"Der Grenzgänger": Im Böhmischen auf Spurensuche

Der Tannenberger Ulrich Möckel berichtet seit zehn Jahren in einer digitalen Zeitschrift aus der Grenzregion. Er ist Reporter, Fotograf, Layouter und Herausgeber in einem. Was treibt den Forstingenieur an?

Tannenberg.

In Zeiten des unablässigen Nachrichtenaufkommens rückt ein Medienprojekt aus dem Erzgebirge in den Blickpunkt. Ulrich Möckel hat vor Kurzem im zehnten Jahrgang die 92. Ausgabe der digitalen Zeitschrift "Der Grenzgänger" veröffentlicht. Seit 2010 spürt er der Geschichte und Geschichten im böhmischen Erzgebirge nach. Damit stellt sich der Tannenberger ein ehrgeiziges Ziel: die ereignisreiche Vergangenheit grenzüberschreitend begreifbar machen und das nachbarschaftliche Miteinander pflegen.

Der 56-Jährige ist für sein Web-Journal als Reporter, Fotograf und Layouter im Einsatz, genauso als Kraftfahrer und Herausgeber. Er verfügt über kein Redaktionsteam. Geweckt wurde seine Leidenschaft von dem Bedürfnis, sich selbst unvoreingenommen ein Bild zu machen. In Schönheide aufgewachsen, habe ihn ein in Carlsfeld lebender Onkel ab den 1980er-Jahren für das Geschehen hinter dem damaligen Grenzgraben sensibilisiert. "Ich spürte, dass Berichte und Bewertungen in der DDR das Thema Sudetendeutsche nicht objektiv behandelten. So war etwa nie von Vertriebenen die Rede, allenfalls von Umsiedlern. Ich begann zu ahnen, dass erhebliches Leid nicht thematisiert oder vom politischen Klima bestimmt umgedeutet wurde", sagt er. Ab 2003 begab sich der Forstingenieur intensiver auf Spurensuche im Böhmischen. Dabei galt seine Aufmerksamkeit besonders von der Landkarte verschwundenen Orten. Seinerzeit versuchte er etwa in Sauersack, Frühbuß oder Hirschenstand Quellen zu erschließen, spürte frühere Einwohner und deren Angehörige auf, kontaktierte Chronisten, besuchte Archive, stöberte in Kirchenbüchern und stellte Kontakt zu Verbänden beiderseits der Grenze her. "Meine Neugier wird unbenommen vom parteilichen Zeitgeist oder kultureller Eigenheiten gespeist", sagt der Erzgebirger. Sie werde nicht davon getrieben, allein das Gewesene zu untersuchen und persönliche Schicksale exemplarisch herauszustellen. Ulrich Möckel: "Angesichts nie wieder gut zu machender Ereignisse will ich Land und Leuten eine Stimme geben. Und das nicht rückwärtsgewandt. Vielmehr findet sich der heutige Alltag wieder." Alleiniges Kriterium einer Veröffentlichung sei für ihn, dass der Ereignisort in Böhmen liegt. Und da warte weiterhin viel Spannendes darauf, erzählt zu werden, wenngleich es immer weniger Zeitzeugen gebe.

Von April bis September erscheint der Grenzgänger monatlich, von Oktober bis März alle zwei Monate. Bis zu 40 Seiten umfasst jede Ausgabe. Bislang hat der Herausgeber 3140 Seiten mit Hunderten Artikeln und Fotos ins Netz gestellt.

"Nur durch das digitale Format bin ich in der Lage, das Vorhaben überhaupt zu stemmen. Müsste ich mich etwa um klassischen Druck und Vertrieb kümmern, wäre es eine unlösbare Herausforderung." Zu den Themen der ersten im August 2010 veröffentlichten Ausgabe zählten etwa das Europatreffen auf dem Spitzberg bei Schmiedeberg, das Beerbreifest in Trinksaifen und das Jacobi-Fest an der früheren Wallfahrtskirche in Schönau. Neben Beiträgen zu Ortsgeschichten und kulturellen Bräuchen widmet sich Ulrich Möckel der Gegenwart. "Da gibt es Kultur- und Veranstaltungstipps, berichte ich von Stadt- und Kirchenfesten, gebe Einblicke in das touristische Angebot. Auch platziere ich Nachrichten, die in Tschechien für Schlagzeilen sorgen." Der "Grenzgänger" hat Leser im gesamten deutschsprachigen Raum. Aber auch Angehörige und Auswanderer bis in die USA und Australien kennen die Adresse. "Zur Zielgruppe zähle ich aber auch deutsche Wanderer und Radfahrer, die im tschechischen Erzgebirge angesichts von Ruinen und anderer Überbleibsel nachfragen, was hier einst los war. Und auch bei jungen Tschechen findet sich eine steigende Interessentenschar", so der Tannenberger.

Die digitale Zeitschrift "Der Grenzgänger" ist im Internet zu finden:

https://dh7ww6.wixsite.com/

grenzgaenger

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