Der weite Weg zur Arbeit

Jeden Tag pendeln Zehntausende Berufstätige quer durch den Erzgebirgskreis und über dessen Grenzen hinaus. Eine halbe Stunde pro Strecke ist fast Standard. Für einen guten Job nehmen Arbeitnehmer viele Kilometer in Kauf. Der Olbernhauer Detlef Hempel gewinnt dem aber sogar gute Seiten ab.

Olbernhau/Gornsdorf.

Detlef Hempel kennt sie alle: die Abschnitte, auf denen man gut einen Traktor überholen kann, die Kreuzungen, an denen sich der Berufsverkehr staut, und natürlich die Schleichwege für den Fall, dass auf der Standardstrecke mal nichts mehr geht. Detlef Hempel ist Pendler, ihm geht es wie Zehntausenden Menschen im Erzgebirge, die jeden Tag nur mit dem Auto zur Arbeit und zurück kommen. 100 Kilometer legt der 60-Jährige in seinem Renault, Baujahr 2001, jeden Tag zurück. Er wohnt in Olbernhau und arbeitet in Gornsdorf bei der KSG. Seit fast zwölf Jahren mit kurzer Unterbrechung geht das so. "Ich kenne niemanden, der in dem Ort arbeitet, in dem er wohnt. Für einen guten Job muss man Kilometer in Kauf nehmen."

Pendeln, das ist quasi Standard im Erzgebirge. Das Statistische Landesamt erfasst, wo die Menschen wohnen und wo sie arbeiten. Die aktuellen Zahlen stammen aus dem Juni 2017 und umfassen nur die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, nicht aber Selbstständige oder Beamte. Unangefochtener Spitzenreiter beim Pendeln im Altkreis ist Stollberg. Knapp 5000 Menschen fahren jeden Tag zum Arbeiten dorthin. Das Gewerbegebiet und die Nähe zur Autobahn machen Wege von oder nach Zwickau und Chemnitz zum Katzensprung. Interessant dabei: Immerhin 16 Menschen kommen sogar aus Berlin, 46 aus Thüringen. Im Gegenzug fahren jeden Tag knapp 2800 Stollberger zur Arbeit raus aus der Stadt. Häufige Ziele sind Aue, Niederdorf, Lugau und Oelsnitz. Nach Oelsnitz wiederum fahren knapp 2300 Menschen zum Arbeiten, allein knapp 600 kommen aus dem Landkreis Zwickau. Innerhalb des Landkreises zieht Oelsnitz vor allem aus Hohndorf, Lugau und Stollberg Arbeitskräfte an. Nicht nur zwischen den großen Orten wird gependelt. Aufgrund des Leiterplattenherstellers KSG kommen sogar Menschen aus Dresden, um in Gornsdorf zu arbeiten.

Ein Pendler ist Detlef Hempel. Morgens sind es 50 bis 55 Minuten, nachmittags kann es schon mal eine Stunde und 15 Minuten dauern, ehe Detlef Hempel zu Hause ist. Das stört ihn nicht. "Wenn ich in Gornsdorf ankomme, bin ich richtig munter. Und wenn ich zu Hause ankomme, bin ich nach der Arbeit völlig runtergefahren." Bei der KSG arbeitet Detlef Hempel in der Entsorgung der Altchemie, die bei der Herstellung der Leiterplatten anfällt. Um nach Gornsdorf zu kommen, fährt der 60-Jährige einmal quer durchs Erzgebirge: Olbernhau - Pockau - Heinzebank - B 174 bis Amtsberg - Weißbach - Gelenau - Auerbach - Gornsdorf. Nach vielem Probieren ist das für ihn die günstigste Strecke. Damit kommt er mit einer Tankfüllung eine Woche hin, die er in Tschechien auffüllt.

Als vergeudet betrachtet er die Zeit, die er täglich im Auto absitzt, nicht. Unterwegs hört Detlef Hempel Radio. Hörbücher gehen nicht. "Das würde mich zu sehr ablenken." Der 60-Jährige gibt zu, dass er im Auto gerne mal flucht. "Am meisten regen mich die 86-Jährigen auf, die mitten im Berufsverkehr unterwegs sind. Können die sich nicht andere Zeiten für ihren Einkauf aussuchen?" Dabei hat Detlef Hempel noch Glück, weil er so zeitig fährt. 4 Uhr ist er auf der Straße, 14.15 Uhr geht es wieder zurück. Nur das Wild mache ihm morgens mitunter Sorgen. "Letztens war ich erschrocken. Am Schwarzen Teich ist eine ganze Horde Wildschweine vor mir über die Straße gerannt." Es ging gut, wie so oft, und selbst geblitzt wurde Hempel länger nicht mehr. Der öffentliche Personennahverkehr ist für ihn keine Alternative. "Viel zu lange unterwegs, ich müsste über Chemnitz und Thalheim fahren."

Laut Agentur für Arbeit fahren aktuell 18.000 Menschen zur Arbeit ins Erzgebirge, das sind sechs Prozent mehr als noch im Vorjahr. Für die Agentur ein Zeichen, dass die Region als Arbeitsort beliebter wird. Jedoch stehen dem 37.000 Erzgebirger gegenüber, die zum Arbeiten den Landkreis verlassen. Dazu kommen all jene, die innerhalb des Landkreises unterwegs sind. Dabei sei eine halbe Stunde Arbeitsweg sogar noch unterdurchschnittlich, so Simone Heinrich, Sprecherin der Agentur. "Für die Aufnahme einer neuen Beschäftigung ist für arbeitssu- chende Menschen eine tägliche Gesamtfahrzeit von 2,5 Stunden zumutbar."

Doch was macht die Pendelei mit dem Familienleben? "Meine Kinder sind erwachsen, und meine Frau hat kein Problem damit." Zwar verlässt sie nach ihm das Haus und kommt vorher zurück. "Doch ich arbeite gern bei der KSG. Das ist mir die Fahrerei wert. Wenn ich mir jetzt in Olbernhau etwas anderes suchen würde, käme nur Zeitarbeit infrage. Und das tue ich mir in meinem Alter nicht mehr an. Wenn's da mal kriselt, bist du der Erste, der gehen darf." Wenn Detlef Hempel ans Pendeln denkt, fällt ihm sowieso etwas ganz anderes ein: "Ich habe sechs Jahre lang in Offenburg an der französischen Grenze in einem Schlachthof gearbeitet. Da war ich dreimal im Jahr zu Hause. Da hast du kein Familienleben mehr."

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