"Ich will nicht nur für die Ohren singen"

Björn Casapietra gastiert am 22. August in der Sankt Annenkirche - Und im Januar geht für ihn im Erzgebirge ein großer Traum in Erfüllung

Annaberg-Buchholz/Seiffen.

Seine familiären Wurzeln haben ihn geprägt. Doch längst geht er musikalisch seinen ganz eigenen Weg: Tenor Björn Casapietra. Corona und die Auswirkungen der Pandemie - auch in seinem Heimatland Italien - haben den Sänger schwer belastet. Jetzt kann er endlich wieder durchstarten, und er gibt neben einem Konzert in Annaberg-Buchholz auch eines in Seiffen. Antje Flath hat mit ihm über seine bekannten Familienmitglieder, die Krise und natürlich seine Musik gesprochen.

"Freie Presse": Sie haben lange Anlauf genommen für ihr Gastspiel im Erzgebirge. Nach zwei missglückten Versuchen in Oberwiesenthal kommen Sie nun im August nach Annaberg-Buchholz. Warum ist Ihnen das Erzgebirge so wichtig?

Björn Casapietra: Auf die Welt gekommen bin ich in Italien. Geboren von einer italienischen Mutter. Aber mein Vater war Sachse, aus der Nähe von Dresden: Herbert Kegel, berühmter Dirigent in der DDR. Wenn uns etwas verband, dann war es das Erzgebirge beziehungsweise seine Handwerkskunst. Zur Weihnachtszeit haben wir sämtliche Pyramiden und Schwibbogen aufgebaut. Vorher musste ich sie allerdings mit Ohrenstäbchen vom Staub befreien. Als Kind habe ich das gehasst. Jetzt habe ich selbst mehrere Pyramiden und neun Schwibbogen. Er ist mit mir auch als Kind oft ins Erzgebirge gefahren. Mein Vater fehlt mir sehr. Anfang Januar erfülle ich mir einen ganz großen Traum und darf in der berühmten Seiffener Kirche, die auf so vielen Schwibbogen abgebildet ist, ein Neujahrskonzert singen.

Für ihr Konzert haben sie eine ungewöhnliche Auswahl getroffen: die schönsten Himmelslieder. Welche Bedeutung haben diese Lieder für Sie?

Es ist das mit Abstand schönste Programm, mit dem wir jemals unterwegs waren. Es sind alles Lieder, die einen Bezug zum Himmel haben, aber keinesfalls alles religiöse Lieder. Im Gegenteil: Die Lieder, in denen sich Menschen durch Not oder Verzweiflung an den Himmel wenden, die eigentlich gar nichts mit dem Himmel am Hut haben, sind mir eigentlich die liebsten. Weil sie so ehrlich sind. Es ist eine Mischung. Wir werden klassische Kirchenlieder singen wie das "Ave Maria" von Franz Schubert oder das Wiegenlied von Johannes Brahms oder das "Panis Angelicus". Aber auch das "Halleluja" von Leonard Cohen wird dabei sein oder ein alter Gospel von Elvis Presley. Oder eben die Vertonung von Dietrich Bonhoeffers Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Das singe ich meistens im Duett mit meiner Tochter Stella. Musik hat die Aufgabe, den Menschen Hoffnung, Kraft und Zuversicht zu schenken. Das funktioniert mit diesen Liedern ganz großartig.

Als Tenor leben Sie von Ihrer Stimme - davon, dass sie damit die Herzen des Publikums berühren. Wie schwer waren die Monate ohne Auftritte und ohne Publikum für Sie zu ertragen?

Gar nicht. Es war schrecklich. Man fühlt sich arbeitslos. Man fühlt sich, als würde man auf Leim laufen. Ich habe mich ganz massiv um das Homeschooling meiner Tochter gekümmert und ansonsten ganz viele Filme und Serien geschaut. Und ein bisschen viel Rotwein auf der Couch getrunken. Aber ich sehe ein, dass diese Maßnahmen extrem wichtig sind und waren. Die Gesundheit meines Publikums ist mir heilig. Deutschland ist vergleichsweise glimpflich durch die Coronakrise gekommen - bislang, noch dazu mit einer niedrigen Todesrate. Dank einer aufmerksamen Bevölkerung, einer klugen Bundesregierung und klugen Virologen. Ich hab mich ziemlich massiv mit der deutschen Geschichte beschäftigt und mir kommt das Wort "stolz" in Bezug auf Deutschland nicht leicht über die Lippen. Aber in diesem Fall können wir wirklich mal stolz auf unser Land sein. Dass es immer noch ein paar dumme Menschen gibt, die nicht bereit sind, ein kleines Stück Verantwortung zu übernehmen für die Älteren und die Kranken in unserer Gesellschaft, damit müssen wir wohl leben.

Hat Sie diese Krise verändert?

Ja. Denn bei uns in Italien, wo ich ja auch herkomme, ist das alles am Anfang ganz schrecklich verlaufen - mit unzähligen Toten. Mir ist wieder einmal bewusst geworden, wie wichtig Demokratie und Föderalismus sind. Wie dankbar wir sein können, in so einem großartigen Land wie Deutschland zu leben. Hätten Populisten wie die AfD bei uns etwas zu sagen, hätten wir vermutlich Zustände wie in den USA - mit Hunderttausenden von Toten. Es war in Zeiten einer Pandemie vielleicht nicht das allerschlechteste, eine Wissenschaftlerin als Bundeskanzlerin zu haben. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wir alle müssen vielleicht lernen mit etwas weniger auszukommen, auch mit weniger Egoismus.

Ihr Vater Dirigent Herbert Kegel, ihre Mutter Kammersängerin Celestina Casapietra und ihr Halbbruder Uwe Hassbecker, der Gitarrist der Gruppe Silly. Ist Ihre bekannte Familie für Sie eher Fluch oder Segen?

Ich gehe meinen eigenen Weg. Ich singe inzwischen so, wie ich mir das ein Leben lang gewünscht habe: frei und leidenschaftlich von den höchsten bis zu den tiefsten Tönen. Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben. Ich gebe mehr als 100 Konzerte im Jahr und keines endet ohne Beifallsbekundungen des Publikums im Stehen. Ich sage das nicht um anzugeben, sondern weil ich stolz darauf bin. Ich will nicht nur für die Ohren der Menschen singen, ich will tiefer rein - in die Seele. Ich möchte Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen, ihnen eine Gänsehaut erzeugen. Und dankbarerweise scheint mir das inzwischen ganz gut zu gelingen. Ich möchte, dass die Menschen aus meinem Konzert herausgehen mit dem Gefühl, gestärkt worden zu sein: mit Zuversicht, Hoffnung und Selbstvertrauen. Das alles kann Musik schaffen. Und das ist auch das Großartige an ihr.

Sie haben im Februar ihren 50. Geburtstag gefeiert. Hat diese Zahl für Sie eine Bedeutung?

Gar nicht. Das Schönste daran war, dass wir bei Berlin, wo ich wohne, ein Geburtstagskonzert gegeben haben, das innerhalb von wenigen Tagen komplett ausverkauft war. Die Kreuzkirche in Königs Wusterhausen war voll bis unters Dach - fast 1000 Menschen. Meine Tochter und ich haben unsere Duette gesungen, und ich war einfach nur glücklich. Das war Ende Februar, und es war das letzte Konzert vor dieser furchtbaren Corona-Zeit. Ich glaube, ohne dieses Konzert zu meinem Geburtstag hätte ich diese Zeit nicht so überstanden. Ich habe immer wieder davon gezehrt in meinen Gedanken.

Allmählich läuft auch in der Kulturlandschaft das normale Leben wieder an. Welche Pläne gibt es im Hause Casapietra?

Mir reicht es schon, wenn ich einfach meine normalen Konzerte wieder geben kann - meinetwegen auch mit Abstand. Ich sagte ja schon, dass mir die Gesundheit meines Publikums heilig ist. Aber wieder singen zu dürfen für Menschen, das wäre das Größte. Ich glaube, ich werde in Annaberg-Buchholz auf der Bühne stehen und mir beim ersten Ton die ein oder andere Träne wegdrücken. Einfach, weil ich glücklich bin, wieder meinen Beruf ausüben zu können. Der einzige Plan, den ich habe, ist Menschen glücklich zu machen, sie mit meinem Gesang und mit meiner Musik zu berühren. af

Das Konzert "Hallejujah - Die schönsten Himmelslieder" erklingt am 22. August in der Sankt Annenkirche in Annaberg-Buchholz. Es beginnt 17 Uhr . Karten sind für 29 beziehungsweise 25 Euro im Vorfeld im Haus der Kirche in Annaberg-Buchholz erhältlich, Kleine Kirchgasse 23 (Telefon 03733 23190). Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben auch bei dieser Sommermusik freien Eintritt.

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