Vom Mohrle und der Möhren-Apotheke

Lach-Stürme erschütterten das ausverkaufte Kulturzentrum "Goldne Sonne" bei Uwe Steimles ostalgischem Programm "Zeit heilt alle Wunder".

Uwe Steimle beim Auftritt in der Goldenen Sonne.

Von Rolf Pausch

Jubelnd hat das Publikum Uwe Steimle und sein virtuoses Jazz-Trio am Freitagabend begrüßt, und umjubelt verließ er auch wieder die Bühne. War das mehr eine politische Kundgebung? Der Kabarettist, Autor und Schauspieler erinnerte an die friedliche Revolution 1989: "Und wenn's noch mal so klappen könnte ... wo geht's wieder los? In Sachsen! Diesmal marschieren wir gleich bis Berlin durch!"

Je weniger Sachkompetenz da sei, desto mehr werde gelächelt. Man könne Kabarett nicht mehr von Kabinett unterscheiden, stellte er fest und zitierte Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) zum staubtrockenen Sommer: "Wir lassen die deutschen Bauern nicht im Regen stehen!" Steimle ergänzte: "Dieser heiße Sommer, das war der Russe!"

Doch auch die Presse hilft mit bei der präzisen Spiegelung der aktuellen Ereignisse. So zitierte Steimle eine Leipziger Zeitung: "Die Schweigeminute dauerte 30 Sekunden." In Dresden gebe es keine braune Schokolade mehr, scherzte Steimle. Auch "Mohr" dürfe man nicht mehr sagen. Man habe irgendwo eine Mohren-Apotheke in Möhren-Apotheke umbenannt. Dann stimmte er ein Kinderlied an: "Unsre Katz heißt Mohrle, hat ein schwarzes Ohrle", und alle im ausverkauften Saal sangen leise mit. Später sangen alle: "Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?" Der verhaltene Tonfall dieses raunenden Gesanges in der "Goldnen Sonne" wird wie eine Mahnung in Erinnerung bleiben.

"In der DDR hat man sich um die Menschen gekümmert, und die Häuser verfielen, heute kümmert man sich um die Häuser...", übertrieb Steimle etwas, aber ohne Zuspitzung würde keiner zuhören.

Steimle, der für die MDR-Sendreihe "Steimles Welt" unterwegs ist, wollte den Freiberger Dom außerhalb der Führungen besichtigen. "Es geht nie mehr einer alleine in den Dom!", wurde ihm geantwortet, das sei eine Anweisung "von ganz oben"! Es werde hinter den Altar gekackt. Die "von ganz oben" vermochten die rückwärtigen Erzeugnisse sogar national zuordnen: "Die Deutschen machen solche Haufen nicht!"

Rinderwahn, Schweinepest und Schuppenflechte - Steimle fasste das Elend der Welt im "Lieblingswort der Sachsen" zusammen: "Furschbar!" Furschbar fand er auch einen Blick auf seinen Kontoauszug. Da stand: "Soll Haben". Doch zuletzt machte er gute Stimmung. Er sang die schwierige Arie "Ich bin das Faktotum der schönen Welt" aus Rossinis "Barbier von Sevilla", mit neuem Text. Den verstand man zwar kaum, aber Steimle ließ seine wendige Tenorstimme durchdringend schallen. Ein kunstsinniger Dresdner eben.

Steimle zitierte den sorbischen Dichter Jurij Brezan (1916-2006): "Da die Macht keine Vernunft hat, hat die Vernunft keine Macht."

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