Im Stickereimuseum Eibenstock zieht jetzt eine Frau die Fäden

Matthias Schürer geht in den Ruhestand. Im Stadtrat wird er offiziell verabschiedet. Die Übergabe an die Nachfolgerin erfolgt hinter geschlossener Tür.

Eibenstock.

Mit seiner Angewohnheit, jeden Tag mit seiner 40 Jahre alten Schwalbe zur Arbeit zu fahren, hat es dieser Mann bereits zu einer Rolle in einem Film geschafft, der in den USA lief. Die Rede ist von Matthias Schürer, dem Leiter des Stickereimuseums Eibenstock. Der Film entstand 2017 im Rahmen der Kickstarter-Kampagne der Stickerei Funke für ihre Einlegesohlen, die auch in den USA Kunden finden sollten, und lief über die Internet-Plattform "So geht sächsisch".

Von der Zigarette, die er in diesem Film genüsslich raucht, ist der 63-Jährige mittlerweile losgekommen. Seit Juni vergangenen Jahres. Beim Hinaufsteigen in sein Büro unterm Dach sei ihm zuletzt auf den letzten Stufen die Luft knapp geworden, begründet er diesen Schritt. Willkommen geheißen wird das auch von Antina Richter, die mit ihm das Büro seit 1. November teilt. Die 57-Jährige ist seine Nachfolgerin auf der Stelle des Museumsleiters. Matthias Schürer geht am 1. Februar in den Ruhestand. Hätte er noch bis zum 1. September weiter gearbeitet, hätte er die 30 Jahre als Leiter voll machen können. Doch jetzt freut er sich darauf, sich wieder mehr dem Malen widmen zu können, mehr Zeit fürs sechsjährige Enkelkind zu haben und an seinem 300 Jahre alten Haus in Eibenstock bauen zu können. "Die 30 Jahre im Museum waren meine besten Arbeitsjahre", sagt er mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Matthias Schürer trat die Stelle am 1. September 1991 an, damals hieß das Museum noch Heimatschau und befand sich am Platz des Friedens von Eibenstock. Der vorherige Museumsleiter war verstorben, die Stelle ausgeschrieben. Im zum Bürstenwerk Schönheide gehörenden Maschinenbau gab es für den gelernten Modellbauer keine Arbeit mehr. "Interesse am Gestalten und Malen hatte ich schon immer, und so kam mir die Stelle gelegen", sagt der heute 63-Jährige, der von 1975 bis 1980 ein Fernstudium zum Gießereiingenieur absolvierte. Für ein Jahr arbeitete er 1984 als Bühnengestalter im Kulturhaus Aue.

Ein Höhepunkt in den 30 Jahren als Museumsleiter ist für ihn der Umzug in das heutige Gebäude in der Bürgermeister-Hesse-Straße gewesen. In der nach der Wende seit Langem leer stehenden ehemaligen Drechsler-Villa habe es "vom Dach bis ins Erdgeschoss reingeregnet", erinnert er sich an den Zustand vor der Sanierung. In das neue Museum kamen Maschinen aus alten Eibenstocker Stickereien. Den Umgang mit ihnen mussten Schürer und sein Team erst lernen. Schließlich gehört es zu den Höhepunkten von Museumsbesuchen, dass die meterlangen technischen Ungetüme angeworfen werden und dann ratternd ihre Arbeit versehen - filigrane Muster nach in Lochstreifen eingestanzten Befehlen sticken.

Im Museum gab es im Laufe der Jahre etliche Sonderausstellungen. Besonders gern mochte Schürer jene, mit denen Erinnerungen an die DDR-Zeit wachgerufen wurden. Meist gab es auch in der Adventszeit und nach dem Jahreswechsel Ausstellungen mit besonderem Inhalt. Die aktuelle, mit Zinnfiguren, wartet noch immer auf Besucher. Sie konnte bislang nicht gezeigt werden. Die Interessengruppe, von der die Zinnfiguren stammen, hat aber zugesichert, dass sie bis in den Sommer stehen bleiben kann.

Dann wird im Haus Antina Richter das Regiment führen. Matthias Schürer hat zugesichert, ab 1. Februar ehrenamtlich dem Museum zur Verfügung stehen zu wollen. Die neue Leiterin will vor allem die museumspädagogische Arbeit ausbauen. Und, wenn das wieder geht, mit besonderen Aktionen die Traditionen der Stadt vor allem in der Stickereiindustrie Kindern und Jugendlichen nahebringen. Die 57-Jährige ist gelernte Stickereifacharbeiterin, hat studiert und als Diplomtextiltechnologin in der ehemaligen Sticktex in Eibenstock gearbeitet. Mit dem Niedergang der Textilindustrie zur Wende musste auch sie sich beruflich neu orientieren und war bis zuletzt Betriebsteilleiterin in der Pulverbeschichtung in Schönheide. Die Tatsache, dass sie ursprünglich vom Fach kommt, ist für Schürer einer der Gründe, warum sie sich unter zehn Bewerbern um die Stelle durchgesetzt hat. "Und sie ist Eibenstockerin, Mitglied im örtlichen Heimatverein", nennt er weitere.

In den vergangenen Jahren ist das Museum um bedeutende Volkskunstsammlungen gewachsen: 15.000 Figuren hat Eibenstock von Karl Trumpold erhalten, 60 Figuren stammen aus dem Nachlass des Johanngeorgenstädter Schnitzers Gottfried Krauß. "Sie wollten ihre Schätze in guten Händen wissen", ist Matthias Schürer stolz. Mit der räumlichen Erweiterung des Museums war es möglich, die Neuerwerbungen zu präsentieren.

In der Sitzung des Eibenstocker Stadtrates am kommenden Donnerstag wird Matthias Schürer verabschiedet. Bürgermeister Uwe Staab (CDU) lobt seinen Einsatz fürs Museum. "Er hat selbst Beiträge zur Ausstattung des Museums geliefert, wie das Stadtmodell, das heute noch zu bestaunen ist. Museumsgegenstände hat er restauriert und wieder funktionsfähig gemacht."

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