Kritisches stand zwischen den Zeilen

30 Jahre Mauerfall Ein Jahrzehnt hat Michael Barth gebraucht, bis er seine Stasi-Akte anforderte. Danach wusste der Musiker, dass er und seine Mitstreiter der Gruppe Wanderer für die Staatssicherheit ein "Operativer Vorgang" waren. Dabei, sagt er, waren andere Künstler viel mutiger.

Auerbach.

1989 war für Michael Barth nicht nur politisch ein Jahr der Wende, auch privat erlebte er Ende der 1980er-Jahre Umbrüche. Zunächst war es eine Zeit des Abschiednehmens: Innerhalb von drei Jahren starben sein Onkel, sein Vater und seine Großmutter. Die Folk-Rock-Band Wanderer, in der er seit 1977 spielte, löste sich 1989 auf. Und beruflich war der gelernte Mechaniker dabei, aus seinem Hobby einen Lebensunterhalt zu machen - er hatte 1988 ein Fernstudium der Musikpädagogik begonnen.

Er erinnert sich noch gut an den Abend im Herbst 1989, als er seine Abschlussarbeit im Fach Kulturpolitik schrieb - "da marschierten sie draußen mit Transparenten vorbei". Den Mauerfall erlebte er im heimischen Auerbach auf dem Sofa. Im Fernsehen verfolgte er jene Pressekonferenz, während der Politbüro-Mitglied Günter Schabowski die Öffnung der DDR-Grenzen erklärte. Da habe er "erst einmal bissl gehorcht". Und dann gesagt "Gott sei Dank."

Die nächsten Tage sei die Maueröffnung das bestimmende Thema gewesen: in der Auerbacher Kellerfabrik, in der er arbeitete, beim Studium in Zwickau und beim Schweißerlehrgang, den er besuchte. "Der November 89 war für mich wie eine Zeitreise", sagt er heute. Zu diesem Zeitpunkt waren die Wanderer schon reichlich drei Jahre lang ein sogenannter OV, ein Operativer Vorgang, der Staatssicherheit.

Das erfuhr er aber erst zehn Jahre später, nachdem er seine Stasi-Akte angefordert hatte. Warum so spät? "Ich weiß es - ehrlich gesagt - nicht", blickt Barth zurück. "Vielleicht, weil ich erst mal andere Sachen zu tun hatte." Mit der Akte hielt er schwarz auf weiß in den Händen, was die Band spätestens seit ihrem Auftritt beim Kirchenfestival "June 78" in Rudolstadt - einer Art Woodstock des Ostens - geahnt hatte: Sie stand im Visier der Stasi. Allerdings war Barth bis zu seiner Akteneinsicht nicht klar, wie aufwendig da operiert wurde: Es gab nicht nur Mitschnitte von Konzerten und eine Auflistung all seiner Texte, sondern beispielsweise auch ein Protokoll zu einer Begehung ihres Probenraums durch eine Abteilung, die für Abhörtechnik zuständig war. Man habe Auflagen gehabt, aber nie ein Auftrittsverbot, sagt Barth. Was er vor allem darauf zurückführt, dass die Texte eher zwischen den Zeilen kritisch waren und auch Reinhard Greim seine Ansagen sehr gut hingekriegt habe. Die seien so formuliert gewesen, dass man ihnen nichts anhaben konnte. "Das Publikum aber wusste, was gemeint war." Eigentlich sei man gar nicht so mutig gewesen, findet er heute. Da hätten andere viel mehr riskiert, die Klaus-Renft-Combo und insbesondere deren Texter Gerulf Pannach beispielsweise.

Umso geschockter war Barth, dass Wanderer auf einer Liste für ein Internierungslager stand. "Ich habe erst nach der Wende erfahren, was für ein toller Widerstandskämpfer ich war", sagt er und zeigt ein Schreiben aus seiner Akte. "... teilen wir Ihnen mit, das der B. in einem OV nach den §§ 106, 220 StGB bearbeitet wird. Er gehört der Musikformation ,Wanderer' an. Die Bearbeitung erfolgt aufgrund des Auftretens dieser Gruppe, die durch ihre Titel und Aussagen die staatliche Ordnung öffentlich herabwürdigt, die Maßnahmen des sozialistischen Staates bezüglich des Umweltschutzes verächtlich macht und die Jugendlichen aufputscht. Des weiteren wird pazifistisches Gedankengut verbreitet." Formuliert hat den Brief im Juli 1986 der Leiter der Stasi-Kreisdienststelle Stollberg, Adressat ist eine andere Kreisdienststelle.

Barth ist überzeugt, dass es ohne die Wende schlimm geworden wäre. Für ihn sei der politische Umbruch eine Befreiung gewesen. Diesen, aber auch seinen eigenen beruflichen Neuanfang bezeichnet er als Erfolgsgeschichte. Seit nunmehr 27Jahren unterrichtet Michael Barth an der Kreismusikschule in Stollberg. Auf der Bühne steht er noch, aber die Auftritte - unter anderem mit Schluckauf und Teachers Swing - sind seltener geworden. "Das ist nur noch zum Spaß, da geht es nicht mehr ums Geld verdienen."

Seit 2004 ist auch Wanderer wieder zu erleben, allerdings nur wenige Male im Jahr. Am 16. November ist es wieder einmal so weit, in Pockau-Lengefeld.

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