Ein Holzspielzeugmacher und viele Fragen

Kostbarkeiten: Grünhainichen, Borstendorf, Waldkirchen und Börnichen waren einst Hochburgen der Holzspielzeugproduktion. "Freie Presse" geht in einer Serie Erzeugnissen und Produzenten nach. Heute: Arbeiten von Carl Paul Hähnel.

Grünhainichen.

Ein Zufallsfund hat den Grünhainichener Sammler und Antikhändler Ralph Geisler freuen und sich zugleich wundern lassen. "Ein Kunde aus Freiberg brachte mir vor geraumer Zeit knapp drei Dutzend Holzfiguren in den Laden mit dem Hinweis, diese stammen aus Grünhainichen. Ich habe gedacht, ich sehe nicht richtig", erzählt der 56-Jährige begeistert. "Solche tollen Arbeiten konnte ich zunächst keinem Holzkünstler aus unserem Spielzeugwinkel zuordnen." Doch ihm sei schnell klar geworden, herausragende Stücke erworben zu haben. "Die handwerklich feinen Dreharbeiten mit sauber herausgearbeiteten Details zeigen einen Meister seines Faches, dem ich ein Stück Bauhausinspiration zuspreche. Das Design hat die Qualität renommierter Unternehmen, etwa der Firma Wendt und Kühn", so der Grünhainichener.

Die Formensprache und die erstklassige Verarbeitung ließen für ihn den Schluss zu, die Arbeiten eines Absolventen der Grünhainichener Gewerbeschule gefunden zu haben. "Also begab ich mich auf eine Spurensuche, die noch immer anhält." Geislers Recherchen etwa im örtlichen Handelsregister, wiederholten Rücksprachen bei betagten Zeitzeugen und Fachgesprächen unter Sammlern erbrachten ein Ergebnis: Es handelt sich um Arbeiten von Carl Paul Hähnel. Nur bruchstückhaft lasse sich dessen Wirken erschließen. "Bis auf einen gedruckten Briefkopf sind wir bislang auf keine weiteren Stücke beziehungsweise Zeitdokumente gestoßen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei den mir überbrachten Artikeln um Musterware handelt."


Auffällig sei die aufwendige Bearbeitung. Die bemalten Weihnachtsmänner erweisen sich als filigran gedrechselte Hohlkörper. "Die Bemalung weist Art-deco-Einflüsse auf. Diese Füllfiguren waren eine kuriose Geschenkidee. In ihnen wurden verschiedene Kleinigkeiten versteckt, etwa Schokolade oder Geld."

Die Arbeiten, zu denen unter anderem auch Räuchermänner, Lichterfiguren und Blumenkinder zählen, dürften in den 1920er- und 1930er-Jahren entstanden sein. "Begeistert bin ich unter anderem von einem jüdischen Musiker, der angesichts der damaligen, vom aufkommenden Antisemitismus geprägten Zeitumstände ein Novum darstellt."

Bei seinen Nachforschungen habe er Hinweise von Zeitzeugen erhalten, die vom Handwerker Hähnel, dem Sozi, sprechen, "dem man das Laam schwergemacht hat", gibt Geisler das Gedankengut wieder. Mit den Kriegswirren verliert sich Hähnels Spur. "Denkbar, dass dieser bekennender Sozialdemokrat war", sucht Geisler unterdessen weitere Hinweise und sieht ein Kapitel längst nicht aufgearbeiteter Heimatgeschichte. "Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Mann nach dem Zweiten Weltkrieg hier seine Handschrift hinterlassen hat. Als einzigartig und sehr kreativ sehe ich seine Motive, zu denen als Räuchermänner auch der Hauptmann von Köpenick und ein Froschkönig zählen." Einen Großteil dieser Holzfiguren hat Ralph Geisler als Dauerleihgabe im Spielzeug-Museum Grünhainichen ausgestellt.

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