Erste Pfarrerin im Bezirk geht in Ruhestand

Am 6. September 1981 wurde Gudrun Neubert in der Ehrenfriedersdorfer Kirche St. Niklas ordiniert. Dass sie bis zu ihrer Rente geblieben ist, gilt als außergewöhnlich.

Ehrenfriedersdorf.

In den vergangenen Wochen und Monaten hat Gudrun Neubert viele Dinge zum letzten Mal getan. Ein letzter Gottesdienst in der Kapelle in Schönfeld, ein letztes Mal Konfirmanden auf ihren Weg begleitet, ein letzter großer Gottesdienst in der St. Niklaskirche in Ehrenfriedersdorf. Letzteres ist gerade einmal ein paar Tage her, ein emotionaler Moment am Ende einer langen Zeit als Pfarrerin in der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Ehrenfriedersdorf. Nun hat Gudrun Neubert Urlaub, ab 1. Juli ist sie Rentnerin.

Dass sie ihre gesamte Laufbahn als Pfarrerin in der erzgebirgischen Kleinstadt verbringen würde, war so am Anfang keineswegs vorgesehen, erzählt die heute 63-Jährige. Denn eigentlich wollte Gudrun Neubert, die in Meißen aufwuchs, Katechistin werden. Doch sie durfte Abitur machen und entschied sich schließlich für ein Studium am theologischen Seminar in Leipzig, das sie 1979 abschloss. Im selben Jahr verschlug es die junge Theologin das erste Mal nach Ehrenfriedersdorf. Ein Teil ihres Vorbereitungsdienstes zur Pfarrerin sollte sie dort absolvieren. Ein Aufenthalt mit Folgen. Denn obwohl Gudrun Neubert eigentlich nie ins Erzgebirge wollte, verliebte sie sich sofort in die Stadt, die St. Niklaskirche und die Gemeinde. "Es hat mir so gut hier gefallen und die Gemeinde hat mich so herzlich aufgenommen", erzählt die Pfarrerin. Also kehrte sie nach ihrem Vorbereitungsdienst in die Bergstadt zurück. Am 6. September 1981 wurde sie in der St. Niklaskirche zur Pfarrerin ordiniert, also feierlich ins Amt eingesetzt. Dabei war Gudrun Neubert ein Novum in der Region. Sie sei die erste Frau im Altkirchenbezirk Annaberg gewesen, die eine Stelle als Pfarrerin innehatte.

37 Jahre ist das nun her. Und 37 Jahre blieb Gudrun Neubert in Ehrenfriedersdorf. Anfangs hatte sie die zweite Pfarrstelle in der Gemeinde, zu der auch Schönfeld gehört, inne. Im Jahr 2000 übernahm sie die erste Pfarrstelle und damit die Leitung des Pfarramtes. Ungefähr zur selben Zeit sei klar geworden, dass die zweite Pfarrstelle in Ehrenfriedersdorf nicht gehalten werden kann, weshalb Herold als Schwesternkirche hinzukam, erläutert Gudrun Neubert. Seitdem besetzt der Herolder Pfarrer beziehungsweise die Pfarrerin die zweite Stelle.

Doch wie kommt es, dass Gudrun Neubert nie in eine andere Gemeinde geschickt wurde? Üblich ist eigentlich, dass die Pfarrstellen etwa alle zehn Jahre neu besetzt werden. "Ich wollte gern hier bleiben", erklärt die Theologin. Zwar sei sie alle paar Jahre gefragt worden, ob sie nicht wechseln wolle. Doch sie fühlte sich mit ihrer Gemeinde verheiratet. Und diese Ehe konnte und sollte nicht geschieden werden. Doch nun geht diese Ära zu Ende. In den zurückliegenden Jahrzehnten hat sie 526 Taufen, 139 Trauungen und mehr als 700 Beerdigungen als Pfarrerin begleitet. "Und das sind nur die in Ehrenfriedersdorf", so die 63-Jährige. Nicht mitgezählt sind Vertretungszeiten in anderen Kirchgemeinden. An sich sei das Pfarramt ein Fulltime-Job. Schließlich ist man für die Gemeindemitglieder und Kirchenbesucher sieben Tage in der Woche rund um die Uhr die Pfarrerin. Ein fordernder Beruf, den sie aber immer mit Leidenschaft ausfüllte. Vor allem die Gottesdienste hat sie als Zentrum des Gemeindelebens empfunden. "Miteinander den Glauben leben", sei ihre Devise gewesen. In ihrem Büro hat sie zudem alle Predigten aufbewahrt. Anfangs schrieb sie diese noch mit der Hand, später am Computer.

Neben all den positiven Erfahrungen und der Geborgenheit in der Gemeinde, gab es auch schwierige Zeiten. Junge Menschen zu beerdigen, sei ihr immer nahegegangen. Auch der Religionsunterricht an Schulen, den Pfarrer lange Zeit übernehmen mussten, sei nicht ihrs gewesen. Und dann ist da auch noch die Sache mit den schrumpfenden Gemeinden. "Ich habe mehr beerdigt als getauft." Doch der Glaube sei in der Region tief verwurzelt und die Menschen traditionell geprägt.

Nun will sie aber erst einmal einen klaren Schlussstrich ziehen. "Ein halbes Jahr werde ich keine Dienste übernehmen", sagt Gudrun Neubert. Zudem wünscht sie sich, dass die Stelle nicht lange vakant bleibt. Schließlich bringe ein neuer Pfarrer auch frischen Wind und setzt vielleicht andere Schwerpunkte. Das alles seien Chancen. Und was macht eine Pfarrerin im Ruhestand? Endlich das, wofür in den vergangenen Jahren zu wenig Zeit blieb: Freunde besuchen, wandern, Ahnenforschung, sich um die Enkeltochter kümmern, lesen, durchatmen. Der St. Niklaskirche und Ehrenfriedersdorf wird sie dennoch treu bleiben. Auch nach 37 Jahren kehrt sie der Stadt nicht den Rücken. Eine Liebe fürs Leben.

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