Böhmischer Nebel: Forscher lassen Betroffene ratlos zurück

Was es mit den Geruchsbelastungen im Erzgebirge auf sich hat, bleibt unklar. Die Wissenschaftler sagen nun: Vieles ist Kopfsache.

Seiffen.

Empörung sowie Kopfschütteln bei den Besuchern, Abwiegeln bei den Wissenschaftlern: Als am Montagabend in Seiffen die Forschungsergebnisse zum Böhmischen Nebel vorgestellt wurden, schlugen die Wogen hoch. "Die Resultate, die heute hier präsentiert wurden, gehen völlig an der Wahrnehmung im Ort vorbei", sagte etwa Ingo Müller, der damit vielen anderen Bürgern aus der Seele sprach.

Mehr als drei Stunden lang erklärten die Forscher, wie sie bei den jeweiligen Untersuchungen vorgingen, welche Ergebnisse erzielt wurden und warum sich das Phänomen des Böhmischen Nebels angesichts der komplexen Gemengelage kaum aufklären lässt. Wichtigste Aussage: Sie sehen keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beschwerden vieler Menschen der Grenzregion und dem vor allem in den Wintermonaten auftretenden Böhmischen Nebel - allenfalls einen indirekten.


"Von vier, fünf eingeatmeten Molekülen kommt niemand ins Krankenhaus", betonte Projektleiter Joachim Fauler. Zahlreiche Messungen seien im Rahmen des mit 1,6 Millionen Euro von der Europäischen Union geförderten Odcom-Projektes vorgenommen worden. Sie alle hätten gezeigt: Die Konzentrationen in der Luft sind gering, die zulässigen Grenzwerte werden unterschritten. Gleichwohl räumte Fauler ein, dass sich in der Luft unter bestimmten Bedingungen mitunter unbekannte Verbindungen bilden. Soll heißen: Viele Fragen bleiben offen.

"Ich habe Angehörige, die seit etwa 30 Jahren unter dem Böhmischen Nebel leiden", sagte Helmut Richter, der sich mit den Erklärungen nicht zufrieden gab. Seine Familie ist mit den Problemen nicht allein. Besonders bei Südostluft klagen zahlreiche Menschen etwa über Kopfschmerz, Atemnot und Übelkeit. Bei solchen Windverhältnissen gelangen offenbar Abgase aus tschechischen Industrieanlagen in Orte wie Seiffen, Deutschneudorf und Olbernhau. So schrieb Uwe Klaffenbach, Leiter der Oberschule Olbernhau, der Stadt im Februar einen Brandbrief. Ein großer Teil der 520 Schüler fehlte. Weit mehr als 100 Krankmeldungen lagen vor.

Es kämen als Erklärung für derartige Geschehnisse auch andere Ursachen infrage, erläuterte Joachim Fauler. Etwa Virusinfekte, die jahreszeitbedingt gehäuft auftreten. Und all die anderen Erzgebirger, die auch in anderen Jahreszeiten bei den entsprechenden Gerüchen gesundheitliche Probleme haben? "Man fühlt sich krank, weil man das erwartet", erklärte Andrea Hausmann vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Also alles Kopfsache? "Es handelt sich keinesfalls um Einbildung", bemühte sich Odcom-Mitarbeiterin Jasmin Kadel um eine korrekte Einordnung der Aussagen. Der Körper reagiere mitunter sehr sensibel. Dabei handle es sich um eine vorsorgliche Schutzfunktion. Es gebe keine Hinweise, dass die Gerüche unmittelbar krank machen.

Auch hinsichtlich anderer Fragen kommen die Forscher zu einem eher diffusen Bild. Sie zeigten auf, dass durchaus Schadstoffe aus dem Nachbarland Tschechien in die Region getragen werden können. Dies belegen Untersuchungen des Leibniz-Institutes für Troposphärenforschung. Zwar ließen sich zeitliche Zusammenhänge zu den Geruchsereignissen feststellen, jedoch sind sie nicht in jedem Fall gegeben. Darauf wies insbesondere Ivan Beneš vom Gesundheitsinstitut Usti nad Labem hin. Die Tschechen waren als Odcom-Projektpartner mit im Boot. Er benannte ein Beispiel, bei dem die Menschen den Geruch wahrnahmen, der Wind aber nicht aus Südost, sondern aus verschiedenen Richtungen kam. Als eine mögliche Quelle machten die Forscher ein Seiffener Unternehmen aus, ohne andere ausschließen zu können. Seitens der Besucher gab es Widerspruch. Sie entgegneten, dass sich auf diese Weise keineswegs der Gestank andernorts erklären lasse, zumal dieser auch nachts sowie am Wochenende auftrete. Die tschechischen Projektpartner blieben dabei: Es müsse auf beiden Seiten der Grenze nach möglichen Quellen gesucht werden, sagte Jana Moravcová, ebenfalls vom Gesundheitsinstitut Usti nad Labem. Umweltverstöße müssten konsequent geahndet werden.

"Wir hatten uns viel erhofft", so Hartmut Tanneberger, Sprecher der Bürgerinitiative "Für saubere Luft in unserem Erzgebirge": "Ich bin enttäuscht." Nichtsdestotrotz wolle er nicht aufgeben. Ähnlich äußerte sich der Olbernhauer Bürgermeister Heinz-Peter Haustein (FDP): "Wir müssen weiterkämpfen."


Kommentar: Unbefriedigend

Spätestens seit Montagabend steht für viele Menschen im Erzgebirge fest: Ihre Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Es gibt kaum Antworten auf die drängenden Fragen, woraus der Böhmische Nebel besteht und woher er genau stammt. Natürlich sind die chemischen Vorgänge in der Luft und die biologischen in der menschlichen Nase hochkomplex. Und die Landesgrenze macht die Lösung des Problems nicht gerade einfacher. Dennoch sollten keinesfalls die gesundheitlichen Folgen als bloße Kopfsache abgetan werden. Es muss gelten: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Solange es offene Fragen gibt, darf das Problem mit all den berechtigten Sorgen der Menschen nicht zu den Akten gelegt werden. Weitere Forschung ist dringend nötig.

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