Als ein Chef seine Spielräume nutzte

Lokalfernsehen in der DDR? Hat es tatsächlich gegeben. Und der Sender existiert bis heute - nach wie vor in Marienberg.

Marienberg.

Einst als Filmpreis ins Leben gerufen, hat sich der "Grenzgänger" mittlerweile zu einer Veranstaltung gewandelt, bei der Menschen in den Mittelpunkt rücken, die Grenzen überwinden oder in der Vergangenheit überwunden haben. Jüngst fand in der Marienberger Baldauf-Villa im Rahmen der Film- und Fototage eine Gesprächsrunde mit Filmbeiträgen und Livemusik statt, bei der Bürger, Politiker und Gewerbetreibende erzählten, wie sie die friedliche Revolution 1989 und die folgenden wilden Wendejahre erlebt haben und welche Grenzen sie dabei, beruflich oder privat, überwunden haben. Aufgezeichnet wurde die Veranstaltung vom Regionalfernsehen Mittelerzgebirge (MEF), dem mittlerweile ältesten sendenden Lokalfernsehsender Deutschlands und damit einem Unternehmen, das selbst Grenzen überwunden hat.

"Wir sind seit 33 Jahren auf Sendung", bestätigt Geschäftsführer Frank Langer, der 1996 bei dem Unternehmen einstieg und seit 2017 dessen Chef ist. Den Grundstein für das MEF legte aber Günter Rötzer. "Als Antennengemeinschaft hatten wir 1984 den Mühlberg an unser Netz angeschlossen und versorgten rund 10.000 Haushalte, was etwa 25.000 Menschen entsprach, mit Kabelfernsehen", erinnert sich Günter Rötzer.

Als Diplomingenieur für Elektrotechnik reizte ihn nicht nur die Herausforderung der technischen Umsetzung eines Senders. Auch wollte er durch eine Einspeisung in das Kabelnetz Beiträge über regionale Ereignisse, wie zum Beispiel kulturelle Veranstaltungen, einem breitem Publikum zugänglich machen. Ein Vorhaben, das damals eigentlich zum Scheitern verurteilt sein sollte. "Wir haben als Antennengemeinschaft an den Vorsitzenden des Rates des Kreises Marienberg geschrieben und den Aufbau einer Kabelrundfunkanlage mit einem Lokalstudio beantragt", so Günter Rötzer. "Der Antrag wurde weder abgelehnt noch genehmigt. Im persönlichen Gespräch wurde mir aber zu verstehen gegeben, dass wir das mit dem Fernsehen mal machen sollten", sagt Günter Rötzer. Als leitender Mitarbeiter im Federnwerk nutzte er gewisse Spielräume, wie er es nennt, um die technische Seite des Vorhabens zu realisieren. "Ganz zu Anfang hatten wir nur eine Schwarzweiß-Videokamera aus DDR-Produktion für den stationären Einsatz", so Günter Rötzer, der für die Beschaffung von westlicher Technik kreativ wurde. "Grundsätzlich war die Videotechnik auf offiziellem Weg fürs Federnwerk beschaffbar, es brauchte nur einen triftigen Grund. Also haben wir uns ein Verfahren zur Qualitätskontrolle einfallen lassen, das mit DDR-Technik nicht machbar war."

Zwei Jahre nach dem Antrag, 1986, war es dann soweit, dass erste Beiträge mit lokalem Inhalt auf dem Kanal von Sat1 in der Großgemeinschaftsanlage Marienberg gesendet wurden. "Erstellt und abgespielt haben wir die Sendungen auf einer umprogrammierten Spielkonsole", so Günter Rötzer, der es bedauert, das von diesem Material nichts mehr vorhanden ist. "Wir hatten nur zwei VHS-Kassetten, die immer wieder überspielt wurden", sagt Rötzer, der sich rückblickend auch als Grenzgänger sieht. "Es war ein schmaler Grat, den wir beschritten haben, zwischen Auszeichnung auf der einen und Stasiknast auf der anderen Seite", sagt Günter Rötzer, der sich zudem freut, dass die ursprüngliche Idee des regionalen Fernsehens bis heute überlebt hat. "Mit unserem Archiv können wir die Entwicklung und Geschichte der Region seit 1990 dokumentieren, haben unter anderem Aufnahmen von Musikfestivals, der Kniebreche, haben Vereine oder auch Unternehmen begleitet. Zwischenzeitlich standen wir beispielsweise 1998 vor dem Aus, weil sich die Rahmenbedingungen für die Sendelizenzen geändert hatten. Damals haben sogar Bürger auf dem Marienberger Markt demonstriert und Unterschriften gesammelt, um den Lokalsender zu erhalten", so der heutige Geschäftsführer, der aber mit ein paar Sorgenfalten auf der Stirn in die Zukunft blickt. "Die Branche ist nicht einfach, was sich auch am Sterben von Lokalsendern bemerkbar macht", berichtet Frank Langer. Anders als die öffentlich-rechtlichen Sender müssen sich die Privaten, auch im lokalen Bereich, komplett selbst finanzieren.

"Lokalfernsehen lebt von der unschlagbaren Nähe vor Ort und erzeugt durch den großen Wiedererkennungswert beim Zuschauer Sympathie und erreicht damit höchste Resonanz. Zudem erreicht Werbung im lokalen Fernsehen punktgenau die Zielgruppe in der gewünschten Region", so Langer, der den "Grenzgänger" als Veranstaltung auch in Zukunft begleiten möchte. "Menschen, die Grenzgänger sind, gibt es immer - und damit auch Themen für das Format", sagt Frank Langer.


Prämierung erfolgte bei Gala

Innerhalb der 2002 erstmals in der Marienberger Baldauf-Villa veranstalteten Film- und Fototage wurde von 2006 bis 2017 jährlich der Erzgebirgische Fernsehpreis "Grenzgänger" in mehreren Kategorien vergeben.

Zur Teilnahme waren in erster Linie regionale Fernsehmacher aufgerufen. Diese Beiträge konnten der Jury des "Grenzgängers" zur Bewertung vorgelegt werden. Zudem bot sich den Fernsehschaffenden die Möglichkeit des Zusammentreffens, des Austauschs und des Vergleichs. Die Prämierung der besten Werke erfolgte bei einer Gala.

Mit dem Rückgang von regionalen Sendern sank die Beteiligung am "Grenzgänger". Dieser wird seit 2017 in geänderter Form fortgeführt. (faso)

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