Heidersdorfer schreibt Buch über Nazi-Feldpost seines Onkels

Gottfried Schellenberger hat in den vergangenen drei Jahren rund 250 Briefe gelesen, geordnet und zusammengefasst. Das Ergebnis ist derzeit auf der Buchmesse in Frankfurt am Main zu sehen.

Heidersdorf.

Als Gottfried Schellenberger 15 Jahre alt war, schlich er eines Tages auf den Dachboden seiner Großeltern. Die vielen Kisten und Schachteln, die da standen, durfte der Junge sonst, wenn überhaupt, nur unter Aufsicht öffnen. Diesmal war er allein. Und weil alte Schriften ihn schon immer reizten, zog ihn vor allem das Bücherregal an. Dort fand er, ganz unten, einen unscheinbaren, grauen Karton, randvoll mit Papier. Gottfried Schellenberger erkannte schnell: "Das war etwas ganz Besonderes. Mir war sofort klar, dass ich mal was daraus machen werde."

Was er da entdeckte, waren rund 250 Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg: die gesammelte Korrespondenz zwischen seinen Großeltern und deren Sohn Gottfried Storch, Gottfried Schellenbergers Onkel. Den kannte er bis dahin nur aus Erzählungen. "Dieser Mensch war sehr präsent in unserer Familie", sagt Schellenberger. Auch nachdem der Onkel im Krieg gefallen war, wurde für ihn an besonderen Tagen der Tisch gedeckt. Er war eine Art Ikone, die den Kindern als Vorbild hingestellt wurde.


Dieses Bild begann jedoch zu bröckeln und zerfiel vollends, als Schellenberger in den vergangenen drei Jahren systematisch die Feldpost seines Onkels studierte. Gottfried Storch, der vermeintliche Musterknabe, entpuppte sich als folgsamer Landser, der ohne Skrupel auf Judenjagd ging.

Nachdem Schellenberger die Briefe vor mehr als drei Jahrzehnten auf einem Dachboden gefunden hatte, ging er nach der Lektüre wieder auf einen Dachboden. Diesmal, um selber zu schreiben. "Das ist mein Refugium. Hier kann ich mich zurückziehen", sagt der Mann mit dem dichten Bart und den langen grauen Haaren. 55 Jahre ist er alt, von Beruf Bäcker. Auf dem Keyboard vor dem Fenster spielt er ab und zu Orgel. Der hellblaue Boden unter seinem Drehstuhl ist abgewetzt, davor steht ein Schreibtisch mit Laptop. Dort hat Gottfried Schellenberger die Briefe seines Onkels Gottfried Storch gelesen, geordnet und zusammengefasst in einem Buch, das ein heikles Stück Familiengeschichte erzählt.

Gottfried und Gottfried - das sind zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Hatte sich der Onkel komplett der Nazi-Ideologie verschrieben, so bezeichnet sich Gottfried Schellenberger heute als Pazifist. Wollte der eine unbedingt Offizier werden, verweigerte der andere zu DDR-Zeiten den Dienst an der Waffe. Und während Gottfried Storch dem Führer bis zum Schluss die Treue gehalten hatte, suchte sich der Neffe Vorbilder in der Literatur und in der Musik. In seinem Refugium stapeln sich Bücher auf dem Boden, auf dem Schreibtisch, auf den Dachbalken - rund 5000 sind im ganzen Haus verteilt. Gottfried Schellenberger umgibt sich mit Bildern und Werken von Hesse, Brecht, Grass, Proust, Gandhi, Martin Luther King, Bob Dylan und der Rockband Rage Against The Machine.

"Es ging mir nicht immer gut beim Schreiben", sagt Schellenberger. Oft musste er Pausen nehmen, weil ihn der Inhalt der Briefe überwältigte. Doch die Mühen haben sich gelohnt. Der Markkleeberger Sax-Verlag hat Schellenbergers Buch veröffentlicht. Titel: "An Absender zurück, gefallen für Großdeutschland". Die Auflage umfasst 500 Exemplare. Noch bis zum Sonntag wird das Werk auf der Buchmesse in Frankfurt am Main präsentiert.

Das Buch mit dem Titel "An Absender zurück, gefallen für Großdeutschland" kann beim Autor Gottfried Schellenberger für 12 Euro erworben werden.

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