Wie ein Mädchen den Mauerbau erlebte

Lilli Nußhart floh 1961 im Alter von zwölf Jahren aus der DDR in die BRD. Zusammen mit ihren Eltern und ihren drei Brüdern bestritt sie eine schwere Reise - mit bangen Momenten.

Aue/Solingen/Glöwen.

Die Flucht aus ihrem Heimatort Glöwen in Brandenburg kam für Lilli Nußhart plötzlich - obwohl es bereits lange vorher deutliche Warnzeichen gab. Denn ihr Vater war bereits zweimal wegen zivilen Ungehorsams verhaftet worden. Es war eine einsame und heimliche Entscheidung ihrer Eltern, 1961 - im Jahr des Mauerbaus - die DDR zu verlassen.

Nachts brachen sie auf und nahmen getrennte Wege: die Mutter mit Lilli und zwei ihrer Brüder, der Vater ging zusammen mit dem ältesten Sohn. Das Ziel der Familie war es, sich in Marienfelde (West-Berlin) wieder zu treffen. Während Lilli und ihre Mutter fast problemlos und ungehindert den Weg bewältigen konnten, dauerte es drei Tage, bis schließlich auch der älteste Bruder im Flüchtlingslager ankam. Vom Verbleib des Vaters gab es zunächst keine Anzeichen, da er und der Bruder sich auf dem Weg trennen mussten. Die Ungewissheit und die Sorge führten dazu, dass die Mutter einen Herzinfarkt erlitt und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Am 13. August 1961 kam Lillis Vater schließlich in der Unterkunft an und machte seine Kinder auf ungewöhnliche Bauarbeiten aufmerksam. Draußen war zu sehen, wie Stein für Stein die Grenzmauer errichtet wurde.

Nach einigen Wochen in der Flüchtlingsunterkunft verbesserte sich der Gesundheitszustand der Mutter. So konnte die Familie nach Düsseldorf fliegen, von wo aus sie zunächst ins Flüchtlingslager Unna- Massen gebracht wurde, in dem sie zwei weitere Jahre lebte. Von dort aus suchte die Familie nach einem neuen Zuhause und nach Arbeit. Die Entscheidung fiel auf Solingen, die heutige Auer Partnerstadt. Hier ging Lilli zwei Jahre lang zur Schule, bevor sie eine kaufmännische Ausbildung begann. Sie lernte ihren Mann kennen und heiratete.

Die DDR besuchte sie das erste Mal 1977. Anlass war die Hochzeit ihres Cousins. Noch immer erinnert sich Lilli Nußhart an die strengen Grenzkontrollen, bei denen das Auto durchsucht wurde. Insbesondere die für den Cousin mitgebrachten Zigarren lösten Probleme aus, da die Packungen aufgrund der Fußball-Weltmeisterschaft mit der Aufschrift "Der Sieg ist unser" versehen waren. Sie durfte die Packungen erst mitnehmen, als sie den Aufkleber abgekratzt hatte. Die Fußballbilder des Sohnes wurden eingesammelt.

Den Mauerfall vor 30 Jahren bekam sie unter Freudentränen am Fernsehgerät zu Hause mit. Am selben Abend klingelte das Telefon: Ihr ostdeutscher Cousin war am anderen Ende der Leitung und kündigte seinen Besuch an. Dieses Mal ohne Grenzkontrollen - dafür mit ganz viel Wiedersehensfreude.

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