150-seitiger Marschplan in die Zukunft

Wohin soll die Reise gehen - mit Arbeitsplätzen, Mobilität, Naturschutz, Verwaltungsservice ...? Ein Kreisentwicklungskonzept soll die Richtung vorgeben. Nun dürfen auch die Bürger ihre Ideen einbringen.

Annaberg-Buchholz.

Jetzt kommt es richtig dicke: 150 Seiten Zukunftsmusik für den Erzgebirgskreis. Soviel ist nach zwei Jahren Gespräche über Probleme und Lösungsansätze in und mit lokalen und regionalen Gremien, Verbänden und Verantwortungsträgern zusammengekommen. Am Mittwochabend nun wurde im Kreistag der Entwurf des Regionalen Entwicklungskonzepts (REK) des Landkreises erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die erste Hälfte ist eine detaillierte, ungeschminkte Auflistung der aktuellen Lage:

Einwohner: Seit 1990 Verlust von 100.000 Einwohnern; auch Halbierung der Anzahl der bis 40-Jährigen, dafür kletterte die Anzahl der über 65-Jährigen auf 25 Prozent. Bis 2030 setzt sich der Prozess fort.

Verkehrssituation: Einerseits dichtes Straßen- und Schienennetz, andererseits schlechte Schienenverkehrsanbindung. Relativ dichtes ÖPNV-Netz, aber starke Abhängigkeit von Schülerverkehr. Erst in einigen Orten Lade- und Ausleihstationen für Elektrofahrzeuge.

Wirtschaft und Beschäftigung: Insgesamt erfolgreiche Entwicklung seit 1990, aber Probleme bei Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung absehbar; Gewerbeflächen überwiegend vermarktet.

Soziale Infrastruktur: Zum Großteil ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungs- und Schuleinrichtungen. Teilweise jedoch Unterversorgung bei Allgemeinmedizinern, Pflegeeinrichtungen sowie barrierefreiem Wohnraum.

Naturschutz: Vielzahl an Schutzgebieten, jedoch rückläufige Artenvielfalt. Hohe Neuinanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrsflächen mit negativen Auswirkungen auf das Schutzgut Boden.

Zu den Problemen gibt es bereits mehr oder weniger detaillierte Lösungsvorschläge oder auch Zielvorstellungen, die in zehn Handlungsfeldern und 32 Schlüsselmaßnahmen zusammengefasst sind. Wie Holger Vorberg, Sachgebietsleiter Kreisplanung/Kreisentwicklung, informierte, seien neben den Konzepten der vier Altkreise rund 60 Dokumente eingeflossen, insbesondere die Planungen der Leader-Regionen. So könnte die demografische Entwicklung etwa durch Anpassung der Infrastruktur, durch Angebote für möglichst lange eigenständige Lebensführung oder durch flächendeckenden Zugang zu Dienstleistungen verträglicher gestaltet werden. Die Verkehrslage soll sich durch Weiterentwicklung des ÖPNV entspannen. Die Wirtschaft müsste sich noch mehr verzahnen. Und auch Naturschutz sei - etwa bei Nutzungskonflikten - "angemessen zu berücksichtigen".

Dass auch Letzteres für Bürger wichtig ist, war bereits jüngst bei einer Sitzung des Technischen Ausschusses zu spüren. Vertreter zweier Bürgerinitiativen wollten sich schon damals bezüglich des REK zu Wort melden, weil sie mit der Anlage neuer Wohngebiete in ihren Orten hadern. Sie warben um mehr Augenmaß im Umgang mit der Natur. "Es gibt doch innerorts genug freie Flächen", glaubt Babara Ullmann aus Lugau. Für sie bedeute ein neues Wohngebiet zwischen Erlbacher Straße und Am Pfarrgrund vor allem mehr Lärm, erhöhte Unfallgefahr und Einschnitte in die Natur. Ähnliches befürchtet Bernd Krajewski für ein Vorhaben an der Feldstraße in Jahnsdorf. Schon jetzt gebe es vier noch nicht voll belegte Baugebiete. "Zudem vergammeln leerstehende Häuser", weiß er. Besser wäre es, Interessenten dorthin zu lenken: "Etwa mit den jetzt vom Freistaat avisierten Wohnungsbaukrediten." Im Ausschuss kamen sie jüngst nicht zu Wort - vielmehr seien sie von Landrat Frank Vogel (CDU) schroff "hinauskomplimentiert" worden. "Wir waren geschockt", so Krajewski. Dennoch wollen beide dranbleiben, ihre Vorschläge zum REK schriftlich einreichen.

Sachgebietsleiter Vorberg wies schon mal darauf hin, dass das REK nur informellen Charakter habe, keine rechtliche Folgen entfalte. Es bündle vielmehr erstmals das Selbstverständnis, wo der Erzgebirgskreis hinwolle. Nun ist er gespannt, was bis 31. Januar noch an Vorschlägen von den Bürgern reinkommt.

Laut Vogel soll das REK in einer der nächsten Kreistagssitzungen beschlossen werden. Zuvor werde es nochmals im Ausschuss debattiert. "Da wird viel Zeit verschenkt", so Grünen-Kreisrätin Ulrike Kahl. Vogel konterte: "Wir sind auch bislang nicht ganz planlos gewesen."

DAS Konzept steht auf der Internetseite der Kreisverwaltung zum Download bereit. Ideen an:

kreisplanung@kreis-erz.de

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