"Wer besitzt wen?"

Intendant Ingolf Huhn bringt den "Jedermann" nach Aue und freut sich auf das außergewöhnliche Gastspiel des Winterstein-Theaters

Aue.

Am 31. August gastiert das Eduard-von-Winterstein-Theater erstmals mit einem Theaterstück in Aue. Auf dem Programm steht die Aufführung des Stückes "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal. Im Interview sprach Intendant Ingolf Huhn mit "Freie Presse"-Mitarbeiter Joseph Wenzel über die ungebrochene Aktualität des Stückes sowie die Erwartungen des Auer Publikums.

"Freie Presse": Der Jedermann zählt zum Klassiker im Programm des Eduard-von-Winterstein-Theaters. Warum kommt das Stück erst jetzt nach Aue?

Ingolf Huhn: "Das Stück spielen wir jetzt im siebenten Jahr. Wir haben es nicht nur in Annaberg sondern auch in Wolkenstein und in Zschopau aufgeführt. Aue ist unser zweiter Standort, und das Theater ist sehr dankbar für die Unterstützung durch die Stadt. Wir spielen dort im Kulturhaus - all unsere Philharmonischen Konzerte, aber auch einige Theaterproduktionen. Deshalb wollten wir unbedingt auch mit unserem Jedermann dorthin. Die Aufführung ist am 31. August um 20 Uhr im Rathaushof, dort, wo auch immer unser Sommerkonzert stattfindet. Bei Regen spielen wir im Kulturhaus.

Was erwartet die Zuschauer in Aue?

An der Aufführung des Jedermanns ist beinahe unser gesamtes Ensemble beteiligt, dazu junge Leute aus dem Umfeld des Theaters. In Annaberg passen etwa 300 Zuschauer vor die Bühne, im Auer Rathaushof hingegen finden bis zu 500 Menschen Platz. Auf so ein großes Publikum freuen wir uns natürlich sehr.

Das Theaterstück ist ein Werk der Klassischen Moderne, der Stoff beruht allerdings auf einem christlichen Mysterienspiel. Ist die Botschaft des Stückes überhaupt noch aktuell?

Der Jedermann von Hugo von Hofmannsthal feierte in einer Inszenierung von Max Reimann bereits 1911 Premiere, aber sein Jahrhunderterfolg begann 1920, als Reinhardt und Hofmannsthal damit die ersten Salzburger Festspiele eröffneten und seitdem das Stück jedes Jahr am Beginn der Festspiele steht. Tatsächlich beruht der Stoff auf einer Vorlage aus der Renaissance. Das Werk ist aber als eine große Parabel zu verstehen. Den Kern des Bühnenstückes bildet die Frage "Wie muss ich leben, wenn ich weiß, dass ich morgen sterben kann?" - und diese Frage gilt immer.

Das Werk enthält auch Kritik an der Verweltlichung der Gesellschaft. Besonders das Festhalten am Geld, im Jedermann personifiziert durch die Figur des Mammons, wird hinterfragt. Sehen Sie Parallelen zu heute?

Unbedingt. Es geht um die Frage, wer besitzt wen? Besitzt Jedermann das Geld oder das Geld den Jedermann? Diese Frage kann sich heute jeder selbst stellen. Daneben werden noch weitere zeitlose Aspekte thematisiert. Das Verhältnis von Liebe und Sexualität zum Beispiel oder von Verwandtschaft und Liebe. Für seinen letzten Gang ist der Held auf der Suche nach einer Begleitung, doch er kann weder seine Partnerin oder seinen besten Freund überzeugen, ihn zu begleiten, noch seine Knechte dazu zwingen. Nicht einmal sein Geld kann Jedermann mit ins Jenseits nehmen. Am Ende helfen ihm nur seine ziemlich mageren guten Werke und der Glaube.

Für die Inszenierung haben Sie sich allerdings für traditionelle Kostüme entschieden.

Inszeniert wurde das Stück ursprünglich für eine Kulisse auf der großen Treppe am Unteren Kirchplatz vor der Sankt Annenkirche in Annaberg, da hatten sich Renaissance-Kostüme angeboten. Im Vordergrund steht auch die Botschaft des Stückes, vielleicht hilft dies aber dem Zuschauer, sich in die historischen Figuren hineinzudenken.

Welche Resonanz erhoffen Sie sich vom Auer Publikum?

Jedermann ist ja ein Stück Verkündigung, und wir hoffen da bei unseren Zuschauern auf ein sehr intensives Miterleben. Letztlich ist das ja etwas, was jeden von uns betrifft und das jedem von uns in dies Seele schaut.

Der "Jedermann" des Eduard-von-Winterstein-Theaters wird im 7. Sommer unter freiem Himmel an der St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz gespielt. Am 31. August gibt es eine Vorstellung im Rathaushof in Aue. Bei schlechtem Wetter findet sie im Kulturhaus statt. Beginn ist 20 Uhr. Karten für 15 Euro an der Abendkasse oder im Kulturhaus Aue.

www.winterstein-theater.de


Zur Person

Ingolf Huhn ist 1955 in Magdeburg geboren. Nach dem Abitur studierte er Opernregie in Berlin und Musikwissenschaften in Leipzig sowie Theologie im kirchlichen Fernstudium. Anschließend war er zehn Jahre Opernregisseur in Meiningen und während dieser Zeit ständiger Gast-Regisseur an der Bühne in Graz (Österreich). Huhn arbeitete von 1998 bis 2003 als Intendant des Mittelsächsischen Theaters Freiberg-Döbeln. Von 2003 bis Juli 2008 führte er das Theater Plauen-Zwickau als Generalintendant. Seit 2010 ist er Geschäftsführender Intendant am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz. (fp)

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