Weshalb ein Schneeberger Pfarrer in Bethlehem predigt

Gestern Nacht brachen Jugendliche aus Sachsen zu einer ungewöhnlichen Reise auf. Ihr Ziel ist nicht nur das Heilige Land.

Schneeberg.

Gestern Abend vor dem Cranachaltar der St. Wolfgangskirche in Schneeberg. Kerzen sind angezündet, und 15 Jugendliche haben sich mit ihren Eltern versammelt. Koffer und Rucksäcke sind gepackt. Zum wiederholten Mal kontrollieren sie, dass auch die gültigen Reisepässe dabei sind. Schließlich bittet Pfarrer Frank Meinel um den Segen für die bevorstehende Reise. "Den Weg des Friedens führe uns der allmächtige und barmherzige Herr. Sein Engel geleite uns auf dem Weg, dass wir wohlbehalten heimkehren in Frieden und Freude". Nun geht es los. Kurz vor Mitternacht startet die Maschine vom Flughafen in Prag. Ziel: Tel Aviv.

Planmäßig sollen heute Morgen gegen 6.30 Uhr alle Reisenden ihr Quartier bezogen haben, im Gästehaus der Schule Talitha Kumi in Baith Jala, nahe Bethlehem. Auf dem Programm der achttägigen Reise stehen Ausflüge zu biblischen Stätten wie der Geburts- und der Grabeskirche und zu den Höhlen von Qumran, in denen unter anderem die bislang ältesten bekannten Bibelhandschriften gefunden wurden. "Das wichtigste sind aber Begegnungen", sagt Meinel. "Wir führen keine touristische Reise durch, sondern die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen steht im Vordergrund." So sind Besuche in palästinensischen Familien, eine Bibelarbeit mit arabischen Christen wie auch ein Grillabend geplant. "Palästinensische Jugendliche werden uns Orte ihres Alltags zeigen, wir werden am Unterricht und an einem Sportfest teilnehmen, aber auch die Grenzmauern werden wir sehen, das Müllproblem erkennen ..."


Höhepunkt wird ein Gottesdienst sein, den der Pfarrer von Bethlehem, Asraf Tannous, gemeinsam mit Meinel und den Jugendlichen gestaltet. Meinel hält die Predigt, die ins Arabische übersetzt wird.

Meinel unternimmt nicht zum ersten Mal so eine Reise, sondern er hat einen Austausch etabliert, der schon über Jahre Jugendliche aus Deutschland und aus dem Heiligen Land zusammenbringt. Er spricht bewusst nicht von "Palästina" und "Israel", sondern sagt "Heiliges Land", weil dieser Flecken Erde Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen am Herzen liege. "Und weil ich nicht das Trennende herausstellen, sondern das Versöhnende betonen möchte", sagt Meinel. Frieden und Versöhnung durch Bildung - das ist das Motto nicht nur der Reisen Meinels. Sondern dies ist auch der Leitgedanke der Schule Talitha Kumi, die 1851 vom Diakoniewerk in Kaiserswerth errichtet wurde mit dem Ziel, arabischen Mädchen Bildungschancen zu eröffnen. Lange war dies ausschließlich eine christliche Mädchenschule. Heute aber lernen in der Einrichtung, die vom Berliner Missionswerk getragen wird, christliche und muslimische Mädchen und Jungen. "Talitha Kumi ist ein Ort, an dem Versöhnung gelebt wird", empfindet Meinel. Er freut sich auf das Wiedersehen mit Jugendlichen, die er bei früheren Besuchen kennengelernt hat.

Nachhaltig soll der Aufenthalt für die 15 deutschen Jugendlichen sein. "Aus der Vergangenheit weiß ich, dass viele Jungen und Mädchen nach der Reise mit den arabischen Jugendlichen im Kontakt bleiben. Das ist ja sehr einfach." Meinel hofft zudem, dass bei den Jugendlichen Verständnis für einen der größten Konfliktherde der Welt wächst und sie zugleich erleben, wie Menschen in schwieriger Situation erfolgreich um ein friedliches Miteinander ringen. "Wer einmal für ein paar Tage im Nahen Osten war, wird den Wert der Demokratie schätzen und selbstbewusst dafür eintreten", ist Meinel überzeugt. Nicht zuletzt hofft er als Pfarrer, dass die Pilgerreisen ins Heilige Land die Jugendlichen in ihrem Glauben festigen werden.

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