Wie ein Freibad zur Müllhalde wurde

Anderthalb Millionen Kubikmeter Abfälle liegen auf dem Gelände des ehemaligen Freibads in der Auer Hakenkrümme. Nächstes Jahr lässt die Wismut das Gelände sanieren. Dabei hätte sie das Bad vor 70 Jahren erhalten müssen, oder?

Aue.

Es ist ein Dokument, das belegt, wie brachial die Sowjetische Aktiengesellschaft Wismut nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Interessen durchsetzte. Oder wie blauäugig die lokalen Entscheidungsträger waren. Es kommt auf die Perspektive an. In einem Sitzungsbericht des Auer Stadtrates vom Mai 1949 ist zu lesen, dass der Rat gegen die vertragliche Überlassung des Freibades an der Hakenkrümme für zehn Jahre an die Wismut "keine Bedenken" hatte. Der Verpachtung sollte aber unter der Voraussetzung erfolgen, dass sich die Wismut verpflichtet, das Bad instandzuhalten und den Auer Einwohnern "die Nutzung in der bisherigen Weise zu gestatten".

Was daraus wurde, ist bekannt: Die Wismut hat das Bad plattgemacht. Sie hat das Gelände auf der Suche nach Uran umgegraben und eine giftige chemische Uranaufbereitungsanlage installiert. Sogar dem Schwarzwasser zwangen die Sonnensucher ihren Willen auf. Die große Flussschleife, die der Hakenkrümme den Namen gab, wurde trockengelegt, ein neues Flussbett gesprengt. Die vertraglich vereinbarten zehn Jahre benötigte die Wismut nicht. Ihr reichten acht. Dann war der Spuk vorbei. Die Geschichte des einstmals schönsten Freibads in Sachsen - eine Auszeichnung vom Beginn der 1930er-Jahre - aber auch.

Nächstes Jahr beginnt die Wismut, diesmal als Sanierungsunternehmen des Bundes, mit der Rekultivierung der Fläche. 4,5 Millionen Euro fließen, Stadt und Landkreis beteiligen sich. "Liest man das Protokoll der Sitzung von 1949 müsste die Wismut eigentlich das Bad wieder aufbauen", sagt Aues Stadtsprecherin Jana Hecker. Vorsicht, Ironie! Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

Anstelle des Bades hat Aue eine Mülldeponie bekommen. Neben 585.000 Kubikmetern radioaktivem Schlamm erwarten die Sanierer mehr als eine Million Kubikmeter Abraum, Schlacke, Asche, Bauschutt, Hausmüll und Fäkalien, die im Boden versiegelt werden sollen. Bauamtsleiter Immo Rother spricht davon, dass an der Hakenkrümme "das Periodensystem der Elemente" lagere. Die Stadt und viele volkseigene Betriebe haben ihr Scherflein dazu beigetragen. Protokolle aus der DDR-Zeit belegen, dass hier Altreifen als "potenzieller Rohstoff-Reserveträger zwischengelagert" wurden. Dem VEB Halbzeugwerk Auerhammer war dies beispielsweise bis 31. Dezember 1990 erlaubt. Einer Endlagerung wurde laut Protokoll "nicht zugestimmt". Abgeholt wurden die Reifen aber bis heute nicht.

Ortschronist Heinz Poller erinnert sich an noch mehr: "In meiner Zeit als Dachdecker haben wir dort große Mengen Asbest, Dachpappe und andere Teerprodukte abgekippt. Der Kohlehandel lud die in sich zerfallenen Briketts ab, die sich im Sommer dann entzündeten und mit schwarzen Rauchfahnen auf sich aufmerksam machten. Mehrmals kam der Barkas aus dem Krankenhaus vorbei, mit Säcken voller blutverschmierter medizinischer Abfälle, Textilien und Spritzen."

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