Verein legt alten Vorschlag auf den Tisch

Pro-Naturschutz-Sachsen-Vorstandschef Wolfgang Riether sieht in dem Gebiet "Rote Pfütze" Potenzial für ein Naturschutzgroßprojekt

Aue/Schwarzenberg.

Durch das Einrichten eines Naturschutzgroßgebietes könnten Millionen Euro für Naturschutz in den Erzgebirgskreis fließen. Die Bürger dürfen jetzt schon ein Stück mitreden. Auch der Verein Pro Naturschutz Sachsen hat sich das Vorhaben angeschaut. Auch er will, dass Geld fließt - nur an anderer Stelle. Andreas Luksch hat dazu mit Vereinschef Wolfgang Riether gesprochen.

"Freie Presse": Ein Naturschutzgroßprojekt für den Erzgebirgskreis, da müsste doch jedes grüne Herz vor Freude hüpfen, oder?

Wolfgang Riether: Das Herz klopft immer, wenn der Natur etwas Gutes getan werden soll. Doch müssen die Umstände stimmen. Die Frage ist: Hilft das Projekt wirklich der Natur oder nur Einzelinteressen?

Und das geplante Naturschutzgroßprojekt soll nicht der Natur helfen? Was läuft Ihrer Meinung nach schief?

Man muss in diesem Bereich sehr sensibel vorgehen, weil Naturschutz auch sehr restriktiv sein kann. Insofern ist jetzt das Pferd von hinten aufgezäumt worden. Zunächst hätten sich die Verantwortlichen für so ein großes Projekt mit den Naturschützern vor Ort zusammensetzen müssen. Wir kennen uns schließlich hier am besten aus. Dann hätte man ein Konzept formulieren und mit diesem zu den betroffenen Landwirten, Grundstückseigentümern und anderen Betroffenen gehen können. Zustimmung von dieser Seite ist ganz wichtig. Und erst zuletzt wäre eine Befragung der Bevölkerung sinnvoll gewesen.

Was bemängeln Sie konkret an der Vorgehensweise?

Mein Verein hat eigentlich zu jedem der drei vorgeschlagenen Projektgebiete Bedenken, zumal dort schon Fördermaßnahmen laufen. Das Gebiet von Elterlein bis Oberwiesenthal etwa ist viel zu groß. Auch gibt es am Fichtelberg Krach zwischen Tourismusvertretern und Umweltschützern. Im Gebiet zwischen Satzung und Rübenau finden derzeit schon viele Moor-Revitalisierungsmaßnahmen statt. Und auch im vorgeschlagenen Gebiet Annaberg-Königswalde-Mildenau laufen schon seit Jahrzehnten umfangreiche Maßnahmen zur Heckenförderung.

Heißt das, es sollte kein Großprojekt im hiesigen Kreis geben?

Doch, aber in einem anderen Areal als den drei jetzt vorgeschlagenen Gebieten. Pro Naturschutz Sachsen hat dafür bereits Ende September dem sächsischen Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft eine Projektskizze für ein Naturschutzgroßprojekt "Naturentwicklungsraum ,Rote Pfütze'" vorgelegt.

Und was ist an diesem Vorschlag besser?

Das Projekt basiert auf jahrzehntelanger Erfahrung und Wissen in diesem Naturraum. Es wurde vor Ort entwickelt und nicht einfach "von oben übergestülpt". Die Idee geht auf 1999 zurück und wurde bis 2003 zu einem bewilligungsreifen Antrag für ein Naturschutzgroßprojekt entwickelt. Naturschutzfachlich wurde es damals seitens des Bundesamtes für Naturschutz befürwortet sowie seitens des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und Geologie und des Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft mitgetragen. Auch die damaligen Landräte haben dieses Projekt unterstützt.

Warum wurde es nicht umgesetzt?

Weil es Widerstand seitens einer Stadt gab: Elterlein.

Das wäre heute anders?

Das müsste man sicher noch herausfinden. Man muss die Bürger vor allem richtig informieren, ihnen die Ängste nehmen.

Welche Ortschaften schließt Ihr Projekt ein?

Es umfasst den größten Teil des Wassereinzugsgebietes der "Roten Pfütze" und angrenzende Flächen mit einer Größe von circa 4600 Hektar. Dazu gehören neben Elterlein noch Geyer, Hermannsdorf, Tannenberg, Schlettau und Scheibenberg.

Und was ist das Besondere an dem Gebiet?

Morphologisch bildet das Bachsystem eine seicht nach Süden geneigte Quellmulde und stellt geografisch gesehen eine "Brücke" zwischen der montan/hochmontan geprägten Geyerschen Platte im Norden und dem hochmontanen Fichtelberggebiet im Süden dar. Das vorgeschlagene Projektgebiet besitzt überregionale Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz. Zahlreiche Tiere und Pflanzen von in Deutschland vom Aussterben bedrohten beziehungsweise stark gefährdeten Arten haben hier ihre Heimat, etwa Hochmoor-Laufkäfer, Bachneun auge, Kammmolch, Schwarzstorch und Hochmoor-Gelbling.

Entscheiden wird letztlich der Kreistag. Haben Sie bereits Kontakt zu den Fraktionen aufgenommen?

Ja, wir haben unseren Vorschlag an alle Kreistagsfraktionen, den Landrat und das Sächsische Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft geschickt. Vom Landrat haben wir ein Antwortschreiben erhalten. Danach könnte unsere Projektskizze Eingang in eine mögliche Antragstellung finden. Und von allen Fraktionen haben wir eine Empfangsbestätigung, von einigen sogar ein Gesprächsangebot erhalten. Mit einer Ausnahme: die Grünen. alu


Zur Person

Wolfgang Riether (67) ist Vorstandschef von Pro Naturschutz Sachsen und seit 1964 aktiv im Naturschutz. Der Verein ist in der Grünen Liga Sachsen, dem Dachverband von mehreren Naturschutzorganisationen im Freistaat. Pro Naturschutz kümmert sich ums Beobachten, den Schutz und die Pflege von ökologisch wertvollen Biotopen im Erzgebirge. (alu)

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