Verliert die Bühne Wald ihre Darsteller?

Der Streit um Rotwild und Co. beschäftigt Naturschützer wie Forstwirte. Dabei gehen die Meinungen teils weit auseinander. Der Nabu lädt auf der Suche nach Lösungen zur Diskussion ein - und hofft auf Kompromisse.

Carlsfeld.

Der Wald, das sind nicht nur Bäume. Auch Rothirsch und Co tragen zur biologischen Vielfalt bei. Dennoch besitzt dieses Thema - vor allem mit Blick auf die Ausgewogenheit zwischen Wald und Rotwild - ein hohes Konfliktpotenzial. Die Geister scheiden sich bei der Frage: Wie viel Wild verträgt der Wald? Antworten werden am Sonnabend in Carlsfeld im Symposium des Naturschutzbunds (Nabu) Sachsen gesucht.

Für Matthias Scheffler vom Nabu-Kreisverband Aue-Schwarzenberg ist der Rothirsch ein beeindruckendes, aber auch ein bedauernswertes Tier. "Schon immer steht er zwischen den Fronten: einerseits hochgepäppelt als jagdliches Kultobjekt, andererseits erbittert bekämpft als Schädling in Wald und Feld." Der Konflikt Wald versus Wild setze sich fort. "Es gibt einen fast erbitterten Streit zwischen beiden Fraktionen", sagt Scheffler. Die einen sagen, es wird zu viel bejagt. Die anderen, zu wenig oder nicht im richtigen Maß. Ein Kompromiss scheint nicht in Sicht.


Freilich, räumt Scheffler ein, müsse die Lage regional betrachtet werden. Der Rothirsch besiedele bundesweit nur noch ein Viertel seines ehemaligen Verbreitungsgebiets. "Für Sachsen gelten ähnliche Werte. Das sollte uns zu denken geben, wird aber weitgehend widerspruchslos hingenommen." Auch von Naturschützern. Selbst in ihren Kreisen teilen nicht alle die gleiche Ansicht. Es gelte, nach Lösungen zu suchen. "Den Rothirsch höre und sehe er nicht mehr", sagt Scheffler und ergänzt: "Er ist wegen permanenter Verfolgung zum Flüchtling geworden." Das Tier verstecke sich im Wald, obwohl offenes oder halb offenes Gelände sein bevorzugter Lebensraum sind. Aber auch im Wald muss der Hirsch fressen - und da beginnen die Probleme mit Schälschäden und dergleichen.

Naturnah, vielfältig, sich verjüngend - so sehen moderne Forstwir- te laut Scheffler den Wald der Zukunft. "Damit würden sich Belange des Natur- und Artenschutzes verbinden lassen", fügt er hinzu. "Wenn man es richtig angeht." Erforderlich wären beispielsweise - wie auch für den Erhalt des Birkhuhns - entsprechende Flächen, die dem Schutzzweck dienen. Der Waldumbau, seine Verjüngung, das sei nötig. "Auch dass es dazu der Bejagung bedarf, steht außer Frage." Doch es gehe um die Art und Weise - und um das Maß. "Sonst hat man einen tollen Wald als Bühne, aber keine Darsteller mehr", befürchtet der Naturschützer und macht deshalb für das Hinterfragen und die Annäherung stark, ehe es zu spät ist. Der Rothirsch als Waldschädling - aus dieser Ecke wolle er das imposante Tier herausholen. "Er hat als großer Pflanzenfresser auch eine positive ökologische Wirkung auf seinen Lebensraum, sorgt für Mannigfaltigkeit, Dynamik und Licht im Wald."

Noch sei der Wald recht artenreich, anders als das Offenland. "Da haben wir schon viel an Vielfalt ein- gebüßt und nehmen auch dem Rothirsch diesen ursprünglichen Lebensraum immer mehr", findet Scheffler. Klimawandel und Erhalt der biologischen Vielfalt seien eng miteinander verzahnt. "Das ist nicht leicht zu händeln." Deshalb gelte es, auf die Konflikte aufmerksam zu machen. Vorschlag des Nabu: ein Schutzgebiet "Grenzübergreifendes Biosphärenreservat Oberes Westerzgebirge" für beispielhafte Modelle mit dem Rothirsch als Symbol- und Leitart.

Dafür sind Kompromisse nötig, denen Diskussionen vorausgehen - wie am Sonnabend im Symposium in Carlsfeld. Beginn ist 9.30 Uhr mit Vorträgen zu den letzten Urwäldern Europas, zum Klimawandel, zur kommunalen Waldwirtschaft, zum nachhaltigen Umgang mit dem Rothirsch und weiteren Themen. Nachmittags folgen eine Exkursion und der Besuch des Bergwiesenfests in Stützengrün.

www.tagung.NABU-Sachsen.de

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