitigen Besuchen geworden."

Eine Woche bewegte sich der Zug nicht. Dann war die Strecke nach Süden wieder frei. "Nach Norden ging immer noch nichts. Aber wir wollten nur noch nach Hause", sagt der Familienvater aus Schneeberg. Er war damals im Auer Werkzeugbau beschäftigt. Der Betrieb zeigte sich kulant: "Die Abenteuerwoche wurde mir nicht als Urlaub angerechnet." Und was die Ahnung von Annerose Neef betrifft: Die Familie sah auf der Heimfahrt vom Zug aus so manch eingeschneites Auto ....

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