"Wir schaffen das - nur nicht so einfach"

Tobias Andrä, ein halbes Jahr lang Lehrer im Heim für junge Flüchtlinge in Bad Schlema, über Integration in der Praxis

Bad Schlema.

Vor einem Jahr sagte die Kanzlerin einen oft zitierten Satz. Tobias Andrä weiß aus praktischer Erfahrung, wie schwer es ist, ihn mit Leben zu füllen und Flüchtlinge zu integrieren. Er unterrichtete im Heim in Bad Schlema Deutsch als Zweitsprache für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (Umas). Mit Thomas Liersch sprach er über Licht und Schatten hinter der Fassade.

Freie Presse: Wie geht es im Heim in Bad Schlema hinter den Kulissen zu?

Tobias Andrä: Unspektakulärer als vielleicht manche vermuten. Dennoch: Am Schreibtisch lässt sich leicht über Integration plaudern, die Praxis ist rauer. Die Integration unterschiedlicher Kulturen in eine Klasse ist mit 'Bohren dicker Bretter' noch dezent umschrieben. Integration heißt eben nicht: Mach dein Ding so weiter wie zu Hause.

Ein Beispiel?

Jungen Leuten aus Somalia, Äthiopien oder Syrien, die selten einen geregelten Schulablauf kennen, beizubringen, täglich 7.30 Uhr mit gespitztem Bleistift motiviert in der Klasse zu sitzen, ist Sisyphos-Arbeit. Es kam vor, dass morgens nicht mal die Hälfte zum Unterricht kam. Manche kamen mit einer Stunde Verspätung und Pizza essend.

Wie haben Sie reagiert?

Mit starken Nerven, klaren Ansagen, aber manchmal auch unkonventionell. Zum Beispiel habe ich die Pizzaesser aufgefordert, die Zutaten ihrer Pizza in deutscher Sprache aufzuzählen. Damit hatten die Jugendlichen nicht gerechnet.

Und dann funktioniert der Unterricht?

Es ging am Anfang darum, Struktur und Abläufe zu vermitteln. Ganz praktisch beschrieben: Der Unterricht startet 7.30 Uhr. Eine Unterrichtsstunde dauert 45 Minuten. Der Tisch ist nicht zum Beschreiben da. Nach der Pause geht es weiter und nicht wie die Jungs dann öfters sagten: "Finish, Gentlemen!" Ein Vergleich mit einer deutschen Regelschule ist da abwegig, die Herausforderungen sind andere. Aber nach einer turbulenten Anfangsphase hat das Schritt für Schritt schon gepasst. Hier ist ein Lehrer als Multitalent gefragt - als Pädagoge, Seelsorger und in gewisser Weise als Elternersatz.

Was machen die Schüler, die fehlen?

Keine Frage, es gibt auch hartnäckige Schulverweigerer.

Lässt man sie gewähren?

Nein, auf keinen Fall! Eine Zeit lang haben wir die Jungs sogar mit geweckt. Sie wollten weiterschlafen und hatten viele Ausreden, das zu tun. Aber es gibt auch Maßnahmen gegen das Schwänzen: Taschengeldkürzung und der Ausschluss vom Fußball-Training gehören dazu. Eine durchgängig 100-prozentige Anwesenheit beim Unterricht ist trotzdem Utopie.

Gibt es positive Beispiele für die Integration der jungen Leute?

Ja, und das ist nur durch großen Einsatz möglich: durch Lehrkräfte, Ehrenamtliche, Betreuer, aber auch die Stadt- und Gemeindeverwaltungen von Aue und Bad Schlema sowie die Landkreisverwaltung. Einige Jugendliche spielen zum Beispiel in Fußballvereinen. Sie lernen dort unter anderem, pünktlich zum Training zu kommen. Anderes Beispiel: Drei Jugendliche, zwei aus Afghanistan, einer aus Kamerun, die in einem Ferienpraktikum im Bauhof Aue drei Wochen lang fleißig Unkraut beseitigt haben und die Innenstadt verschönerten. Sie waren übrigens nicht auf Kohle, sondern auf eine gute Arbeitsbeurteilung aus. Und noch ein Beispiel: Am wöchentlichen Praxistag waren wir für den Unterricht mehrfach im Landesbildungszentrum der Dachdecker in Bad Schlema. Ein junger Afghane fiel mit akkurater Arbeit auf. Es ist vorstellbar, dass er mal in einem erzgebirgischen Betrieb arbeitet.

Über Einzelbeispiele hinaus - sind junge Flüchtlinge insgesamt erfolgreich zu integrieren?

Ich bin Realist. Wir schaffen das - nur nicht so einfach. Ihnen so viel an Deutschkenntnissen und Bildung an die Hand zu geben, dass sie im Alltag zurechtkommen, kann gelingen. Ich zweifle aber, ob die Integration in den Arbeitsmarkt klappt. Unsere Ausbildungen sind zum Teil so komplex und mit Fachbegriffen gespickt, das ist eine große Hürde. Außerdem wollen auch manche zurück in ihre Heimat. Gerade die Jugendlichen sind oft von Heimweh geplagt. Deshalb ist dieses Rüstzeug an Bildung, das sie hier in Deutschland erhalten, auch ein Stück Aufbauhilfe für die Länder, in die sie zurückgehen werden.

Aber noch sind die jungen Flüchtlinge hier: Viele, auch in Bad Schlema, machen sich Sorgen um ihre Sicherheit. Werden Bürgern da Informationen vorenthalten?

Es gab ja erhitzte Diskussionen über diese Frage. Fakt ist: Rund um das Uma-Heim gibt es einen Eisernen Vorhang. Nichts darf nach außen dringen. Es mag behördlicherseits dafür vermeintlich gute Gründe geben. Ich halte davon nichts. Das bereitet nur den Nährboden für Gerüchte und Spekulationen. Ein Tag der offenen Tür würde da sicher manchen heilsam die Augen öffnen. Abschottung aber befördert keine Integration, sondern das Gegenteil. Festzuhalten bleibt: Das Uma-Heim ist weder eine Klosterabtei noch eine No-Go-Area. In den Monaten meiner Tätigkeit dort habe ich nicht einen Fall der Aggression oder Belästigung gegenüber Personen erlebt, die an der Unterkunft vorbeilaufen.

Haben die Mitarbeiter im Heim mit Aggressivität und Integrationsverweigerern zu kämpfen?

Als Betreuer und Lehrkraft darf man nicht zart besaitet sein. Beschimpfungen und Bedrohungen prägen durchaus den Alltag. Ein Bewohner, der schon vorher häufiger durch Aggression auffiel und wenig Integrationswillen zeigte, verwüstete eines Tages anlasslos den Speiseraum. Ich erinnere mich, wie er später von einer Heimmitarbeiterin und einer Polizistin verfolgt, an meinem Klassenzimmer vorbeiflitzte und das Weite suchte. Einige Tage später war er verschwunden - nach Hessen, wie Klassenkameraden sagten. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht.

Was erwarten Sie von der Politik, damit Integration gelingt?

Nichts zu verschweigen und unter den Teppich zu kehren. Die unterstützen, die sich integrieren wollen, und die sanktionieren und abschieben, die sich verweigern.


Zur Person

Tobias Andrä ist 34 Jahre alt und wohnt in Aue. Dort gehört er (parteilos) dem Stadtrat an. Sechs Monate unterrichtete er in Bad Schlema Deutsch als Fremdsprache für junge Flüchtlinge in einem von der Diakonie betriebenen Heim. Künftig macht er das an einer staatlichen Schule.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...