Wegen Nazi-Symbolen: Debatte um Lößnitzer Glocken

Das Glockenspiel der Stadt ist ins Gerede gekommen. Wie damit umgehen? Diese Frage treibt derzeit viele Menschen um. "Freie Presse" hat zwei Pfarrer befragt - und unterschiedliche Antworten erhalten.

Überrascht sei er gewesen, als er vor einigen Tagen von Nazi-Symbolen auf dem Lößnitzer Glockenspiel erfuhr, sagt Frank Meinel. "Ich habe mich ein bisschen erschreckt. Ich wusste das gar nicht."


Der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde St. Wolfgang in Schneeberg hat viele Gespräche mit seinen Mitarbeitern geführt. "Wenn es ein kirchliches Geläut wäre, hätte ich große Probleme damit", sagt er. "Dann würde ich das Läuten einstellen und Geld sammeln für einen Umguss, so wie es bereits andere Kirchgemeinden, etwa in Thüringen, entschieden haben. Denn so eine Glocke trägt immer eine Botschaft hinaus in die Welt." Da das Bronzeglockenspiel, das im Turm der St.-Johannis-Kirche installiert ist, aber der Stadt gehört, wolle er sich nur zurückhaltend äußern. "Die Stadt muss es selbst bestimmen." Aber er sagt auch: "Das ist eine heiße Sache."

Entscheidet sich die Stadtverwaltung wie bereits angekündigt dafür, dass Glockenspiel nicht ruhen zu lassen, sollte dies gut begründet sein. Dafür spreche, dass man nicht alles aus der damaligen Zeit aufheben und ändern könne. Dagegen hält Frank Meinel wiederum die "Singularität" der Nazi-Verbrechen: "Der industriell durchgeführte Mord beispielsweise an Juden war in der Weltgeschichte einmalig." Es gehöre zur Staatsräson der Bundesrepublik, damit total zu brechen. "Das könnte auch Symbole auf Glocken betreffen." Schlaue Ratschläge wolle er den Politikern nicht geben, nur eins empfiehlt er: eine breite Debatte. "Man sollte gemeinsam mit den Bürgern öffentlich darüber diskutieren."


Pfarrer Jörgen Schubert:

Den Vorschlag, dass Läuten der Nazi-Glocken einzustellen, lehnt Jörgen Schubert ab. "Es sind ja keine Kirchenglocken, die einen Verkündungsauftrag haben. Sondern es ist ein Glockenspiel, das in erster Linie Musik macht." Die Symbole verurteilt er zwar, bezeichnet sie als verfassungsfeindlich. An den Glocken - wo sie niemand sieht - würden sie ihn jedoch nicht stören. "Sie sind Zeichen der Zeit."

Würde es sich um ein gottesdienstliches Geläut handeln, liege der Fall anders, sagt Jörgen Schubert. Gegen ein Einschmelzen spreche aber auch dann die Frage: "Warum gerade jetzt? Die Symbole stehen da schon viele Jahrzehnte."

Der Pfarrer der evangelisch-lutherischen St. Nicolaikirchgemeinde in Aue plädiert dafür, das Glockenspiel zu erhalten. Zugleich müsse man weiter dafür sorgen, dass die belasteten Glocken niemand zu Gesicht bekommt. "So könnte ich gut damit leben, dass sie hängen bleiben", erklärt er.

Die Nachricht von den Nazi-Symbolen hat Jörgen Schubert überrascht. "Ich habe es erst jetzt erfahren. Ich kannte bisher nur Fälle in anderen Bundesländern, wo zum Teil sehr rabiat vorgegangen ist." Eine von Frank Meinel angeregte öffentliche Debatte mit den Bürgern sieht Pfarrer Schubert mit gemischten Gefühlen: "Ja, gegen die Bürgerschaft sollte man nicht entscheiden. Aber je mehr Leute man fragt, desto mehr Meinungen bekommt man." Bestimmen müsse am Ende der Eigentümer. Er regt aber an, dass sich die Stadtverwaltung klar positioniert und ihre Sichtweise in Gesprächen später den Bürgern erklärt. juef

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 10 Bewertungen
12Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    3
    thombo01
    21.07.2019

    Distel...: Zeitgeschichtlich war es ja auch nur ein Vogelschiss

  • 8
    1
    Lesemuffel
    20.07.2019

    Ja, quatschkopp(Nomen est omen) es gibt nicht Viele, die die Fähigkeit haben, am Klang der Instrumente zu erkennen, dass diese Nazi Instrumente gewesen waren. Oder steigen Sie über den Orchestergraben und untersuchen erst einmal alle Instrumente auf Nazirelikte?
    Wenn die Glocken hängen bleiben, aber nicht mehr Läuten dürfen bleibt die Symbolik doch trotzdem erhalten, die ein Forscher erkundet hat. Oder hatte er es am Klang gedeutet? Einschmelzen? So wie es die Nazi Verbrecher einst Taten nun nachmachen? Viel Lärm um Nichts!

  • 0
    9
    Nixnuzz
    20.07.2019

    Kann man die nicht mit einer Schleifmaschine "entnazifiziren"? Würde die Klangqualität da wirklich drunter leiden?? Andererseits - solange dies Konkordat weiterhin gültig ist....

  • 8
    3
    Franziskamarcus
    20.07.2019

    quatschkopf, nach ihren ersten drei Zeilen hätten sie aufhören können. Und ja, ich würde drauf spielen, wenn ich es könnte und das Instrument gut wäre. Ich muss ja die Symbole nicht herzeigen oder rumprotzen oder abkleben oder weiss der Geier.

  • 3
    12
    quatschkopf
    20.07.2019

    Muss man die Glocken stilllegen? Nein.
    Muss man sie entfernen? Nein.
    Muss man sie läuten? Nein.
    Die Frage muss eine ganz andere sein.
    Würde ich auf einem Instrument spielen wollen auf dem Nazisymbole sind?
    NEIN!
    Also nehme ich mir ein anderes Instrument wenn ich spielen will.
    Würde ich mir Musik anhören wenn der Musiker vor mit ein Instrument spielt auf dem Nazisymbole sind?
    NEIN!
    Da müsste die Begründung schon sehr durchdacht und gut dargelegt sein.

    Viele die hier ablehnen die Glocken stillzulegen gehören wohl eher zur trotzigen Fraktion "jetzt wollnse uns ah noch das wegnehm!"
    Erst mal ruhig bleiben und ganz entspannt drüber nachdenken.

  • 16
    6
    ralf66
    19.07.2019

    @Distelblüte, ne Glocke muss bimmeln, erklingen und klingen auch, sonst hätte man keine hinhängen brauchen, aber mal was anders, hört man das was auf einer Glocke für Symbole oder Schriftzüge eingegossen stehen wenn's bimmelt oder leutet?

  • 7
    24
    Distelblüte
    19.07.2019

    @Franzisamarcus: Gut möglich, dass es etliche Menschen in der Erzgebirgsregion gibt, die beim Geläut dieser Glocken denken "war ja nur ein Vogelschiss".
    Es wird ja auch nicht die handwerkliche Ausführung zum Kritikpunkt gemacht, sondern die Symbolik auf den Glocken.
    Ich für mein Teil würde die Glocken hängenlassen, ohne sie zu läuten. Ignorieren würde ich die historischen Anspielungen nicht.

  • 20
    6
    1371270
    19.07.2019

    @Franziscamarkus. Es ist doch völlig sinnlos, mit Disteln zu diskutieren

  • 29
    8
    Franziskamarcus
    19.07.2019

    Noch ein Versuch: Diestelverblühte, ich glaube nicht, das die Menschen in Lössnitz und anderswo Verfolgungswahn haben und bei jedem Geläut den "Führer" vor Augen haben. Die Glocken scheinen gute Handwerkliche arbeit zu sein, guter Zustand und Klangvoll. Mögen sie noch lang hängen.
    Im übrigen warum kommt den das Glockenspiel überhaupt ins "Gerede"? Vorsichtig ausgedrückt, anscheinend haben einige nix zu tun....

  • 16
    8
    thombo01
    19.07.2019

    Distel...: und was ist bei ihnen "weise"?

  • 11
    31
    Distelblüte
    19.07.2019

    Frank Meinel hat es am besten ausgedrückt: es ist Sache der Stadt. Ich hoffe, sie entscheidet weise.
    Allerdings wird die Devise 'aus den Augen, aus dem Sinn' nicht funktionieren. Die meisten Bewohner von Lößnitz werden diese Glocken nie zu Gesicht bekommen. Aber bei jedem Läuten wird die Symbolik und Schrift auf den Glocken wieder ins Gedächtnis gerufen.

  • 31
    12
    Lesemuffel
    19.07.2019

    Ob auch der Klang der Glocken eine Nazisymbolik ausstrahlt? Dann sofort das Läuten einstellen, ganz klar. Und vor allem das Land, vielleicht auch Österreich nach Nazi Glocken durchsuchen, damit die Touristen, wenn sie die Glockentürme besteigen, nicht mit der Nazizeit konfrontiert werden.



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