Frau und Kind verunglücken wegen gelöster Radbolzen

Es kommt immer öfter vor, dass an Autos manipuliert wird. Seit Jahresbeginn hat die Polizei rund 100 Fälle im Landkreis gezählt.

Annaberg-Buchholz.

Der Schock sitzt tief. "Das ist versuchter Mord", sagt die Frau, die nicht mit ihrem Namen in der Zeitung erscheinen möchte. Sie und eines ihrer Kinder hätten tot sein können. Dass am Ende beide mit dem Schrecken davongekommen sind, war schlichtweg Glück. Ihr Auto indes ist kaputt. Doch das ist angesichts dessen, was in einer anderen Konstellation hätte passieren können, eher zweitrangig.

Es war vor etwa zwei Wochen. Die Mutter zweier Kinder fährt nach der Arbeit zu den Eltern, um eines ihrer Kinder dort abzuholen. Anschließend geht es nach Hause. Dort soll sie aber nicht ankommen. Nach etwa zwei Kilometern gibt es vorn links einen gewaltigen Schlag und dann war es auch schon passiert. Das Rad hat sich gelöst und im Radkasten verkeilt. Das Auto rutscht noch ein kleines Stück auf der Straße dahin, ehe es steht. "Zum Glück war ich nicht schnell", sagt die Frau. Welche Folgen das Ganze gehabt hätte, wenn sie gerade auf der Autobahn unterwegs gewesen wäre, will sie sich lieber nicht vorstellen.

Was sie dabei sprachlos macht, ist die Tatsache, dass alle fünf Radbolzen neben dem Auto liegen, während an den übrigen drei Rädern alle fest sind. Ihr ist sofort klar: "Da hat einer nachgeholfen." Das sieht auch die Polizei nicht anders. Eine Vermutung, wo an ihrem Auto manipuliert worden sein könnte, hat sie nicht. Zwei Tage vor dem Unfall ist sie in Aue gewesen. Eine Region, in der in jüngster Zeit vermehrt Fälle von gelösten Radmuttern bekannt geworden sind. Am Tag des Unglücks war die Frau aber auch in Annaberg, in der Tiefgarage unter dem Markt.

Apropos Annaberg. Im Ortsteil Frohnau wurden bereits Mitte Juli auf einem privaten Grundstück an drei von vier Fahrzeugen die Radmuttern gelockert. Glücklicherweise wurde das damals vor Fahrtantritt festgestellt. Alles Einzelfälle? Laut Polizei nicht. "Seit Jahresbeginn wurden im Erzgebirgskreis bereits rund 100 gleich gelagerte Fälle registriert", sagt Andrzej Rydzik, stellvertretender Sprecher der Polizeidirektion Chemnitz. Eine Häufung gelöster Radmuttern sei insbesondere seit Anfang Juni zu verzeichnen.

Problematisch bei den Ermittlungen ist, dass in den wenigsten Fällen eine klare Zuordnung der eigentlichen Tatorte bzw. Tatzeiten möglich ist, so Rydzik. Die Ermittlungen laufen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Das Strafmaß bei derartigen Vergehen reiche von einer Geldstrafe bis hin zu einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Andreas Frunzke, Leiter des Tüv-Service-Centers in Annaberg, hat auch schon von derlei Fällen gehört. "So etwas ist einfach nur kriminell", sagt er. Sich per se dagegen schützen könne man im Prinzip kaum. Ein Indiz für gelöste Radmuttern könne allerdings eine Art klickendes Geräusch während der Fahrt sein. Die Frau indes sagt, sie habe unterwegs nichts wahrgenommen - erst als das Rad abgefallen ist. Doch da war es schon zu spät.


Kommentar: Nichtwegsehen

Was geht in solchen Menschen vor, die an fremden Autos Radmuttern lösen? Bewusst nehmen sie den Tod anderer in Kauf. Ist es Langeweile, eine Mutprobe oder etwa Frust? Völlig egal! Zu rechtfertigen ist diese kriminelle Handlung in keiner Weise. Und die Vorfälle dürfen auch nicht totgeschwiegen werden. Das Thema muss in die Öffentlichkeit. Nur so gelingt es, Bürger zu sensibilisieren. Es sollte jeder ein bisschen mehr hinschauen, wenn irgendwo an Autos geschraubt wird.

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