Hochzeit zum Frühlingsende: Als Panzer am Ferienheim Olbernhau rollten

Das TuR-Ferienheim in Olbernhau ist Ende August abgebrannt. "Freie Presse" hatte Leser um ihre Erinnerungen an den Ort gebeten. Gemeldet hat sich auch Gesine Hennig. Sie feierte dort 1968 ihre Hochzeit - sowjetische Armee inklusive.

Olbernhau.

Kirchliche Trauung, dann feiern mit Freunden und der Familie. So ungefähr stellten sich Gesine Erler und Wolfgang Hennig ihre Hochzeit am 24. August 1968 vor. Die beiden hatten sich an der Goethe-Oberschule in Olbernhau kennengelernt und wollten sich nun das Ja-Wort geben. Für das Mittagessen nach der Trauung in Oberneuschönberg und den anschließenden Kaffee hatten sie sich einen schönen Ort ausgesucht: das TuR-Ferienheim. Eine abendliche Party sollte bei den Eltern der Braut in Olbernhau stattfinden. Die Nacht wollte das frischgetraute Paar in der Ferienanlage verbringen. Dass an diesem Tag Panzer rollen werden, wussten die beiden noch nicht.

Wenige Tage zuvor, am 21. August 1968, waren sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei eingerückt. Sie waren gekommen, um den Prager Frühling niederzuschlagen, die Demokratiebewegung im Nachbarland. Doch das Geschehen schien für das junge Paar weit weg. So erzählt es Gesine Hennig am Telefon. Die heute 74-Jährige lebt mittlerweile in Nordrhein-Westfalen.

"Das größte Unglück des Tages war zunächst die flüssige Butter, die ein Kellner beim Mittagessen auf meinen Mann ausgekippt hat", sagt sie und lacht. Nach dem Mittagessen im Ferienheim - es gab Lendenbraten - machten sich die Gäste zu Spaziergängen im Wald auf. "Wir liefen in kleinen Gruppen, und da sahen wir sie", erinnert sich die Braut von damals. Sowjetische Soldaten durchstreiften die Gegend, zu erkennen an ihren khakifarbenen Uniformen. Bewaffnet seien sie nicht gewesen, doch natürlich sorgten sie für Gesprächsstoff beim anschließenden Kaffeetrinken. Die Gäste hatten ein mulmiges Gefühl. "Aber wir wollten uns nicht die Stimmung vermiesen lassen", sagt Gesine Hennig. Der Tag sollte ihnen gehören, nicht der Politik.

Am späten Nachmittag ging es mit sechs Autos in Richtung Olbernhau. In der Wohnung von Gesine Hennigs Eltern war alles für die Feier vorbereitet, auch ein Buffet. Vorneweg fuhren die frisch Vermählten. Sie saßen im Fond eines roten Moskwitsch, der über die Straße in Richtung Stadt rumpelte. "Wir kamen nicht weit", erinnert sich Hennig. An der Einmündung zur Saydaer Straße warteten zwei Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag. Was diese vermutlich nicht erwarteten, war ein Brautpaar. Gesine Hennig trug noch ihr weißes Kleid samt Strauß und Schleife. Die jungen Soldaten schienen überrascht, machten aber klar: Die Straße ist gesperrt. Mehr war nicht in Erfahrung zu bringen, niemand im Wagen sprach Russisch. Und nun?

"Uns blieb nichts anderes übrig, als zu wenden", sagt Gesine Hennig. Ihr Vater war Hobbyjäger und kannte das Gebiet. "Wir haben daher etliche Waldwege ausprobiert." Doch beim ersten kam ein Panzer entgegen, beim nächsten ein Truppentransporter. Schließlich fuhr der Korso quer durch den Wald. Hennig: "Wir waren alle angespannt."Es herrschte Kalter Krieg, würde der nun wieder zu einem heißen werden? Irgendwann fand die Gruppe den Weg nach Olbernhau.

In der Wohnung der Eltern angekommen, war die Stimmung zunächst bedrückt. Doch dann kam Galgenhumor auf - und Trotz. "Wir hörten Musik", erzählt Hennig, "die Beatles zum Beispiel". Irgendwann skandierte die Hochzeitsgesellschaft "Dubček! Dubček!" Gemeint war Alexander Dubček, Leitfigur des Prager Frühlings. Hennig: "So kam trotz allem etwas Laune auf." Zur Sicherheit blieben die Fenster der Wohnung geschlossen.

Aus der geplanten anschließenden Hochzeitsnacht im Ferienheim wurde nichts. Gesine Hennigs Vater versuchte Egon Edel, den Leiter der Anlage, zu erreichen. Doch die Telefonleitung war unterbrochen. Gesine Hennigs Eltern machten notgedrungen Platz für das Paar. "Wir schliefen im Ehebett meiner Eltern", sagt sie und lacht. "Das hatte dann nichts mehr mit einer Hochzeitsnacht zu tun."

Am nächsten Tag rollten die Panzer der sowjetischen Armee zur Grenze. Gesine Hennig erzählt, dass eine Brücke, über die das schwere Gerät die Flöha überquerte, stark beschädigt wurde. Sie musste später neu aufgebaut werden.

Trotz der turbulenten Feier hielt die Ehe. Gesine und Wolfgang Hennig feierten 2018 Goldene Hochzeit. Nicht in Olbernhau, sondern auf einem Kreuzfahrtschiff. An das TuR-Ferienheim denkt die Braut von einst noch gerne zurück. "Dass dieses so schön gelegene Gebäude den Flammen zum Opfer fiel, tut mir sehr leid."

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