Auf Brühlscher Terrasse sorgen Grünhainichener für Durchblick

Ein Tischlermeister aus dem Engeldorf muss regelmäßig nach Dresden. Er hat vom Hilton Hotel einen Spezialauftrag bekommen.

Grünhainichen/Dresden.

Wer aus der Sekundogenitur hinüber auf das Neustädter Elbufer sieht, der schaut durch Fenster aus Grünhainichen. Na ja, noch nicht ganz. Denn die zum Fluss gewandte Seite des historischen Gebäudes an der Brühlschen Terrasse ist mit Planen verhüllt. Die prunkvolle Fassade des 1896/97 errichteten Prachtbaus in Dresdens Innerer Altstadt wird unter den strengen Augen des Denkmalschutzes aufwendig saniert. Die Aufarbeitung der rankengeschmückten Fenster des zweigeschossigen Bauwerks mit dem kupfergedeckten Mansarddach übernimmt die Tischlerei Stanzel aus Grünhainichen. "Eine interessante und spannende Sache", freut sich Tischlermeister Heiner Stanzel über den Spezialauftrag aus der Landeshauptstadt.

In der Halle im Gewerbegebiet in Grünhainichen türmen sich die alten Rahmen. Mit Heißluftpistole und Schaber versucht Arnd Schiffel das, was der Zahn der Zeit in über 120 Jahren nicht ganz geschafft hat: die Farbe zu entfernen. Die ältesten Schichten stammen noch vom ersten Anstrich, die jüngsten von Ausbesserungsarbeiten nach der Wende. "An manchen Fenstern sind sogar noch Spuren der Feuerwalze aus der Bombennacht im Februar 1945 zu erkennen", berichtet Stanzel.

Welche der insgesamt über 80 bis zu 3,50 Meter hohen Fenster nach dem Ausbau und dem Transport nach Grünhainichen "nur" aufgearbeitet oder komplett erneuert werden müssen, sei vom Denkmalamt festgelegt worden. Die Neuherstellung erfolge exakt nach dem Vorbild der alten vierteiligen Verbund- und Kastenfenster. "Um die Profile wieder detailgetreu herstellen zu können, haben wir extra neue Fräswerkzeuge anfertigen lassen", erläutert Stanzel. Beim Bearbeiten komme auch eine CNC-gesteuerte Maschine zum Einsatz. Zum Streichen werde kein moderner Lack, sondern Leinölfarbe verwendet. Das Befestigen der Fensterscheiben mit Restaurationsglas erfolge ebenso auf althergebrachte Weise: Sie werden verkittet.

41 neue "alte Fenster" sind seit Anfang des Jahres aus dem Engeldorf nach Elbflorenz gebracht und eingebaut worden. Der Abschluss der Sanierung ist zwar erst für Mitte 2019 geplant, viel Zeit, den traumhaften Blick über die Brühlsche Terrasse zu genießen, bleibt bei der Montage jedoch nicht. In dem Gebäude, das zum Dresdner Hilton Hotel gehört, herrscht ein enger Zeitplan. Das Café "Vis-à-Vis" und die "Ice Cream Factory" bleiben während des Umbaus in Betrieb. Im barocken Salon "Europa" werden Hochzeiten gefeiert. "Einmal haben wir donnerstags Fenster eingebaut, und am übernächsten Tag fand in dem Raum schon wieder eine Veranstaltung statt", erzählt der 59-jährige Holzhandwerker. Die Gesamtkosten für die Sanierung der Fassade und der Fenster betragen 752.000 Euro.

"Wir haben schon oft Türen und Fenster mit Denkmalschutzanforderungen hergestellt", sagt Karin Stanzel, die Inhaberin der Tischlerei. So gehören auch die mit klassizistischen und Jugendstilelementen verzierten Außentüren der Grundschule Chemnitz-Harthau sowie historische Turm- und Terrassenfenster in den Schlössern Frauenstein und Colditz zu den Referenzen.

Das Alltagsgeschäft in dem 1886 gegründeten Familienbetrieb, der gegenwärtig neun Beschäftigte - darunter zwei Lehrlinge - hat, sei jedoch die Anfertigung von Fenstern und Türen in allen Ausführungen und Werkstoffen. "Außerdem stellen wir auch Treppen und Möbel her. Der Auftrag in der Elbmetropole sei dennoch etwas Besonderes - ein Prestigauftrag. "Das macht schon ein bisschen stolz, an so einem Gebäude mitwirken zu können", sagt Heiner Stanzel über seinen von weltberühmten Sehenswürdigkeiten umringten Arbeitsplatz auf dem Balkon Europas, wie die Brühlsche Terrasse auch genannt wird.


Der gelungenste neobarocke Kleinbau Dresdens

Die Sekundogenitur ist ein historisches Gebäude an der Brühlschen Terrasse in Dresden. Aus dem Gebäude, das 1896/1897 nach Plänen des Hofbaumeisters Gustav Fröhlich (1859-1933) an Stelle der vormaligen Brühlschen Bibliothek errichtet wurde, bietet sich ein Blick auf das gegenüberliegende Elbufer. Zunächst beherbergte das Haus die Bibliothek und Kupferstichsammlung des zweitgeborenen Prinzen Johann Georg, weshalb sich der lateinische Name Sekundogenitur ("Besitzrecht des zweiten Sohnes und seiner Nachkommen") ergab. Später war es Ausstellungsgebäude der Galerie Neue Meister. Bei den Luftangriffen auf Dresden wurde das Bauwerk am 13. Februar 1945 zerstört. 1963 und 1964 wieder aufgebaut, beherbergt es seither Gastronomie. Heute wird die Sekundogenitur, die als der gelungenste neobarocke Kleinbau Dresdens gilt, als Café und Weinrestaurant des Dresdner Hilton Hotels betrieben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...