Mit Vollgas gegen die Krankheit

Nur sehr wenige Starter beim Supercross-Rennen in Chemnitz kamen aus der näheren Umgebung. Tom Sönke Hänel ist einer von ihnen. Und er konnte einmal mehr eindrucksvoll beweisen, dass er sich von nichts unterkriegen lässt.

Borstendorf/Chemnitz.

Alles ist noch dran. Die Atmung funktioniert normal. Er kann selbstständig aufstehen. Glück gehabt. Es ist Samstagabend in der Messehalle Chemnitz und Tom Sönke Hänel liegt im Dreck. Er wurde im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen gefahren. Ein Gegner hat ihn am Hinterrad erwischt. Aus der Traum von einem Platz auf dem Podium. Mit einem Schlag ist das größte Erlebnis seines noch jungen Lebens vorbei. Sein Motorrad, eine KTM SX 50, läuft zwar noch. Doch der Neunjährige verzichtet darauf, wieder aufzusteigen. Die Vernunft siegt.

Den Sonntag verbringt der Junge, der in Borstendorf wohnt, im Krankenhaus. Vorsichtsmaßnahme. Das muss sein. Denn Tom Sönke Hänel leidet an Mukoviszidose - einer genetisch bedingten Stoffwechselerkrankung, die sich auf alle Organe auswirken kann. Mehrmals pro Woche muss er deshalb zur Physiotherapie, einmal im Vierteljahr zu Experten nach Dresden, wo er eingehend untersucht wird. Stimmen die Werte nicht, muss er im Krankenhaus bleiben, kommt an den Tropf.

Im vergangenen Jahr gab es so eine Situation. Das war Ende November. Tom Sönkes Eltern hatten damals Karten für das Internationale Supercross-Rennen in Chemnitz. "Wir haben uns das im Livestream im Krankenbett angeschaut", sagt Mutter Manuela Hänel. "Tom sagte damals, dass er im nächsten Jahr dort starten wird."

Dass es jetzt tatsächlich dazu kam, hätte Manuela Hänel damals nicht gedacht. Um beim Nachwuchsrennen des Supercross-Wochenendes starten zu dürfen, müssen die jungen Fahrer an einer überregionalen Serie teilnehmen und dort vorn mitfahren. "Bis 2018 ist Tom nur beim Flöha-Pokal mitgefahren. Das hat auch erst einmal gereicht, dachten wir", sagt die Mutter. "Er war durch seine Leidenschaft für den Sport schon immer ein besonderer Junge. Die Ärzte waren über seine guten Werte immer wieder überrascht. Aber übertreiben wollten wir es auch nicht."

Der Familienrat - auch Vater und Schwester wurden einbezogen - entschied, dass der junge Motorradsportler die größere Serie fahren darf. Und Tom Sönke hielt Wort: Der Sportler des MV Leubsdorf schaffte die Qualifikation für Chemnitz, stand am vergangenen Wochenende in der Startreihe für das SX-50-Rennen. "Das war der Wahnsinn", sagt er. "Vor dem ersten Lauf war ich total aufgeregt, denn es waren ja so viele Zuschauer in der Halle. Aber es ist ja ganz gut gelaufen."

Rang vier sprang für den jungen Borstendorfer heraus, im zweiten Lauf wollte er noch weiter nach vorn fahren. "Nachdem er beim Probetraining am Donnerstag und auch vor dem ersten Lauf am Samstag noch total angespannt war, wurde er vor dem zweiten Lauf komplett entspannt. Er war richtig gut drauf", sagt Manuela Hänel. Mit dieser Lockerheit startete Tom Sönke vor mehreren hundert Zuschauern in der rappelvollen Messehalle richtig gut, schnell war er dem Führenden auf die Pelle gerückt. "Als dann der Unfall kam, ist mir kurz das Herz stehengeblieben", sagt Manuela Hänel. "Ich war nur froh, dass er schnell wieder auf beiden Beinen stand."

In einer riesigen Halle auf einer tollen Strecke fahren zu dürfen, und das im Rahmenprogramm der Rennen der großen Motocross-Stars - es wäre nur zu verständlich gewesen, wenn der junge Motorsportler alle Bedenken über Bord geworfen hätte und trotz Schmerzen in der Magengegend wieder auf sein Motorrad gesprungen wäre. "Das macht er aber nicht", sagt Tom Sönkes Mutter. "Durch die Krankheit hat er gelernt, auf seinen Körper zu hören. Und er kann einschätzen, wann erst einmal genug ist."

Im Krankenhaus wurde festgestellt, dass alle Organe in Ordnung sind. Tom Sönke konnte am Sonntagnachmittag wieder nach Hause, am Montag ging er wieder ganz normal in die Schule. "Im nächsten Jahr fahre ich in der größeren Klasse SX 65. Ich will dann wieder in der Messe an den Start gehen", sagt er. Nicht nur seine Mutter ist sich sicher, dass er mit dieser Ansage Recht haben wird. Denn eines war schon vor dem Sturz klar: Unterkriegen lässt sich Tom Sönke Hänel von gar nichts.

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