Gesungene und gereimte Liebesbeweise

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Matthias Fritzsch. Er stammt aus Aue und organisiert die Mundarttage und Stammtische des Erzgebirgsvereins.

Aue/Zwickau.

"Iech hob mei Mundart gern, do gibt's gar ka Froch. Se is halt in mir e Stück Haamit - mei Muttersproch." Dieser Lebens- und Schaffensmaxime fühlt sich Matthias Fritzsch verpflichtet. Schaltet mancher Einheimische allenfalls im Freizeitmodus oder engsten Familienkreis auf den erzgebirgischen Zungenschlag um, erweist sich der Zwickauer in allen Lebenslagen als gestandener Dialektliebhaber. Mundart ist mehr als nur Hobby. Der 64-Jährige denkt und spricht in Mundart. Genauso wie er seit Jahr und Tag zünftig zu musizieren versteht und als Autor das Alltagsgeschehen in Erzgebirgisch zu Papier bringt.

In diesen Tagen hat der ehemalige Auer sein siebtes Büchlein mit Geschichten und Gedichten samt Liedern vorgelegt, die allesamt die Erzgebirger und deren nachbarschaftliches Miteinander zum Vorbild haben. Nicht von ungefähr tragen seine Werksammlungen den Titel "Lustig's aus'n Arzgebirg". Matthias Fritzsch und seine Wort- und Liedbeiträge sind einem mundartbegeisterten Publikum spätestens seit der Mitarbeit 1989 in der Gruppe De Original Rascher vom Knochen oder seit 1997 in De Holzmauser ein Begriff geworden.

Seine Texte gelten als sprachlicher Liebesbeweis an die Landsleute, greifen deren Eigen- und Besonderheiten im häuslichen und beruflichen Umfeld auf, zeigen deren Stärken und Schwächen, ohne zu belehren oder zu verletzen. Ob als Reim oder in freier Form, augenzwinkernd beobachtet der Autor seine Mitmenschen und versteht es, unterhaltsame Kost mit einer gehörigen Portion Humor zu servieren. Keine Situation, die es nicht Wert wäre, als Sujet eines Beitrags herzuhalten. Ob Stammtischrunde oder Arztbesuch, Familienfeier oder Theaterfahrt - Matthias Fritzsch hat das Gespür für den jeweiligen Moment. Zum Leben zählen auch weniger erfreuliche und traurige Augenblicke. Und so bekommt aktuell auch das Corona-Virus einen Reim (siehe Leseproben) von ihm ab.

Bis in dieses Frühjahr hinein rund 30 Jahre lang hauptberuflich als Heimleiter einer karitativen Einrichtung tätig, macht sich Matthias Fritzsch seit Jahren um den erzgebirgischen Zungenschlag auch im Ehrenamt verdient. Er zählt zu den Organisatoren der Mundarttage im Erzgebirge. Zusammen mit Dagmar Meyer, Regine Seifert, Franziska Böhm, Monika Tietze und anderen Mitgliedern der Interessengruppe macht er sich mit diesen Treffen für die Mundartpflege im Erzgebirgsverein stark. Einen Namen machte er sich auch als Organisator der Mundartstammtische. Dessen im März in Bermsgrün geplante 30. Auflage musste angesichts der Corona-Pandemie abgesagt werden.

"Nachdem ich, von Dagmar Meyer als Ideengeberin dieser Aktionswochenenden ermutigt, 1995 an den ersten Erzgebirgischen Mundarttagen teilgenommen hatte, entstand die Idee, diese Stammtischrunden zu initiieren", erzählt der Autor. "Im Ratskeller Werdau organisierte ich ab 2004 jährlich zwei Musikantenstammtische mit vielen bekannten Musikanten und Gruppen. Ende 2009 reifte der Plan, auch Stamm- tische für Mundartautoren und Hobbyschreiber durchzuführen." Und so organisierte Matthias Fritzsch mit Gleichgesinnten im Mai 2010 im Landhotel "Lichte Aue" in Hundshübel den ersten Mundartstammtisch. Seitdem gingen drei bis vier solche Veranstaltungen pro Jahr über die Bühne.

Weit über 400 Gedichte und Geschichten hat Matthias Fritzsch bislang geschrieben. "So richtig los ging es 1993. Da wurde ich gefragt, ob ich zu einer Geburtstagsfeier einen zünftigen Beitrag leisten könnte", erinnert er sich. Sein Hobby führte ihn auch zu den Mundart- tagen ins Vogtland. Und selbst in Bayern und Österreich war er schon ein gern gesehener Gast aus dem Erzgebirge. Dennoch macht er sich Sorgen um den Erhalt der Mundart: "Angesichts des Medienzeitalters und der internationalen Vernetzung gehen regionale Eigenheiten immer mehr verloren." Insofern begrüßt Matthias Fritzsch solche Initiativen wie die alljährliche Suche nach dem Erzgebirgischen Mundartwort. "Wir müssen ein belastbares Netzwerk der Gleichgesinnten knüpfen. Aus meiner Sicht bedarf es viel mehr medialen Interesses. Nur so wird die heimische Mundart wahrgenommen und weitergegeben." Der Fachmann bedauert, dass viele Worte schon längst nicht mehr bekannt sind und durch mangelnden Gebrauch verloren gehen.


Mundartwettbewerb 2020: Machen Sie sich einen Reim auf Orte und einen Kopf um Worte

Diese Neuauflage der Suche nach dem erzgebirgischen Wort, gemeinsam organisiert von "Freie Presse" und Erzgebirgsverein, hat es in sich:Dieses Mal geht es nicht allein um einfache Worte, sondern auch um Reime und einen Song.

Wie immer gesucht: Ihr Lieblingswort in erzgebirgischer Mundart, diesmal zum Thema Hobby & Freizeit.

Zudem können Sie, liebe Leser, Ihrer Reim-Ader Zucker geben: für eine Hommage auf Ihren Wohn- oder Lieblingsort im Erzgebirge. Mundart-Musiker Hendrik Seibt hat die Melodie komponiert und einen Beispiel-Reim gemacht - natürlich auf seinen Heimatort Gelenau. Erstmals zu hören ist der neue Erzgebirgssong wohl zur Abschlussveranstaltung Ende Oktober.

Nun ist es an Ihnen. Bringen Sie Ihren Wohn- oder Lieblingsort humorvoll in acht sich reimenden Zeilen in erzgebirgischer Mundart auf den Punkt. Eine Jury wird die schönsten Reime auswählen. Ihre Mundartworte und/oder Ihren Achtzeiler, gern auch in einem Video vorgetragen, senden Sie bitte an: "Freie Presse", Lokalredaktion Annaberg, Markt 8, in 09456 Annaberg-Buchholz, oder per E-Mail an: red.annaberg@freiepresse.de.

Einsendeschluss ist der 1. September. Teilnehmer erklären sich gegenüber der CVD GmbH & Co. KG einverstanden, dass ihre Zusendungen kostenfrei veröffentlicht werden können - in gedruckter wie in digitaler Form. (alu)


Leseproben

Corona im Arzgebirg

Aah im Arzgebirg tut de Corona ihr Unwesen treibn

un zwingt nu de meesten, dorham in dor Stub ze bleibn.

Mir gieht's genau esu un iech muss mich dornooch richten.

Nu hob ich Zeit, Geschichten ze schreibn un ze dichten.

Wie iech an enn Gedicht sitz, do denk ich drüber nooch,

es war dorwagn schenner vür Corona, an normale Tog.

Mor konnt'n durch's schiene Arzgebirg wannern gieh,

un eikehrn züm Assen in e Gasthaus, su richtig schie.

Is Klöppeln un Schnitzen im Verein darf nu nimmer sei,

un sich traffen züm Hutzen mit anre Leit is aah vorbei.

Mit annern Musikern ze musiziern, dorzu hätt' ich Lust

un weil itze alles net gieht, hob ich fei manchmol Frust.

Nu müss' mor erscht warten, bis de Corona is vorbei

un unnern Herrgott bitten, er soll mit uns gnädig sei.

Un is alles überstanden, do ward's noch mol su schie,

is Wannern, Klöppeln, Schnitzen un is Hutzengieh.

Fußostreicher

"Sog e mol Frieda, wu hast dä du denn schinn Fußostreicher wieder har? Dar is ja wirklich ganz rafeniert. Ugelugn!" Do sat de Hild: "Fußostreicher?! Des war züm Oküln mei Streiselkuchn!".

De Zäh

Is Haus vun dor Frieda brannte lichterloh un in letzten Moment trägt dor Feierwehrma die 80-gährige Fraa de Treppn is dingel no. De Om hot gewimmert: "Du Ugelick, mei Reißen!" Do sat dor Feierwehrma: "Kumm Om, mir hobn's glei geschafft, tu de Zäh zamm beißn!" De Om tat zischeln, do dacht dor Feierwehrma, wos se när hot? Do wur de Om ganz grantig un sat: "Do müss mor noch e mol zerück, mei Zäh liegn of dor Kommod! (fp)


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