Gegen den Pflegekräftemangel: Sozialbetriebe erhöhen Löhne

Geschäftsführer Andreas Haustein spricht im Interview über Bedürfnisse von Senioren und Pflegern

Seit Ende 2015 leitet Andreas Haustein die Geschäfte der Sozialbetriebe Mittleres Erzgebirge. Christoph Pengel hat ihn gefragt, wie das Unternehmen auf den Pflegekräftemangel reagiert hat, wer das Schloss Pfaffroda bekommt und wie die Pflege in der Region in den nächsten Jahren ausgebaut wird.

Freie Presse: Sie wollen das Schloss Pfaffroda verkaufen. Gab es bei den Verhandlungen schon einen Durchbruch?

Andreas Haustein: Ja. Wir haben uns auf einen der vier Bewerber geeinigt. Allerdings stehen die Verträge noch nicht. Das soll möglichst im ersten Halbjahr 2017 passieren. Den Namen des Interessenten will ich noch nicht nennen. Nur soviel: Er war der einzige, der ein nachvollziehbares Konzept vorgelegt hat - im Gegensatz zu manch anderen.

Was meinen Sie?

Wir haben zum Beispiel ein kurioses Angebot aus Amerika erhalten: Zwei Herren schrieben uns per E-Mail, sie würden gern eine Diamantenfabrik im Schloss einrichten. Ein plausibles Konzept gab es aber nicht, und obwohl sie mehrmals zum Gespräch zu uns kommen sollten, haben sie stets kurzfristig abgesagt. Das wirkte alles sehr dubios. Ich bin deshalb froh, dass es zu einer Entscheidung gekommen ist. Es hätte ja auch sein können, dass es keinen seriösen Bewerber gibt.

Bleiben die anderen Einrichtungen im Schloss erhalten?

Der Interessent hat klar zugesagt, dass er die Ausstellung unterstützen, ja sogar erweitern möchte. Dass das Christliche Jugenddorf (CJD) mit einer Gruppe ehemals suchtkranker Jugendlicher bleibt, wurde ebenso bestätigt.

Ein Thema, das Ihre Branche umtreibt, ist die Knappheit an Pflegekräften. Was tun Sie, um für Arbeitnehmer attraktiv zu sein und junge Leute für den Beruf zu gewinnen?

In unserem Unternehmen gibt es viele unterstützende Maßnahmen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In den letzten beiden Jahren haben wir eine bessere Vergütung festgelegt. Die Löhne für Pflegefachkräfte wurden bei uns allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich elf Prozent erhöht. Neueinsteiger als Pflegehilfskräfte erhalten schon am Anfang deutlich mehr als den derzeit in der Pflege üblichen Mindestlohn von 9,50 Euro. Im Vergleich mit anderen Trägern hatten wir zudem einen ganz schlechten Stand bei der Ausbildungsvergütung. Auch da haben wir im vergangenen Jahr spürbar zugelegt: Der Einstieg liegt jetzt bei 812 Euro pro Monat, im dritten Lehrjahr bei 908 Euro. Vorher haben Azubis weniger als die Hälfte erhalten. Wer im ambulanten Dienst tätig ist, kann zudem mit einer überdurchschnittlichen Vergütung rechnen, auch wegen der erhöhten Bereitschaft zur Mobilität.

Wie kommt es, dass Sie die Vergütung für Azubis auf einmal so drastisch erhöhen können? Wäre das nicht schon früher möglich gewesen?

Es müssen immer Prioritäten gesetzt werden - ich baue dabei auf junge Menschen und gebe jedem eine Perspektive, sofern er das möchte. Außerdem dürfen Azubis seit kurzem Schulgeld bei der Sächsischen Aufbaubank beantragen. Dadurch werden wir entlastet, da wir diese Zahlung bisher übernommen haben. Allerdings habe ich den Eindruck, dass junge Leute neben dem Geld viel mehr Wert auf das Arbeitsklima legen, auf geordnete Strukturen und ein gut funktionierendes Team. Da sind wir mit sechs Pflegeeinrichtungen, dem ambulanten Pflegedienst, einem Kinder- und Jugendzentrum sowie der Erziehungs- und Familienberatungsstelle gut aufgestellt.

Wie haben sich die Bedürfnisse der Senioren in den vergangenen Jahren verändert? Gibt es schon Leute, die nach W-Lan im Heim fragen?

Ja, die gibt es. In unserer Seniorenresidenz in Marienberg ist W-Lan auch schon vorhanden. Ansonsten muss man bei den Bedürfnissen differenzieren: Wer bei uns wohnt, ist meist schon älter. Bei den jüngeren Senioren fällt auf: Die wollen so lange wie möglich ambulant betreut werden und nicht früher als nötig ins Heim. Daher ist der Grundsatz, an dem wir uns orientieren: ambulant vor stationär.

Wie drückt sich das in ihren Plänen für die Zukunft aus?

Wir haben vor, in diesem Jahr eine Begegnungsstätte in Marienberg zu eröffnen, im Wohngebiet "Mühlberg" , Am Hang 5 - sozusagen die Erweiterung des Konzepts einer durchgängigen Betreuung von Senioren. Das wird ein Ort, wo ältere Menschen gemeinsam zu Mittag essen können, wo es Veranstaltungen geben wird und wo Anwohnern das Gefühl vermittelt wird: Es ist jemand da. Mit einem Wohngebietsfest wird die Begegnungsstätte am 17. Juni eröffnet.

Sie haben bisher je zwölf Tagespflegeplätze in Zschopau und in Olbernhau. Menschen werden dort tagsüber betreut und können abends wieder nach Hause zu ihren Familien. Werden Sie das weiter ausbauen?

Ja, denn darin liegt die Zukunft in Verbindung mit der ambulanten Pflege. Es sollen weitere zwölf Plätze in Marienberg entstehen. Das ist beschlossene Sache. Wir werden uns im Eckgebäude Katharinenstraße/Annaberger Straße einmieten, im alten Sitz der ehemaligen Rundfunk-Fernsehen-Elektronik GmbH. Bis zum Spätsommer wird es durch den Eigentümer umgebaut.


Zur Person

Andreas Haustein ist in Satzung geboren, 59 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Er wohnt in Marienberg. Der Diplom-Ökonom begann 1990 als Kämmerer bei der Stadt Marienberg, 1994 wurde er Beigeordneter. 2008 wechselte er als 1. Beigeordneter in die Verwaltung des Erzgebirgskreises.

Nach Differenzen mit Landrat Frank Vogel wurde Haustein 2010 die Führung der Dienstgeschäfte untersagt. Vogel wollte ihn abwählen lassen, konnte sich mit einem entsprechenden Antrag aber nicht durchsetzen. Danach war Haustein als Abteilungsleiter zuständig für Rettungsdienst, Brand- und Katastrophenschutz sowie für das Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt. In Seiffen sprang er 18 Monate als Amtsverweser ein.

Beim FSV Motor Marienberg ist Haustein Präsident. Zudem ist er Mitglied der Bergknappschaft.


Die Sozialbetriebe

Die gemeinnützige GmbH betreibt Pflegeheime in Wernsdorf, Dörnthal, Pfaffroda, Olbernhau, Zschopau und Schneeberg, einen ambulanten Pflegedienst, Jugendzentren in Pobershau und Lippersdorf sowie eine Seniorenresidenz und eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Marienberg. Das Unternehmen beschäftigt rund 550 Mitarbeiter. Hauptgesellschafter ist mit 74 Prozent das Klinikum Chemnitz, 26 Prozent gehören dem Klinikum Mittleres Erzgebirge.

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