Nussknackerhersteller Steinbach entlässt Großteil der Mitarbeiter

Weil ein US-Händler als Großabnehmer weggefallen ist, muss die Produktion in Gebirge massiv zurückgefahren werden. Ehemalige Beschäftigte erheben derweil Vorwürfe.

Gebirge.

Die Präsenz auf dem US-amerikanischen Markt ausbauen und zugleich in Deutschland bekannter werden - mit diesem Anspruch war Rico Paul angetreten, als er im Jahr 2016 den in Gebirge ansässigen Nussknackerhersteller Steinbach Volkskunst übernahm. Doch nun hat der Unternehmer einen herben Rückschlag hinnehmen und einen großen Teil seiner Beschäftigten entlassen müssen. Diese erheben gegenüber ihrem einstigen Arbeitgeber Vorwürfe und beklagen ausstehende Löhne.

Um die 50 Mitarbeiter hatte das Unternehmen. Wie viele von ihnen eine Kündigung erhielten, will Paul nicht sagen. Der Geschäftsführer gibt sich nach Rücksprache mit seinem Anwalt vorsichtig. Es gebe hinsichtlich des Arbeitsrechtes einigen Klärungsbedarf, daher könne er nicht alle Fragen beantworten. So viel sagt er jedoch: Der wichtigste Abnehmer aus den USA habe den überwiegenden Teil der Aufträge storniert. Es handelt sich bei ihm um einen großen Händler, der die im Erzgebirge produzierten Nussknacker in den Vereinigten Staaten vertreibt. Die USA sind für Steinbach der Hauptabsatzmarkt. Zwar sei zuletzt der Direktvertrieb etwa mit einem Schauraum in Atlanta ausgebaut worden, sagt Paul. Dies reiche jedoch keinesfalls aus, um den Wegfall auszugleichen.


Für die meisten Mitarbeiter kam die Entwicklung überraschend. Viele müssen sich nun nach einer neuen Beschäftigung umsehen, denn sie wurden zum Ende Juli gekündigt. Es gebe knapp 30 Betroffene, sagt eine der ehemals beschäftigten Frauen. Sie beklagt gegenüber "Freie Presse", dass sie erst kurzfristig von der Kündigung erfahren habe: "Meinen Kolleginnen und mir wurde mitgeteilt, dass wir innerhalb von zehn Minuten das Werksgelände zu verlassen haben. Ohne Angabe von Gründen." Am Tag darauf habe sie eine Freistellung und eine Kündigung per Bote erhalten. Andere bestätigen dies. Die Betroffenen kritisieren zudem, dass sie bereits seit Mai keinen Lohn erhalten haben und diesbezüglich stetig vertröstet würden. "Ich konnte sogar zuletzt nicht mehr zur Arbeit fahren, weil mir das Geld für den Kraftstoff fehlte", sagt eine weitere ehemalige Mitarbeiterin. Ihre Namen wollen die Betroffenen nicht öffentlich nennen. Sie befürchten weitere Probleme.

Die Kündigungen seien rechtens, betont Rico Paul. Die Arbeitsagentur sei entsprechend der Vorschriften einbezogen worden. Hinsichtlich der ausstehenden Löhne betont der Geschäftsführer: "Wir werden unseren finanziellen Verpflichtungen komplett nachkommen." Wann das Geld überwiesen wird, könne er im Augenblick noch nicht beantworten. Dass die betroffenen Mitarbeiter innerhalb von Minuten vor die Tür gesetzt wurden, will er so nicht stehen lassen. An dem Tag sei zeitiger Schluss gewesen. Viel mehr habe sich nicht dahinter verborgen. Die Betroffenen halten dagegen: "So sollte man nicht mit langjährigen Mitarbeitern umspringen."

Für Steinbach soll es unterdessen trotz des Rückschlages weitergehen. Zwar fallen die Belegschaftsgröße und der Produktionsumfang vorerst deutlich geringer aus. Das Sortiment mit rund 500 verschiedenen Nussknackern sowie Räuchermännern bleibe aber gänzlich bestehen, erklärt Rico Paul. Sein Ziel: neue Absatzwege finden und auf diese Weise die Kundenzahl wieder erhöhen. Steinbach sei nach wie vor in Amerika sehr bekannt. Der Unternehmer geht fest davon aus, dass der Standort in Gebirge erhalten bleibt.

Nicht der erste Rückschlag

In den vergangenen Jahren musste das Unternehmen Steinbach bereits mehrere Rückschläge hinnehmen. So konnte ein Teil der Belegschaft 2009 nur noch in Kurzarbeit beschäftigt werden. Schon damals ging der Absatz in den USA zeitweise zurück. Die Einbrüche bewegten sich in Millionenhöhe. Zudem gab es hinsichtlich der Produktion auf Lager Probleme mit der Finanzierung.

2015 kam es für das Unternehmen noch schlimmer. Ein Insolvenzverfahren musste angemeldet werden. Ein Auslöser sei damals die Einführung des Mindestlohnes gewesen, so die damalige Geschäftsführerin. Der Dresdner Unternehmer Rico Paul übernahm Steinbach. Für das Werk im niedersächsischen Hohenhameln gab es keine Rettung. In Gebirge wurde weiter produziert. (geom)

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