Wie die Geschichte weiterging: Lößnitzer sammeln für eine Versöhnungsglocke

Das Bronzeglockenspiel der Muhme steht unter Denkmalschutz. Wegen Nazi-Symbolen kam es im vergangenen Jahr ins Gerede. Bürger reagierten mit einer Initiative.

Lößnitz.

Von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt. Wenn die Pläne der von Jan Leichsenring ins Leben gerufenen Interessengemeinschaft Bürgerglocke Lößnitz aufgehen, wird die Versöhnungsglocke der Muhme zum Weihnachtsmarkt am 3. Advent 2020 erstmals angeschlagen. Die Spendenaktion, die das ermöglichen soll, startete vor drei Wochen auf dem Lößnitzer Weihnachtsmarkt 2019. Welche Zeit könnte besser passen für ein Werk, das Frieden stiften soll?

Die Versöhnungsglocke soll helfen, Risse zu kitten, die sich im Vorjahr in der Bürgerschaft aufgetan haben, als das bekannte Bronzeglockenspiel wegen Nazi-Symbolen ins Gerede gekommen war. Vier der 23 Glocken tragen Inschriften aus der Zeit seiner Herstellung, 1939, darunter Textzeilen, die Adolf Hitler verherrlichen. Eine Veröffentlichung in der mitteldeutschen Kirchenzeitung "Glaube + Heimat" rückte diesen Fakt wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten verlangte von der Stadtverwaltung sogar die Stilllegung des Glockenspiels.

Das Carillon ist eines der ältesten noch funktionsfähigen Bronzeglockenspiele weltweit, in Deutschland ist es das zweitälteste. Gegossen in der bekannten Glockengießerei Franz Schilling in Apolda ist es heute ein technisches Denkmal. Der Lößnitzer Stadtrat entschied daher einstimmig, dass das Instrument weiter schlagen soll und die belasteten Glocken weder verändert noch neu gegossen werden. Die Inschriften sollen künftig durch Schautafeln in die Zeit ihrer Entstehung eingeordnet und erklärt werden.

Vorausgegangen war eine Bürgerversammlung, in der sich eine große Mehrheit der Anwesenden für diese Variante ausgesprochen hatte. Es gab aber auch andere Stimmen. "Ich hatte das Gefühl, dass die Lößnitzer Bürgerschaft gespalten weiter lebt", sagte Jan Leichsenring danach und schlug eine Versöhnungsglocke vor, die das Glockenspiel ergänzen soll. "Wir wollen die Mahn- und Gedenkkultur in unserer Stadt mit dieser Glocke unterstützend begleiten", erklärt der Initiator.

Unterstützt wird er unter anderem von Sören Wittstock und dem Glockensachverständigen Gerd Schlesinger. Mindestens 5000 Euro werden benötigt. Aufgebracht werden soll das Geld durch Spenden aus der Bevölkerung. "Wir wollen vor allem kleine Spenden, denn es soll eine Glocke von vielen für viele werden", sagt Sören Wittstock. mu

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