Nach Heimweh doch glücklich geworden

30 Jahre Mauerfall: Als 14-Jährige ist Bianca Herrmann mit ihrer Mutter 1989 in einem der Sonderzüge von Prag nach Hof ausgereist. Doch nach der großen Euphorie war für die junge Olbernhauerin das Einleben im anderen Teil Deutschlands erst einmal schwierig.

Solingen.

Tausende DDR-Bürger hatten im Sommer 1989 die Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland geradezu gestürmt, um ihre Ausreise zu erzwingen. Mit insgesamt 14 Sonderzügen erreichten sie ab Anfang Oktober ihr Ziel. Unter ihnen befand sich die 14-jährige Bianca Schlegel aus Olbernhau mit ihrer Mutter Ingrid. Als ein "einziges großes Abenteuer" habe sie diese Zeit erlebt, erinnert sich die heute 44-Jährige an diese dramatischen Tage: "Ich habe mich unheimlich auf das neue Leben gefreut, war so erwartungsfroh. Alles ist so spannend gewesen." 30 Jahre später konstatiert sie: "Meine Mutter und ich führen beide ein erfülltes Leben. Aber ich habe Jahre gebraucht, im anderen Teil Deutschlands Fuß zu fassen."

Zweimal habe ihre Mutter einen Ausreiseantrag gestellt - "weil sie für mich in der DDR keine Perspektive sah", sagt die heute den Nachnamen Herrmann tragende Frau. Sie selbst habe damals keine konkreten Erwartungen an oder gar Ziele für ihr künftiges Leben gehabt: "Dazu war ich einfach noch zu jung."

Das Thema Ausreise habe für sie bis zum September 1989 auch keine Rolle gespielt: "Ich wusste, das entsprechende Bemühungen meiner Mutter gescheitert waren, was jedoch keinen Einfluss auf mich und mein Leben hatte. Wir verfolgten die Ereignisse in Ungarn. Dieser Weg war für uns versperrt, denn wir erhielten kein Visum mehr." Erst kurz vorher habe die Mutter sie in ihre Fluchtpläne in die Prager Botschaft eingeweiht. "Sie hat diesen Entschluss nicht einfach über meinen Kopf hinweg gefällt. Wenn ich die Entscheidung nicht mitgetragen hätte, wären wir wohl in Olbernhau geblieben", erinnert sich Bianca Herrmann. Und auch an den schweren Abschied von der Großmutter in Reifland: "Ich durfte niemandem etwas von unseren Plänen erzählen. Nur meiner Oma. Sie war sehr traurig, konnte unseren Entschluss aber nachvollziehen."

Der Weg ins Nachbarland sei aufregend gewesen: "An der Grenze gaben wir an, nur das Wochenende in der ČSSR verbringen zu wollen, hatten auch nur Bekleidung für zwei Tage gepackt. Dennoch wurden wir und unser Trabant am Grenzübergang Reitzenhain eine Stunde lang gefilzt. Danach ist uns rund eineinhalb Stunden ein Auto hinterhergefahren, da hatten wir schon Verfolgungsangst." Auch in Prag habe ihr bei der Suche nach der Botschaft die ganze Zeit die Angst im Nacken gesessen. Am Hintereingang des Palais Lobkowitz seien die beiden Frauen dann über den Zaun der Botschaft geklettert. Nach einer kalten Nacht im Freien folgte am Abend darauf schon die historische Ansprache von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, bei der er die Ausreisebewilligung der mittlerweile Tausenden Flüchtlinge auf dem Botschaftsgelände verkündete. Bianca und ihre Mutter zählten zu den ersten, die mit einem der Sonderzüge in Hof ankamen.

Der Euphorie der Ausreise folgten schwere Monate. Nach einem einwöchigen Zwischenaufenthalt im Aufnahmelager Gießen ging es zunächst drei Wochen in die Erstaufnahmeeinrichtung Unna-Massen, danach sechs Monate in ein Übergangsheim in Hilden. Daran hat Bianca Herrmann keine guten Erinnerungen: "Dort war es nicht so schön, Feldbetten sind kein richtiges Zuhause. Besser wurde es erst, als wir in Hilden eine Wohnung erhielten. Die Leute dort waren sehr hilfsbereit. Die Eltern meiner Mitschüler spendeten uns erste Einrichtungsgegenstände."

Doch die 14-Jährige überkam das Heimweh: "Ich habe den Geschmack der Wurst und der Brötchen vermisst, fand auch die Kuchen und Torten schrecklich. Ich wollte wieder nach Hause nach Olbernhau, habe das Gefühl von Sicherheit vermisst. Plötzlich in einer Stadt mit Straßenzügen von Mehrfamilienhäusern zu leben, die ganzen Gerüche - alles war neu, und es war mir zuviel."

Die Schule bereitete dem jungen Mädchen Probleme: "In der DDR hatte ich mittelmäßige bis gute Leistungen, hier habe ich mich sehr schwer getan, das strukturierte Schulsystem der DDR vermisst. Nach einem halben Jahr bin ich von der Real- auf die Hauptschule gewechselt." Nach dem Hauptschulabschluss ging es aufwärts: Auf einem Berufskolleg holte sie den Realschulabschluss nach, absolvierte danach eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Die junge Frau fasste Fuß im Berufsleben und gründete eine Familie.

Heute lebt die 44-jährige Mutter zweier Kinder mit ihrer zehnjährigen Tochter in Solingen. Den 13-jährigen schwerst mehrfach behinderten Sohn, den sie jahrelang gepflegt hat, kann sie aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen nicht mehr versorgen. Er lebt in einer Pflegeeinrichtung. Beruflich startet Bianca Herrmann gerade neu durch: Nachdem sie sechs Jahre lang als "Zahnfee" im Auftrag der Stadtverwaltung Solingen Kindern in Tageseinrichtungen das richtige Zähneputzen beigebracht hat, absolviert sie bei der Stadt nunmehr eine 20-monatige Ausbildung zur Verwaltungswirtin. Danach möchte sie eine zweijährige Qualifikation zur Verwaltungsfachwirtin anschließen: "Derzeit bin ich dazu in verschiedenen Bereichen tätig, sodass ich immer wieder neue, interessante Aufgabengebiete kennenlerne."

Das Verhältnis zu ihrer Mutter sei noch immer innig, auch diese führe ein glückliches Leben. Das Erzgebirge besuche sie mehr oder weniger regelmäßig: "Schon 1990 war ich wieder in Reifland bei meiner Oma, auf diese Reisen habe ich mich jedes Mal gefreut." Und auch der Kontakt zu ihrem Vater, der nach der Scheidung der Eltern Mitte der 1980er-Jahre abgebrochen war, sei wieder hergestellt: "Wir gehen jetzt sehr harmonisch miteinander um." Karlheinz Schlegel freut sich ebenso, seine Tochter nun hin und wieder zu sehen: "Bianca hat eine gute Entwicklung genommen. Heute bin ich stolz darauf, was sie erreicht hat."

Bianca Herrmann blickt auf die Flucht und die vergangenen 30 Jahre trotz der Anfangsschwierigkeiten in ihrem neuen Leben mit einer gelassenen Zufriedenheit zurück: "Die Ausreise war das Beste, was wir machen konnten." Die gebürtige Erzgebirgerin hat ihren Platz gefunden. Die Geborgenheit, die sie nach der Ausreise so vermisst hat, will sie nun ihrer Tochter bereiten: "Sie soll in Solingen ihr Zuhause haben. Dort will ich es ihr heimelig machen. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen, ihr in diesem Alter einen so abrupten Umbruch im Leben zu bereiten, wie ich ihn mit 14 erlebt habe. Aber wir leben ja auch nicht mehr in Zeiten wie damals."

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