Einstiges Fahrschulauto genießt in Gelenau seinen Ruhestand

Etwa 140 Kinderautos sind im Gelenauer Depot Pohl-Ströher zu bestaunen. Seit neuestem gehört dazu auch ein Exemplar, dass es in Deutschland wohl kein zweites Mal gibt.

Gelenau.

Um Gäste zu beeindrucken, vertritt Eckart Holler eine klare Ansicht. "Jede Ausstellung braucht einen Leuchtturm", sagt der 74-jährige Chemnitzer, der im Gelenauer Depot Pohl-Ströher einen Teil seiner Kinderauto-Sammlung präsentiert. Dass sein Leuchtturm kaum einen halben Meter hoch ist, stört Holler nicht. Schließlich handelt es sich dabei um einen rund 60 Jahre alten Bimbo Racer. Nicht die Höhe macht das in Italien gebaute Elektromobil zu einem besonderen Ausstellungsstück, sondern seine Seltenheit. "Ich kenne kein anderes Exemplar in Deutschland", sagt der Sammler über das neue Highlight der Osterausstellung.

Zwar wurde der Bimbo Racer von 1956 bis 1965 von der Firma Sila in Turin produziert, doch hielt sich die Stückzahl in Grenzen. "Er war dem Ferrari 375 Spyder nachempfunden", erklärt Eckart Holler, der es kaum für möglich gehalten hätte, selbst eines Tages eine solche Rarität zu besitzen. Das Verhandlungsgeschick des Chemnitzers sollte sich auszahlen. Abkaufen konnte er dem vorherigen Besitzer diesen Bimbo Racer nicht. Weltweit existieren schätzungsweise nur noch 20 Stück aus dieser Produktion. Doch mit einem ähnlich seltenen Sammlerstück aus DDR-Zeiten, das Holler doppelt hatte, konnte er den anderen Sammler zum Tausch bewegen.


"Die Farbe Como Blau wurde nicht etwa aufgespritzt. Es handelt sich um eingefärbte Glasfaser, mit der die Karosse verstärkt wurde", gerät Eckart Holler beim Bimbo Racer förmlich ins Schwärmen: "Das Auto hat Fuß- und Handbremse, elektrische Scheinwerfer, Hupe sowie eine Windschutzscheibe. Vorn und hinten ist es gefedert." Fast alle Teile sind noch im Original vorhanden. Neben den Radkappen musste nur die gepolsterte Sitzbank erneuert werden, diese war zwischenzeitlich verschwunden. Grund dafür war die Nutzung des Bimbo Racers als Fahrschulauto. "Dieses Exemplar wurde bis zum Ende der 1990er-Jahre in einer Fahrschule im Ruhrgebiet verwendet", so Holler. Zur Erleichterung der Pflege war es für die Betreiber einfacher, die bis zu 16 Jahre alten Schüler in einen Schalensitz zu bitten. Inzwischen entspricht die Bank wieder dem Design von einst.

Interessantes kann Eckart Holler zu jedem Fahrzeug in seiner Sammlung erzählen, denn dahinter verbirgt sich stets eine individuelle Geschichte. Es gibt jedoch auch Gemeinsamkeiten. So erklärt der 74-Jährige, dass alle Fahrzeuge Produkte für die Kinder der gehobenen Gesellschaft waren. Tretautos, die den Großteil der Sammlung ausmachen, hätten Anfang des 20. Jahrhunderts gar nicht über die Straßen und Wege vor den Häusern einfacher Bürger fahren können. "Es war ein gepflegter Untergrund nötig, den nur die Adligen in ihren Schlössern hatten", so der Automobil-Experte.

Und dann war da natürlich der Preis. Die 110 Goldfranken für ein französisches Tretauto konnte sich 1905 ebenso wenig die Allgemeinheit leisten wie Ende der 1950er-Jahre die 1600 D-Mark für den Bimbo Racer. Teure Spielzeug-Autos sind aber aus der Mode gekommen. "Heutzutage gibt es häufig Billigprodukte aus Plastik, die nicht lange halten", so Holler. Mit viel Aufwand produzierte Exemplare sind die Seltenheit, doch auch solche sind in Gelenau zu sehen - so wie der 2007 von Audi nachgebaute Silberpfeil.

Die diesjährige Osterschau des Depots der Volkskunstsammlerin Erika Pohl-Ströher in Gelenau ist an diesem Wochenende letztmalig geöffnet. Besichtigt werden kann sie Freitag, Samstag und Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr.

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