"Liebe Grüße" von historischem Wert

Seit genau 150 Jahren werden Postkarten verschickt. Sammler haben sich ihnen längst verschrieben - darunter ein Zschopauer, dem es besonders die heimatlichen Gefilde angetan haben.

Zschopau.

Abgeschickt wurde sie 1889, angekommen ist sie erst vor kurzem. Zumindest bei Carsten Beier, der historische Postkarten sammelt. Doch natürlich war der heute 40-jährige Zschopauer nicht der damalige Adressat. "Liebe Deutsche Reichspost, befördere diese Postkarte an Herrn Gustav", steht darauf geschrieben. Dazu noch die Bitte um Nachsendung. Denn von Dresden ging es weiter nach Unterhermsdorf bei Sebnitz. Auf der anderen Seite ist ein Abbild von Schloss Wildeck zu sehen - zusammen mit der Info, dass der Absender "heute eine Partie hierher gemacht" hat. "Hoffentlich ist es Euch halbwegs gut bekommen", liest Beier weiter die Zeichen in altdeutscher Schrift vor, ohne genau zu wissen, was dahintersteckt. Außer Frage steht dagegen, dass der Zschopauer mächtig stolz auf dieses Exemplar ist, denn es handelt sich um das älteste in seiner Sammlung.

Etwa 3500 Postkarten hat der 40-Jährige inzwischen beisammen. Zehn große Alben reichen kaum aus, um sie zu ordnen. Schließlich kommen immer wieder einige dazu. "Bei Haushaltsauflösungen wird man schon mal in einem Schuhkarton fündig", sagt Beier, dem das Glück ebenso bei Sammlerbörsen schon mehrfach hold war. In seinem Fall bedeutet das, auf historische Postkarten mit Bildern von Zschopau zu stoßen. "Es gibt verschiedene Anhaltspunkte, nach denen man sammeln kann", sagt er: Alter, Herkunft und Motive. Während sich einige auf das späte 19. Jahrhundert konzentrieren und andere auf Schiffe oder Bahnhöfe, hat sich der Zschopauer auf seine Heimat festgelegt. Er macht sich dabei eine Eigenschaft der Postkarten zunutze, die zunächst nur eine untergeordnete Rolle spielte. Denn als Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes, am 1. Juli 1870 auf Initiative von Generalpostdirektor Heinrich von Stephan die Corres-pondenzkarte einführte, ging es in erster Linie um die offen lesbare Mitteilung.

Illustrationen, die für Beier und so ziemlich jeden anderen Sammler das Salz in der Suppe ausmachen, gewannen erst mit der Zeit an Bedeutung und bestanden zunächst vorwiegend aus Lithografien. Immer öfter wurden dann auch Fotografien abgedruckt. "Dabei gab es die von einem Verlag erstellten Postkarten - und solche, die von Fotografen auf privater Ebene erstellt wurden", erklärt der Zschopauer, der beides im Repertoire hat. Von besonderem Interesse sind für ihn aber jene Motive, die Reisefotografen festhielten, als sie aus den Großstädten kommend übers Land zogen: "Statt größerer Ansichten haben sie meistens einzelne Häuser fotografiert und dem Besitzer oder den Geschäftsleuten zum Kauf angeboten." Diese bestellten dann eine geringe Anzahl an Karten, um sie an Verwandte und Freunde zu schicken. Selten und vor allem aufschlussreich sind laut Beier solche Exemplare, die mitunter Gebäude zeigen, von denen heute keiner mehr weiß, dass es sie jemals gegeben hat. Da meistens auch keine Bezeichnungen vermerkt waren, können häufig nur die Poststempel oder geschriebene Zeilen Geheimnisse preisgeben.

Im Fall eines herrschaftlichen Wohngebäudes, auf dessen Stufen eine junge Frau steht, schien auch Carsten Beier an Grenzen zu stoßen. Trotz seiner umfangreichen Recherchen und seiner bereits veröffentlichten Bücher wusste der Heimatforscher mit dem Motiv nichts anzufangen. Allerdings war auf der Rückseite von einer Frau Hübner die Rede, sodass der 40-Jährige in einem Adressbuch von 1912 doch noch fündig wurde. Das von der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek inzwischen digitalisierte Werk, das im Internet einsehbar ist, wies für jene Zeit nur einen Fabrikanten und einen Stadtgutbesitzer namens Hübner in Zschopau aus. Da war klar, dass es sich um die ehemalige Stadtgutvilla an der Alten Chemnitzer Straße handeln musste. "Es war das erste Bild, das ich von diesem Objekt hatte", so der Hobby-Chronist.

In anderen Fällen lagen Fotos schon vor, aber die Ansichtskarten halfen, mehr über den baulichen Zustand und die geschäftliche Nutzung der Häuser in verschiedenen Epochen herauszufinden. So lapidar mitunter auch die geschriebenen Zeilen klingen, die oft nicht viel mehr als "liebe Grüße" vermitteln, so groß ist dabei der historische Wert vieler Karten.

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