45 Jahre im Dienst der Pyramide

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In nahezu jeder Gemeinde im Erzgebirge drehen sie in der Advents- und Weihnachtszeit ihre Runden. Die Ortspyramiden sind nicht mehr wegzudenken. Doch wer kümmert sich, wenn im wahrsten Sinne des Wortes der Lack ab ist?

Lauterbach.

Werner Schreiter schraubt zuerst die Glühbirnen auf der unteren Etage der Lauterbacher Ortspyramide heraus. Rudi Stülpner und Joachim Meyer entfernen die Verkleidung des Sockels, hinter der sich der Antrieb befindet. Derweil steigt Thomas Pergelt auf der Leiter hinauf zum Flügelrad, um es zu demontieren. Weitere Mitglieder der Schnitzgruppe treffen ein. Nach nicht einmal 45 Minuten ist alles erledigt. Die Ortspyramide hat ihr Sommerquartier bezogen, Neuschnee den Platz, an dem sie stand, binnen Minuten in eine weiße Fläche verwandelt.

Die Lauterbacher Schnitzgruppe begeht in diesem Jahr ihr 45-jähriges Bestehen. "Als eine der ersten Aufgaben stand für uns Schnitzer die Schaffung einer Ortspyramide", lautet einer der ersten Einträge in der akribisch geführten Chronik der Gruppe. 1979 war das geschafft, drehte sich die Lauterbacher Ortspyramide, bestückt mit Figuren, die im dörflichen Leben eine Rolle spielten, zum ersten Mal.

Die erste Freiland-Weihnachtspyramide im Erzgebirge war sie allerdings nicht. Als solche gilt die Pyramide, die am 17. Dezember 1933 vor dem Gemeindeamt Frohnau ihrer Bestimmung übergeben wurde.

Doch zurück nach Lauterbach. Die hiesige Schnitzgruppe, aktuell zählt sie neun Mitglieder, darunter das noch einzige verbliebene Gründungsmitglied Werner Schreiter, kümmert sich jahrein, jahraus um ihr Werk. Die Mitglieder bauen sie vor dem ersten Advent auf und in der Regel am Wochenende nach Hochneujahr - also nach dem 6. Januar - wieder ab. Bis Lichtmess wollen sie das gute Stück nicht stehen lassen, um nicht in die strenge Winterzeit hinein zu kommen und die Pyramide nicht noch länger den Witterungseinflüssen auszusetzen, sagt Joachim Meyer, der die Gruppe leitet. Hat der Zahn der Zeit dennoch genagt, bessern die Schnitzer den Lack der Figuren aus oder erschaffen sie komplett neu, kümmern sich um den Antrieb und nicht zuletzt um das mittlerweile traditionelle Fest des "Peremett aschiems" am Samstag vor dem ersten Advent. Damit sind sie im mittleren Erzgebirge inzwischen nahezu der einzige Schnitzverein, bei dem seit der Herstellung der Ortspyramide alles noch in einer Hand liegt. Dass das auch so bleibt, wird intensiv an der Nachwuchsgewinnung gearbeitet. So hat sich etwa Joachim Meyer selbst über Jahre bemüht, jungen Leuten das Schnitzen beizubringen. Aktuell bieten die Vereinsmitglieder Thomas Pergelt und Bernhard Fuß in der Grundschule Schnitzunterricht an. Daran nehmen fünf Viertklässler teil.

In Zöblitz etwa hat auch der örtliche Schnitzverein die dortige Märchenpyramide erschaffen. Das war 1986. Inzwischen aber gibt es ihn nicht mehr. 2013 hat er sich aufgelöst, sagt Ortschronist Bert Körner. Seitdem kümmert sich die Stadt Marienberg, konkret deren Bauhof, um diese Pyramide und viele weitere in den Ortsteilen.

In Reifland wiederum waren es vier Bürger, die sich zusammengetan haben und 2007 eine Pyramide schufen, die sie noch heute warten. Die Erbauer gehören inzwischen dem örtlichen Heimatverein an, sagt Ortsvorsteher Thomas Findeisen.

Auch um die Hilmersdorfer Pyramide kümmert sich der dortige Heimatverein. Sie weist eine Besonderheit auf. Die Figuren bestehen aus Schaumstoff. Das ist aber nur bei genauem Hinsehen zu erkennen, sagt Matthias Haase vom Verein. Bis zu acht Mitglieder kümmern sich aktuell um die Pyramide. Dabei ist schon mal eine schnelle Eingreiftruppe gefragt. So blieb sie im vergangenen Jahr kurz vor Heiligabend stehen. Innerhalb von vier Stunden war der Defekt behoben.

Im Olbernhauer Ortsteil Dittmannsdorf sind Mitglieder des Faschingsvereins Haderlumpen für die Pyramide zuständig. Sie ist der alten Dorfschule nachempfunden. Am vergangenen Wochenende sollte sie demontiert und in einer Scheune eingelagert werden. Das Wetter habe aber einen Strich durch die Rechnung gemacht, sagt Vereinsmitglied Denny Hantsche. Mit dem Radlader wäre der Transport wegen der Glätte zu gefährlich gewesen. So wurden nur die Figuren abgenommen.

Im Venusberger Ortsteil Spinnerei liegt das Wohl der Ortspyramide in den Händen von Günter Schütze und vier bis fünf weiteren ehrenamtlichen Mitstreitern. Früher drehten sich die Teller nur zu bestimmten Zeiten. Das hatte zur Folge, dass die Pyramide nach Schneefall nicht immer loslief und etliche Keilriemen verschlissen wurden. Jetzt läuft der Antrieb Tag und Nacht, damit so etwas nicht mehr passieren kann. Um dennoch Strom zu sparen, wurde die Pyramide auf LED-Beleuchtung umgerüstet. Ärgerlich für Günter Schütze: Vor Weihnachten haben Unbekannte ein LED-Band gestohlen, mit dem der Sockel beleuchtet wurde.

Dass die Ortspyramide in Börnichen ein Abbild jener Miniaturausgabe zu sein scheint, die viele Erzgebirger zu Weihnachten im Wohnzimmer stehen haben, ist kein Zufall. Die Pyramide symbolisiert eine Bergwerkskaue und ist eine Reminiszenz an den Börnichener Hersteller Franz Hänel, der die Pyramide auf den Markt brachte. Erstmals drehte sich die Ortspyramide im Jahr 2001, nachdem sie Jürgen Uhlig bei einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gebaut hatte. Heute kümmert sich der Bauhof um Silvio Uhlmann um Wartung, Auf- und Abbau. Bis Mariä Lichtmess darf das gute Stück noch stehen bleiben.

In Scharfenstein drehte schon vor der Jahrtausendwende eine der Burg nachempfundene Großpyramide ihre Runden - und das über das ganze Jahr hinweg. Im Vorjahr verschwand das Wahrzeichen gegenüber dem Bahnhof. Ortsvorsteher Wolfgang Volkmann klärt auf: "Bei einer Begutachtung des Innenlebens mit Fachleuten wurde klar, dass die Pyramide marode und nicht reparabel ist." Bis zum Advent soll ein neues Schmuckstück her. Dazu holt Volkmann gerade Angebote von Firmen ein. Falls es mit der Finanzierung eng wird, soll gegebenenfalls ein Spendenaufruf gestartet werden. (tw/mik/geom)

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