Die Ortsumgehung, die keine ist

In Reitzenhain ist der aktuell geplante Trassenverlauf vorgestellt worden. Ein Bahndamm unweit von Wohnhäusern soll genutzt werden, was Kritik auslöst. Das zuständige Landesamt für Straßenbau und Verkehr versucht, die Wogen zu glätten.

Reitzenhain.

Lärm, Abgase, Müll: Viele Anwohner der Bundesstraße 174 wollen den Lastwagenverkehr nicht länger hinnehmen. So wird auch im Marienberger Ortsteil Reitzenhain eine Ortsumgehung gefordert. Dass diese nötig ist, darüber besteht mit dem zuständigen Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) Einigkeit. Ganz anders sieht es im Hinblick auf den genauen Verlauf aus. Was bei Anwohnern Frust auslöst: Die Ortsumgehung führt keineswegs am Ort vorbei, sondern überwiegend hindurch.

Bei einem Treffen von Vertretern des Lasuv und betroffenen Anwohnern wurde der aktuell geplante Verlauf vorgestellt. Während eine Lösung für den ersten Abschnitt inzwischen gefunden wurde, gestaltet sie sich für den zweiten nach wie vor schwierig. Der aktuelle Vorschlag der Behördenmitarbeiter: Aus Richtung Marienberg soll die Ortsumgehung am Ortseingang Reitzenhain vor dem Autohaus beginnen und in Richtung Südwesten führen. Mit diesem ersten Abschnitt kann sich etwa Dagmar Drechsel gut anfreunden. Sie war bei dem Treffen dabei und ist Teil der Arbeitsgruppe Reitzenhain, die sich für eine Lösung des Verkehrsproblems einsetzt. Die geplante Trasse würde in dem Bereich zwar keinen großen Bogen, zumindest aber einen kleineren um Reitzenhain schlagen, sagte sie.


Ganz anders sieht die Situation beim zweiten Abschnitt aus. Laut Lasuv schwenkt der vorgeschlagene Korridor nach wenigen hundert Metern nach Osten ein, um in der Ortsmitte die jetzige B 174 zu queeren. Anschließend soll die Ortsumgehung auf einem ehemaligen Bahndamm und damit parallel zur aktuellen B 174 verlaufen, sodass der Neubau wenig später in die weiter nach Tschechien führende Bundesstraße einmünden kann.

"Einem großen Teil der Reitzenhainer wäre nicht geholfen", brachte Dagmar Drechsel die Sicht der Anwohner auf den Punkt. Sie begrüße zwar den Trassenverlauf auf dem ersten Abschnitt. Auf dem zweiten würde die Straße allerdings noch immer nur wenige Meter von den Häusern entfernt entlang führen. Soll heißen: Lärm, Abgase und Müll blieben bestehen. Einer weiträumige Umfahrung stehe in dem Gebiet der Naturschutz entgegen, ist sich Dagmar Drechsel bewusst. So wie ihre Mitstreiter fordert sie: Es müsse hinsichtlich des Lastwagenverkehrs ein Gesamtkonzept für die Bundesstraße 174 erstellt werden, das auch den betroffenen Orten Großolbersdorf, Hohndorf und Chemnitz hilft. Dort sind die Belastungen ebenfalls hoch. Es werden weitere Ortsumgehungen diskutiert.

Helmut Richter von der Interessengemeinschaft Hohndorf war bei dem Treffen dabei. Er teilt Dagmar Drechsels Meinung. Ein Gesamtkonzept werde gebraucht, betonte auch Richter. Und: Es könne nicht sein, dass sich die Bundesstraße in Sachen Verkehrsbelastung zur Autobahn entwickle, ohne dass diese dafür ausgelegt sei. Sein Vorschlag: Wenn schon die Ortsumgehung in der Ortslage verlaufen soll, müsse sie nicht nur mit ausreichenden Lärmschutzwänden versehen, sondern wie ein Tunnel überdacht werden. Nur so lasse sich sicherstellen, dass die Anwohner nicht unter Lärm sowie Abgasen leiden. "Dafür müsste natürlich viel Geld in die Hand genommen werden. Aber Länder wie Österreich machen vor, dass es geht", so Helmut Richter.

Dass gewöhnliche Lärmschutzwände keinesfalls ausreichen, bestätigt Jürgen Mädler von der Bürgerinitiative Chemnitz, der ebenfalls das Treffen in Reitzenhain aufmerksam verfolgte. Die B 174 in Chemnitz (Zschopauer Straße) zeige, dass zwar in der Theorie der Lärmschutz genüge, in der Praxis es allerdings ganz anders aussehe. Seinen Worten zufolge leiden zahlreiche Anwohner unter dem Verkehrskrach. Dass eine so stark befahrene Straße so nah an Häusern vorbeiführe, sei ein Unding, warnte er in Hinblick auf Reitzenhain vor ähnlichen Fehlern, wie sie in Chemnitz begangen worden seien.

Auf Nachfrage sicherte das Lasuv gegenüber "Freie Presse" zu, dass gemeinsam mit den Anwohnern bald eine zusätzliche Variante erarbeitet werden soll. Dafür sei ein Workshop im Herbst geplant, so Sprecherin Nicole Wernicke. Inwiefern dieser weitere gemeinsame Versuch Erfolg hat, ist allerdings fraglich. Denn Nicole Wernicke betont zugleich: Eine weiträumige Umfahrung von Reitzenhain sei "aufgrund der umweltschutzrechtlichen Gründe" nicht möglich. Bei dem Treffen soll es unter anderem auch um Fragen des Lärmschutzes gehen. Wann der Bau starten könnte, sei angesichts vieler offener Fragen völlig ungewiss, ergänzte sie.


Kommentar: Groteske Situation

Wer wissen will, wie die Reitzenhainer unter dem Verkehr leiden, der sollte sich einfach einen Tag lang an die Bundesstraße 174 stellen. So manchem Politiker sei dies dringend empfohlen. Offenbar sind sich die Verantwortlichen der Situation noch immer nicht ausreichend bewusst. Wie sonst lässt sich erklären, dass eine Ortsumgehung geplant wird, die zu großen Teilen durch Reitzenhain führt? Von einer Umgehung kann keine Rede sein. Mag sein, dass der zurecht strenge Umweltschutz eine Lösung erschwert. Als Rechtfertigung oder als Entschuldigung kann dies aber nicht herhalten. Denn das eigentliche Problem liegt ganz woanders: Speditionen wählen aus wirtschaftlichen Gründen auf ihrem Weg von Tschechien nach Deutschland die kürzeste Strecke. Und diese führt durch das Erzgebirge. Den Unternehmen kann das nicht vorgeworfen werden - der Politik schon. Sie hat bislang länderübergreifend versäumt, den Verkehr vernünftig zu lenken und in Sachen Lastwagenaufkommen entgegen zu steuern - etwa durch konsequente Stärkung der Schiene. Es kann nicht sein, dass sich eine Bundesstraße zunehmend in eine Autobahn verwandelt und die Anwohner letztlich die Leidtragenden sind.

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    0
    langi001
    30.07.2019

    Vielleicht sollte man eher die Bahnstrecke Marienberg - Krima - Komotau wieder reaktivieren und den Grenzübergang für LKW sperren? Grüße vom Böhmerlangi

  • 5
    1
    HundG
    22.07.2019

    Die Lösung ist denkbar einfach, entsprechend den Vorgaben der EU und deren Verkehrsprojekte core network corridors/ TEN Orient/Med-East nach Hamburg "Neue Salzstraße", soll der Schwerlastverkehr wie vorgesehen die A17 über DD nutzen und Reitzenhain wird für den Fahrzeuge über 7,5 Tonnen gesperrt.
    Da aber unser Land von Lobbyisten gesteuert wird (und die Politiker von nix eine Ahnung haben), in diesem Fall von der PTV in Karlsruhe (einer 100% Tochter von Porsche, somit VW, Scania, MAN u.a.), die die Zahlen für die Verkehrsprognosen für die Planung für Bund & Länder liefern und gleichzeitig eine professionelle Speditionssoftware "map&guide" fürs Routing von LKW´s durchs ERZ (Prag, Chomutow, Reitzenhain, Chemnitz, Leipzig) erstellen, da bleibt der Bürgen auf der Strecke.
    Und wann da die Politiker in Dresden nicht aufmerksam gemacht werden und ihren Kurs ändern, so werden weiterhin Steuermittel für sinnlose Verkehrsprojekte ausgegeben.

  • 3
    0
    Klemmi
    21.07.2019

    Die Situation auf der B174 zeigt eindeutig die Versäumnisse und Ignoranz der Verkehrspolitik von Bund und Land. Es beginnt bereits in Chemnitz: Mit einer abgespeckten Version der Südumfahrung Richtung A4, die nach wie vor auf sich warten lässt, wird die Situation auf Südring- und Neefestraße zum Knoten Chemnitz Süd sich nicht entspannen. Die Probleme ziehen sich weiter, wie ein ausgespuckter Kaugummi und Müll und Fäkalien gibt es an dieser Strecke genug. Die B174 hat sich zu einer günstigen Transitstrecke etabliert. Parkplätze und sanitäre Anlagen fehlen und die politisch Verantwortlichen schieben sich den schwarzen Peter gegenseitig zu. Hätte man statt der A17, die A74 verfolgt, wäre dem Freistaat besser geholfen gewesen. Zu Reitzenhain: Fakt ist, ausgebaute Straßen und Ortsumgehungen ziehen noch mehr Verkehr an, die Schiene gibt es in Reitzenhain nur noch in Fragmenten und der Schienenausbau ist in Deutschland eine, politisch gewollte, zähe Angelegenheit, allerdings bildet diese Straße eine "Nabelschnur" für den Raum Marienberg und bedarf meiner Meinung einem zeitgemäßen Ausbau. Für Reitzenhain käme auf Grund der Besonderheiten, wie schützenswerte Hochmoore und dem Gerechtwerden der Bedürfnisser der Anlieger, eine überdeckelte Variante gerade Recht. Warum soll sich diese Region immer mit Kompromissen abfinden, wärend an anderen Orten, weniger bedeutsamen Straßen, großzüger ausgebaut werden? Dies ist ein Resultat für eine versäumte, sinnige Lenkung des LKW-Verkehrs.

  • 10
    1
    394101
    21.07.2019

    Tja...
    Solange das BMVI und das LaSuV weder in der Lage noch gewillt sind, die geopolitische Bedeutung der B174 anzuerkennen, wird sich an dem Problem der Lärm- und Verkehrsbelastung nichts ändern. Im Gegenteil. Die Schaffung von beschleunigenden Ortsumgehungen wird zwangsläufig dazu führen, dass der Schwerlastverkehr Richtung Südosteuropa in den nächsten zehn Jahren noch massiv zunimmt. Kein LKW aus Richtung Berlin und (Nord-)Westeuropa wird künftig noch den Umweg über die staugefährdeten Knotenpunkte der A13/A4/A17 wählen, wenn er auf direktem Weg via Bundesstraße genau so gut oder sogar schneller an sein Ziel kommt.
    Wohin das führt, dazu muss man sich nicht erst in Reitzenhain an die Straße stellen. Davon kann sich jeder selbst ein Bild machen, wenn man sich die Abend für Abend hoffnungslos überbelegten und uringeschwängerten Stellflächen an der B174 anschaut. Vom Chaos im Winter an den Steigungen ab Zschopau noch gar nicht zu reden. Von daher sind auch die bautechnischen Forderungen der Bürgerinitiativen -gelinde gesagt- etwas blauäugig.
    Dass für die unmittelbaren Anwohner der B174 schnellstens eine Lösung her muss, steht außer Frage. Allerdings ist das lediglich kurzsichtige Symptomkur und keine verkehrspolitisch vernünftige Strategie in einem Gesamtkonzept.
    Schade um unser schönes Erzgebirge...



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