Mähen oder wachsen lassen: Mieter streiten um Blumenwiese

Das Insektensterben ist längst in aller Munde. In Wolkenstein zeigt sich dieser Tage: Zwar gibt es Befürworter von tierfreundlichem Wildwuchs, doch es gibt auch Widerstände.

Wolkenstein.

Die Wiesen für die Insekten wachsen lassen oder das Gras im Sinne des Ordnungsempfindens doch besser kurz mähen? Das ist eine Frage, die angesichts des wachsenden Umweltbewusstseins auch in der Region häufiger gestellt wird - wie kürzlich in Wolkenstein, wo gegensätzliche Meinungen aufeinanderprallen.

"So schön hat es bei uns am Wohnblock am Eingang geblüht", sagt Rita Bruder, während sie ein Bild mit Malven, Margeriten und Wegwarte zeigt. "Die Blüten waren ein Festmahl für Bienen und Schmetterlinge." Geblieben sei davon kaum etwas. Der Verwalter habe dem Hausmeister aufgetragen, alles wegzumähen, ärgert sich Rita Bruder über das aus ihrer Sicht rabiate Vorgehen. In Zeiten des Insektensterbens sei dies nicht nachvollziehbar. "Der Verwalter sollte den Prellbock des Jahres bekommen", findet sie drastische Worte.


Eigentümer der Immobilie ist Ivan Ivanov. "Freie Presse" fragte bei ihm nach, warum die Wiese weichen musste. Er befasse sich nicht näher mit dem Thema, so der Investor. Zuständig sei Verwalter Steffen Hocke. Es gebe Mieter, die Ordnung haben wollen, sagt Hocke. Längst nicht alle würden sich an den Blumen erfreuen. Für viele sei eine hohe Wiese ein Zeichen der Unordnung. Wird nicht gemäht, sieht sich der Verwalter mit Vorwürfen konfrontiert, er komme seinen Aufgaben nicht nach.

Steffen Hocke führt weitere Argumente ins Feld, die für das Kurzhalten der Pflanzen sprechen. So gebe es unter den Mietern Allergiker, die auf Gräserpollen reagieren und unter gesundheitlichen Problemen leiden. Für sie sei eine regelmäßige Mahd wichtig. Es könne außerdem nicht angehen, dass spielende Kinder von Insekten gestochen werden, weil "eine Mieterin ohne Erlaubnis sich einen Gartenersatz" schaffe, betont Steffen Hocke.

Eine Einigung ist schwierig. Dieser Situation ist sich der Wolkensteiner Bürgermeister Wolfram Liebing (parteilos) bewusst. Er spricht sich im Sinne der Artenvielfalt für mehr Umweltschutz aus, kennt aber zugleich die Grenzen. Die Stadt habe damit begonnen, auf öffentlichen Flächen nicht mehr überall zu mähen beziehungsweise die Intervalle zu verlängern. Das sei zum Beispiel an Wanderwegen der Fall, an denen es mit etwas Abstand zum Weg nun blühen darf. "Die Pflanzen haben auf diesen Flächen genügend Zeit, Samen zu bilden", so Liebing. Das Trage zum Erhalt bei. Zugleich werde der Lebensraum für Insekten verbessert. Auf allen Flächen mag er dies angesichts drohender Beschwerden im Augenblick nicht realisieren. Liebing: "Aufklärung und ein Umdenken sind nötig."

Das hat sich inzwischen auch der Freistaat Sachsen auf die Fahnen geschrieben. Erst kürzlich rief Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) dazu auf, der Natur mehr Raum zu lassen. Bürger, Unternehmer, Kommunen und Behörden sollen mehr Blühflächen mit vielfältigen Pflanzen schaffen. Die Flächen könnten den Insekten als Nahrung und als Schutz dienen. Auf Chemikalien oder Düngemittel solle verzichtet werden. Damit reagiert der Freistaat auf das Insektensterben. Viele Arten lassen sich insbesondere aufgrund intensiver Landwirtschaft kaum noch antreffen.

"Es geht nicht nur um die Bienen, sondern beispielsweise auch um Schmetterlinge, um Käfer und viele andere", betont Olaf Schmieder, Vorsitzender des Imkervereins Wolkenstein-Zschopautal. Viele der kleinen Tiere seien auf bestimmte Pflanzen spezialisiert. Können die Blumen wegen zu häufiger Mahd keine Samen bilden, geht der Lebensraum für viele Insekten zugrunde. Entsprechend wichtig sei es, die Menschen aufzurütteln. Eine kurz gemähte Wiese, die in der Hitze rasch verbrenne, sei eine tote Fläche, fasst Schmieder zusammen.

Verwalter Steffen Hocke betont: Er sei keinesfalls gegen den Schutz der Umwelt und könne sich vorstellen, an einer geeigneten Stelle an dem Wolkensteiner Wohnblock eine Wiese mit Wildblumen anlegen zu lassen. Zugleich nennt er dafür eine Voraussetzung: "Alle Mieter müssen einverstanden sein."

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 13
    3
    HHCL
    25.07.2019

    "Zugleich nennt er dafür eine Voraussetzung: "Alle Mieter müssen einverstanden sein.""

    Warum? Mit dem Mähen sind doch auch nicht alle einverstanden und es wird gemacht.

  • 17
    5
    Tauchsieder
    25.07.2019

    Der D-Michl lässt grüßen, preußische Tugenden, im Gleichschritt vorwärts Hr. Piefke!
    Schnurgerade und im rechten Winkel. 2 cm Rasenlänge und nur in eine Richtung gemäht, die Treppenordnung nicht vergessen und auch nicht die Kehrwoche.
    Was herrscht da bloß für eine Unordnung auf so einer Wiese, da wächst alles durcheinander, nicht in Reih und Glied.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...