Hexenbutter wabert durch den Wald

Wunder am Wegesrand Spaziergänger halten es mitunter für ausgekippte Farbe. Doch dahinter verbirgt sich ein Lebewesen - weder Pilz, noch Pflanze, noch Tier.

Zschopau/Marienberg.

Wer in diesen Tagen mit offenen Augen durch den Wald geht, könnte Bekanntschaft mit einer unheimlichen Art machen. Einige Spaziergänger hielten das, was sie sahen, für ausgekippte Farbe, berichtet der Rübenauer Biologe Kay Meister. Zumindest auf den ersten Blick lassen Form und grellgelbe Färbung der Gelben Lohblüte diesen Schluss zu. Die Art gehört zu den sogenannten Schleimpilzen, die wegen ihrer intensiven Färbung im Erzgebirge häufig wahrgenommen wird. Im Frühjahr kann sie im Prinzip überall auftauchen.

Tatsächlich sind bislang rund 1000 Schleimpilzarten bekannt, einige davon gleichen bekannten Pilzen. Dieser Kategorie sind die Lebewesen allerdings trotz ihres irreführenden Namens nicht zuzuordnen. Auch nicht Tieren oder Pflanzen. "Sie haben zwar von allen einige Eigenschaften, aber die wesentlichen Merkmale fehlen", sagt Kay Meister.

Wer eine Gelbe Lohblüte - im Volksmund auch Hexenbutter - findet, wird ihn am nächsten Tag nicht mehr dort antreffen, wo er ihn entdeckt hat. Denn das Gebilde bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Zentimeter pro Stunde über den Boden. "Bis zu zwei Wochen kann man das verfolgen. Dann ändert sich das Aussehen. Das Gebilde wird fest, pulvrig und verschwindet schließlich."

Auch wenn sich der Schleimpilz scheinbar aufgelöst hat, existiert er doch weiter. Und zwar als Amöben - unförmige Einzeller, die den größten Teil des Jahres zu Tausenden über den Waldboden wabern. Wegen ihrer Größe sind sie mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar. Einmal im Jahr raufen sie sich jedoch zusammen. "Das geschieht mit einem Botenstoff, den einige Einzeller entwickeln. Haben sich etwa 100.000 zusammengeballt, werden sie für uns sichtbar", erklärt Kay Meister. Das sogenannte Plasmodium besteht dann aus einer einzigen Zelle mit ungezählten Zellkernen. In der sogenannten Fortpflanzungsphase wandert der Schleimpilz über den Boden und frisst alles, was er findet. "Algen, Moose, Pilze selbst Aas kann er mit seinem Sekret zersetzen", berichtet der Rübenauer. Nach einer gewissen Zeit verändert sich der Pilz. Der äußere Einzeller stirbt ab, und aus dem Inneren fliegen Sporen davon, die auskeimen und als Amöben weiterleben.

Noch liegen die genauen Abläufe Kay Meister zufolge im Dunkeln. Forscher haben jedoch einige erstaunliche Eigenschaften von Schleimpilzen untersucht. Japanische Wissenschaftler schreiben der Gelben Lohblüte eine gewisse primitive Intelligenz zu. Dazu setzten sie den Schleimpilz in ein Labyrinth und wiesen nach, dass er den kürzesten Weg zu dem dort ausgelegten Futter fand. Schleimpilze reagieren zudem auf Licht, indem sie sich darauf zu oder davon weg bewegen. Ein Forscherteam nutzte diese Eigenschaft und entwickelte mit dem Pilz-Sensor einen lichtscheuen Roboter, der sich nach Möglichkeit in dunkle Ecken zurückzog. "Schleimpilze sind überdies in der Lage, Schwermetalle wie Zink oder Quecksilber in großen Mengen anzureichern, ohne selbst Schaden zu nehmen. Das macht sie interessant für die Bodensanierung", fügt Kay Meister an. Nicht zuletzt gelten sie in Mexiko gegrillt als Delikatesse.

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