Blick ins Archiv bringt so manche Überraschung ans Tageslicht

In einer Sonderausstellung präsentiert die Firma Wendt & Kühn historische Sonderanfertigungen. Dabei wird klar, dass sich die Grünhainichener nicht nur mit kleinen Figuren sehr gut auskennen.

Grünhainichen.

Auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin lässt sich viel erleben. Was nach einem eher tristen Beruf am Schreibtisch klingt, ist im Fall von Marlis Rokitta eine Erfüllung. Als Angestellte der Grünhainichener Firma Wendt & Kühn kümmert sie sich unter anderem um die Sonderausstellungen, die stets eine interessante Herausforderung darstellen. Bester Beweis dafür ist die aktuelle Präsentation "Auftrag erteilt! Sonderfiguren für Unternehmen, Institutionen und Fachhändler". Die dafür notwendigen Recherchen führten Marlis Rokitta zurück in längst vergangene Epochen - von einem außergewöhnlichen Auftrag kurz vorm Ende der DDR bis hin zu einem unvollendeten Bauprojekt nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Mitarbeiterin war selbst überrascht, als sie im eigenen Archiv auf ungewöhnliche Zeichnungen aus den Zeiten kurz nach der Firmengründung (1915) stieß. Statt Kunst oder Spielzeugfiguren war darauf ein Mahnmal abgebildet. "Es war ein maßstabsgetreuer Entwurf einer Gedenkstätte für gefallene Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg", erklärt Marlis Rokitta. Obwohl das Objekt nie gebaut wurde, liefern die Skizzen Hinweise zur Anfangszeit und der damaligen Produktpalette. "Es sind viele Grabmale dokumentiert, das war offenbar ein wichtiger Geschäftszweig."


Zu sehen sind in der Ausstellung auch andere Dokumente, die letztlich nicht in einem realen Produkt mündeten - so wie zwei Entwürfe für das Firmenlogo einer Nürnberger Lebkuchen- und Schokoladenfabrik. In diesem Fall brachte selbst ein Anruf im Nürnberger Stadtarchiv keine neue Erkenntnis. Dafür wurde Marlis Rokitta beispielsweise im Chemnitzer Archiv fündig. So lässt sich auch heute noch gut nachvollziehen, welche Geschenke die Mitarbeiter der Wanderer-Werke in Chemnitz bei ihren Weihnachtsfeiern von 1935 bis 1939 erhielten. Es handelte sich um Engel, Weihnachtsmänner, Nussknacker und Räuchermänner, von denen einige jetzt in Grünhainichen stehen.

Überstrahlt werden die historischen Figuren allerdings von einer überdimensionalen Spieldose, auf der ein Engel eine Orgel spielt. "Das ist das absolute Highlight", sagt Marlis Rokitta über das 1,65 Meter hohe Objekt, das nicht nur wegen seiner Größe so besonders ist. Auch die Geschichte dahinter weckt Staunen. Denn die Orgel wurde für Karstadt gebaut. Allerdings nicht nach der Wende, sondern schon 1988. Ein Jahr vor dem Mauerfall ging über das Kombinat VEB Erzgebirgische Volkskunst Olbernhau der Auftrag ein, Großraumspieldosen für die westdeutsche Kaufhauskette zu fertigen. "Es gab 12 bis 18 Stück davon. Sie sind durch die Hauptfilialen in Hamburg, Berlin oder Stuttgart gewandert", berichtet Marlis Rokitta, die die große Orgel erstmals nach 30 Jahren nun wieder der Öffentlichkeit präsentieren kann.

Nicht für alle Objekte der Ausstellung musste die Kuratorin lange in den Geschichtsbüchern suchen. So wird auch ein Sterntalermädchen auf einem Hügel gezeigt, das gerade erst gefertigt wurde. "Ideen entstehen aus Neugierde" steht darauf geschrieben. Allerdings in Englisch, denn von der Märchenfigur wurden 50 Stück ans Walt-Disney-Family-Museum in San Francisco geliefert. "Walt Disney war ein Sammler von Miniaturfiguren, dazu gehörten auch solche von Wendt & Kühn", erläutert Marlis Rokitta den Auftrag aus den USA. Wie die Historie hat also auch die Gegenwart interessante Geschichten zu bieten.

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